Podiumsdiskussion

Das Leibniz-Forum diskutiert über den Begriff "christlich-jüdisch"

- Eine hochkarätig besetzte Diskussion im Historischen Museum Hannover, die den Auftakt zum neuen Leibniz-Forum setzte, befasste sich mit dem Modebegriff "Christlich-jüdisch".

Wenn Mathematiker sich ans Wurzelziehen machen, suchen und bestimmen sie die Unbekannte X in einer Rechnung. Wenn Politiker von kulturellen „Wurzeln“ reden, appellieren sie in der Regel an das Vertraute, um sich gegenüber Neuem oder Fremden zu positionieren. Auch deshalb wird die Rede von den angeblich „jüdisch-christlichen Wurzeln“ unserer Kultur immer salonfähiger, obwohl sie bei Lichte betrachtet doch ein merkwürdiges Konstrukt ist. Das zeigte jetzt eine hochkarätig besetzte Diskussion im Historischen Museum Hannover, die den Auftakt zum neuen Leibniz-Forum setzte, mit dem Prof. Wenchao Li zur Vertiefung politischer Diskussionen beitragen will.

Bereits in seinem Einführungsreferat machte der Staats-und Rechtswissenschaftler Christian Waldhoff pointiert deutlich, dass die deutsche Verfassung zwar viele Anleihen aus dem kanonischen (also katholischen) Recht, aber so gut wie keine aus der jüdischen Tradition habe. Die von Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zum 3. Oktober („Der Islam gehört zu Deutschland“) verwendete Formel von den „jüdisch-christlichen Wurzeln“ sei eine Sprachfigur, die sich zugleich nach innen wie nach außen wenden solle, etwa wenn über den Beitritt der Türkei in die Europäische Gemeinschaft diskutiert werde. Als „Ausschlussformel“, die in der Regel gegen den Islam gerichtet sei, kritisierte die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan den Begriff – und war sich da mit nahezu allen Teilnehmern einig.

Der hannoversche Staatsrechtler Ulrich Haltern sprach von einem „Bruch des kulturellen Archivs“ und wies auf die Zeit des Nationalsozialismus und den Neubeginn nach 1945 hin. Almut Shulamit Bruckstein Çoruh, Professorin für Jüdische Religionsphilosophie, griff noch tiefer ins Archiv. Schon in der historischen Abfolge sei das Begriffspaar irreführend, meinte sie. Denn das Judentum sei wesentlich durch das Rabbinertum geprägt, das aber nach den christlichen Patristikern im frühen Mittelalter erblühte. Die simple Gegenüberstellung des angeblich modernitätsfeindlichen Islam gegenüber einer der Aufklärung verpflichteten „jüdisch-christlichen“ Kultur machte nicht nur Bruckstein „rasend“. Denn die europäische Aufklärung habe etwas korrigiert, was sich im Christentum falsch entwickelt habe, während im frühen Mittelalter der Islam hoch entwickelt gewesen sei. „Die innerislamische Debatte um die Modernisierung wird gar nicht zur Kenntnis genommen“, sekundierte der hannoversche Religionswissenschaftler Prof. Peter Antes. Von markigen Sätzen wie „Wer die christlich-jüdische Kultur ablehnt, hat keinen Platz in Deutschland“ hält der Theologe wenig, selbst wenn hohe Politiker solche Sätze sprächen: „Dann wären schon 34 Prozent der Bevölkerung weg.“

Wenn sich auch alle in der Ablehnung dieses Begriffspaares einig zeigten, fiel es ihnen doch schwer, einen Ersatz zu finden, was denn nun die deutsche oder europäische Kultur ausmache. Da mochte Moderator Reinhard Bingener (FAZ) noch so fragen. Das Publikum im voll besetzten Museum verfolgte mit Andacht die gelehrte Diskussion. Und Leibniz-Professor Wenchao Li freute sich über einen gelungenen Auftakt seiner Forums-Reihe, die im Herbst fortgesetzt werden soll.

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