Dirigent im Interview

Masur: „Der Kuppelsaal hat Flair“

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Deutschlands größter Kapellmeister, Kurt Masur.

Hannover - Deutschlands größter Kapellmeister, Kurt Masur, spricht im HAZ-Interview über Hannover, klingelnde Handys und das Alter.

Wie geht es Ihnen, Herr Masur? Es geht mir blendend. Gut, meine Frau und ich haben gerade diesen Infekt, daher musste ich auch zwei Konzerte ausfallen lassen, aber ich bin dankbar, in meinem Alter noch so viel machen zu können.

Der Musik wird ja eine heilende Wirkung zugesagt. Gibt es Komponisten und Werke, die Sie hören, wenn Sie krank sind? Oder brauchen Sie absolute Ruhe? Es gibt Kompositionen, deren Struktur sehr destruktiv für das Empfinden sein kann. Musik ist eine Kunstform, die sich Körper und Seele gleichermaßen mitteilt. Bei einer Krankheit oder auch großer nervlicher Belastung kann ein Mensch daher weniger aufnahmefähig sein.

Und welche Art von Musik hören Sie in so einem Fall? Debussy zum Beispiel. Das ist Musik, die sich über den Alltag erhebt – nicht nur philosophisch. Man kann sie halb wach hören, im Traumzustand. Das ist für mich manchmal verführerisch. Stücke wie Debussys „La Mer“ vermitteln ein ganz besonderes Gefühl, das ich genieße, wenn ich Ruhe und Harmonie brauche.

Sie sind mit dem London Philharmonic Orchestra am 4. Februar im Kuppelsaal in Hannover zu Gast. Anfang der achtziger Jahre waren Sie zum ersten Mal hier, und 1991 dirigierten Sie sogar an fünf Abenden alle Beethoven-Sinfonien mit dem Leipziger Gewandhausorchester. Welche Erinnerungen haben Sie an den Kuppelsaal? Ich mochte den Kuppelsaal von vornherein. Er hat ein ganz besonderes Flair. Wichtig ist nur, dass man in ihm die richtigen Werke spielt: Bruckner geht besser als eine Mozart-Sinfonie, die für ihn viel zu intim wäre.

Welche Erinnerungen haben Sie an das hannoversche Publikum? Es hat die hannoversche Mentalität: Hannover ist eine gepflegte Stadt, eine Stadt mit Stolz, aber auch eine Stadt, von der ich denke, sie könnte poetischer sein, weniger geschäftsbetont.

Wie meinen Sie das? Es gibt ja Städte, die sind so gebaut, dass sich die Menschen an ihnen erfreuen, wie Venedig. Und dann gibt es große, zweckmäßige Städte, über die die Menschen aber auch sagen, das ist meine Stadt, meine Heimat. Hannover ist eine Stadt, deren Reiz ich nicht gleich gespürt habe. Es ist aber auch eine Stadt, in der musikalisch unglaublich viel passiert.

Sie haben das Orchestre National de France in Paris und das New Yorker Philharmonic Orchestra geleitet. In New York hat einer Ihrer Nachfolger, Chefdirigent Alan Gilbert, kürzlich Mahlers neunte Sinfonie unterbrochen, weil in der ersten Reihe ein Handy geklingelt hat. Bei einer so ungeheuerlichen Störung fühle er sich gezwungen zu stoppen, sagte er. Haben Sie in Ihrer Karriere Ähnliches erlebt? Das habe ich tatsächlich. Wir haben in New York einmal Schostakowitschs fünfte Sinfonie gespielt. Beim langsamen Satz in der Mitte kommt das Oboensolo. Die Oboe spielt fast alleine, und man spürt richtig das Gefühl von Schostakowitschs Einsamkeit, die Stille der Welt, die ihn umgab. Das Publikum wurde ebenfalls still und betroffen. Und da klingelte es. Ich konnte nicht weiter, der arme Oboer auch nicht, und da habe ich, ohne etwas zu sagen, abgebrochen und bin für drei Minuten rausgegangen. Als ich zum Pult zurückkam, bekam ich, bevor ich den Satz noch einmal begann, Applaus. Das Publikum hatte verstanden.

Wurden Sie öfter unterbrochen? Manchmal passierte es auch bei Jugendkonzerten, dass die jungen Zuhörer nicht so konzentriert waren. Da muss man dann was sagen. Es ist schließlich so, als würde man etwas fragen und bekäme keine Antwort. Ein Konzert besteht aus Spielen, Zuhören und Sichfragen, was die Kunst sagen will.

Sie werden dieses Jahr 85 Jahre alt. Wie lange möchten Sie noch ein Orchester leiten? Ich denke mir, solange es Menschen gibt, die zuhören wollen, macht es Sinn, weiterzumachen. Mich hält das aktiv, und ich will noch viele Dinge entwickeln. Ich bin froh, dass ich noch nicht stehen geblieben bin. Das Alter macht sich zwar bemerkbar, aber nicht negativ, sondern positiv.

In welchen Bereichen? Manches kann man erst in hohem Alter begreifen. Bei der Vorbereitung auf Beethovens „Missa Solemnis“ habe ich ganz neu und beglückt festgestellt, wie groß ein Werk wie dieses ist. Beethoven hat es, nachdem er zehn Jahre lang nicht komponiert hatte, im Zustand der Taubheit und der schweren Krankheit geschrieben. So eine Botschaft zu senden, das ist erst kurz vor dem Aufwiedersehen möglich.

Bis zu ihrem Aufwiedersehen ist es doch aber hoffentlich noch eine Weile hin. Ich muss mich damit beschäftigen.

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