Lerchenberg

So lacht das ZDF über sich selbst

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Da hat der feine Herr Hehn einfach das Mainzelmännchen kaputt gemacht: Sascha Hehn alias Sascha Hehn treibt beim ZDF alle in den Wahnsinn.ZDF

Hannover - Was für eine charmante Idee: Das ZDF macht sich zu seinem 50. Geburtstag mit einer Minisitcom namens „Lerchenberg“ über sich selbst lustig. So viel Selbstironie hätte man dem behäbigen Musikdampfer gar nicht zugetraut.

Sascha Hehn? Der Sascha Hehn? Der in den Achtzigern im Bademantel mit Föhnfrisur unter Palmen rumgockelte und Touristinnen anbaggerte? Der stürmende und drängende Dr. Udo Brinkmann aus der „Schwarzwaldklinik“? Der soll jetzt hier in Billies (Eva Löbaus) künstlerisch wertvollem Filmprojekt eine Rolle bekommen, nur weil er vor ungefähr 1000 Jahren mal was mit ZDF-Filmchefin Dr. Elisabeth Wolter hatte?

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Und dann entpuppt sich die deutsche Antwort auf Tom Selleck auch noch als arrogante, größenwahnsinnige Diva, die statt einer Nebenrolle lieber einen stotternden Autisten im Rollstuhl spielen will, weil solche Rollen Fernsehpreise bringen. „Sascha Hehn spielt keine Nebenrollen!“, sagt Sascha Hehn und brettert zu fettem Rap mit Sonnenbrille und Angeberkarre auf den ZDF-Parkplatz.

Was für eine charmante Idee: Das ZDF macht sich zu seinem 50. Geburtstag mit einer Minisitcom namens „Lerchenberg“ über sich selbst lustig. So viel Selbstironie hätte man dem behäbigen Musikdampfer gar nicht zugetraut. Und so gibt’s aus der Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ zum Jubiläum viermal 23 Minuten über den alltäglichen Wahnsinn auf dem Mainzer Lerchenberg. Mit dabei: die engagierte Redakteurin, der komplizierte Kunstfilmer, die schleimende Praktikantin und der lockere „Philip vom Sport“. Und natürlich Sascha Hehn als Sascha Hehn, der sich so ungefähr für den größten Publikumsliebling seit Harald Juhnke hält, obwohl er nach einer Affäre mit der Mutter eines Redaktionsleiters auf der (fiktiven) internen Giftliste des ZDF steht - genau wie übrigens Wolfgang Lippert, Marianne und Michael, Thomas Gottschalk und Heinz Erhardt („Ja, wenn man da einmal drauf steht, kommt man so schnell nicht wieder runter …“).

Tatsächlich gibt es ein paar lustige Szenen in „Lerchenberg“: wenn Wayne Carpendale und Hehn um die Rolle des Matula-Nachfolgers in „Ein Fall für zwei“ rangeln (siehe auch Text links). Wenn auf dem Bürofenster der Filmchefin die Mainzelmännchen aus Window-Colour-Farben grinsen. Wenn auf Hehns T-Shirt ganz beiläufig „Als Gott mich schuf, wollte er angeben“ steht. Wenn Billie sich einredet, sie könne ihrem Team die Personalie Hehn vielleicht als selbstreferenzielles Metasymbol dafür verkaufen, dass das alte Fernsehen tot ist.

Doch leider, leider hat die Macher auf halber Strecke der Mut verlassen. Zu sehr verließ man sich offenbar auf die Strahlkraft der Grundidee, zu wenig wurde in Story, Tempo, Buch, Witz und Timing investiert. Und so ist „Lerchenberg“ leider keine konsequente Comedy geworden, sondern phasenweise etwas hüftsteife Ware, die allein von der Verpflichtung Hehns lebt. Als habe man sich vom üblichen „Kleines Fernsehspiel“-Kunstanspruch in Wahrheit nicht ganz lösen können. Handwerklich saubere, freche Komik mit hoher Gagdichte ist eben ein ganz andereres Feld und nicht minder schwer zu bestellen.

Während sich Hollywood („Bofingers große Nummer“, „Truman Show“) und das US-Fernsehen („30 Rock“, „The Newsroom“, „Episodes“ mit Matt LeBlanc) oft selbstreflexiv und mit großer Zerstörungslust über das eigene Medium hermachen, gibt es im deutschen Showgeschäft keine große Nabelschau-Tradition. Allenfalls Bastian Pastewka nimmt sich in „Pastewka“ (SAT.1) mit einer überhöhten Version seiner selbst und realen Kollegen erfolgreich und originell selber hoch. Hehn selbst sagt über sein Engagement: „Ich habe gedacht, die wollen mich verarschen.“ Dann sagte er zum Glück doch zu.

Zwischen NBC-Heldin Tina Fey in „30 Rock“ und ZDF-Billie liegen Welten. Das liegt an den Drehbüchern der sechs (!) Autoren, die aus der herrlichen Lederjacken-Schlunzigkeit von Hehn („Internet? Was ist das?“), aus dieser ganzen vermufften „Stromberg“-Welt mit all ihren Zimmerpflanzen und Pappaufstellern leider zu wenig Funken schlagen. Zu würdigen ist, dass im ZDF-Kosmos überhaupt ein solcher Coup möglich ist. Das Ergebnis freilich ist eher ein Insiderspaß für die Jubiläumsparty. Ein leichter Grauschleier liegt über dem Geschehen. Wenn das eine Anspielung auf das ZDF-Image sein soll, wäre sie brillant.

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