Tui Arena

Marius Müller-Westernhagen spielt vor 12.000 Fans in Hannover

- Irgendwas dazwischen: Marius Müller-Westernhagen und 12.000 Fans haben am Sonntagabend in der TUI Arena viel Spaß miteinander. Auch mit seinen 61 Jahren hat er seine Fans noch zum Tanzen gebracht.

Vor ein paar Wochen hat Marius Müller-Westernhagen in einem kleinen Klub in Berlin gespielt. Aufwärmrunde für die große Tournee, 500 Zuhörer, Blues, Rock, Balladen und ein Hauch von Alterswerk. So könnte man sich die Sache vorstellen mit dem 61-Jährigen, der mal der Marius war, dann Herr Westernhagen und nun irgendetwas dazwischen. Zwischen Jeans und Armani-Anzug. Zwischen dürrem Theo-Hering und weisem Hai.

Dazwischen ist ohnehin ein Begriff, der vieles beschreibt, was der Entertainer jetzt macht. Zum Beispiel am Sonntagabend in Hannover: Als in der bis unters Dach gefüllten TUI Arena um 20.30 Uhr das Licht ausgeht, warten 12.000 Fans gespannt, was ihnen ihr Ma-ri-us zu bieten hat. Er hatte den großen Arenen bereits abgeschworen, das dann aber später korrigiert. Die Stadien habe er gemeint. Wer 12.000 Zuschauer als Zwischengröße sieht, muss wirklich mal ein Superstar gewesen sein.

Womit mag es losgehen, nachdem ein bisschen Revuemusik vom Band den Abend einläutet? Mit etwas Altem? Etwas Neuem? Die Gitarrenriffs, die sich ins Intro mischen, geben die Antwort: Es ist etwas dazwischen. „Jesus“, ein Song aus den Neunzigern, rollt durch den Saal. Der Vorsänger, enge Hose, weites Hemd, Seidenschal, Lennon-Brille, aber mit Goldrand, röhrt wie ehedem, als ob er sagen wollte: „Hört mal, ich kann’s noch!“ Effekt: Die Menge gerät in Bewegung. Das kann er. Wie kaum etwas anderes. Viele Graumatten im Publikum zeigen zwar: Auch seine Jünger werden älter, aber: Sie kommen, wenn er ruft, und tanzen, solange es geht. Und unten, im unbestuhlten Innenraum, machen sie Oldschool-Party: Sie klatschen in die Hände, anstatt mit den Armen zu fuchteln oder mit dem Handy zu winken. Sieht man ja auch nicht mehr so oft.

Die Bühne ist groß, aber einfach, das Licht geschmackvoll, eine große Videowand und drei kleine Exemplare garnieren die Songs mit Bildern und Filmchen, oft einfallsreich, manchmal auch jenseits der Kitschgrenze. Aber an einem so nostalgisch aufgeladenen Abend passt ein bisschen Kitsch gar nicht so schlecht. Schließlich ist der Dienst am Fan Pflicht und Schuldigkeit alternder Rockstars. Das Volk will den Rück-, nicht den Ausblick. So werden manche Künstler zu ihrer eigenen Coverband.

Doch diese Gefahr läuft Westernhagen schon deshalb nicht, weil er nach wie vor neue Songs veröffentlicht – und seine Zuhörer in Hannover damit zunächst auf eine kleine Geduldsprobe stellt. Eher gemächlich schaukeln die Stücke vom neuesten Album „Williamsburg“ durch den Saal. Texte, die wie „Typisch du“ ein bisschen melancholisch sind und eher resümieren denn provozieren. Und auch ein Song wie „Wir haben die Schnauze voll“ ist mehr Attitüde als Haltung. Seine Zehnmann-Band schafft mit ihrem Bluesrock zwar eine ganz coole Szenerie, doch die Typen in den Liedern rauchen nicht Camel ohne, sondern Milde Sorte.

Die Fans halten sich zunächst noch zurück, als ob auch sie ihr Pulver nicht zu früh verschießen wollten – und weil Westernhagen seine Klassiker auch zunächst dosiert einstreut: „Es geht mir gut“, „Fertig“, und bei „Willenlos“ geht es dann erstmals richtig los. Langsam kommt die Show auf Temperatur, ein hochlaszives Duett mit seiner Backgroundsängerin zu „Aber lieben werd ich dich nie“ ist ein wunderbarer Moment zwischen Rock-’n’-Roll-Erotik und augenzwinkernder Persiflage auf den Amüsierbetrieb.

Ohnehin scheint das Alter ihm ein bisschen Lockerheit im Umgang mit sich selbst eingeflüstert zu haben. Statt den Messias zu geben wie früher, nimmt er sich selbst hoch: „Als ich vorhin den Text vergessen habe“, sagt er und zeigt auf seinen musikalischen Direktor, „das war seine Schuld.“ Dafür muss der gute Mann, wie fast alle in der Band Amerikaner, die Kollegen auf der Bühne selbst vorstellen.

Das hannoversche Publikum zeigt sich dafür und für vieles andere dankbar. Dankbar für die Songs, aber auch dankbar für eine gute Zeit, die der Mann einem mal beschert hat, als keine Party ohne seine Lieder zu Ende ging. „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ rauscht durch die Halle, drei Minuten deutscher Rockgeschichte (mit kleinem Mitsingnachklapp), „Sexy“ ist und bleibt eine unverwüstliche, treibende Rocknummer, und „Mit 18“ eröffnet die Zugaben, zunächst mit dem langsamen Blues-Intro und dann im soliden Rocktempo. So, wie der ganze Abend ist. Der Saal tanzt. Und schließlich gehen alle ganz gemütlich mit „Johnny Walker“ ins Bett.

Der Kater heute könnte ein Muskelkater sein.

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