Teilen statt Besitzen

Meins, deins – noch eins!

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Foto: Kleider für alle: Pola Fendel und Thekla Wilkening (links) führen die „Kleiderei“, Susanne Richter und Martin Huber (rechts) den Kleiderkreisel.

Hannover - Teilen ist das neue Haben – das zumindest versprechen viele Tauschbörsen im Internet. Zu weniger Konsum allerdings führt das nicht.

Über die Bohrmaschine lässt sich sagen, was einst auch den VW Käfer berühmt machte. Sie läuft und läuft und läuft. Die meisten Geräte tun jahrzehntelang ihren Dienst. Tatsächlich aber ist jede Bohrmaschine im Schnitt nur etwa 13 Minuten ihres Lebens im Einsatz. Und irgendwann landet sie auf dem Müll. Menschen wie Philipp Glöckler wollen das ändern. Der Hamburger Start-up-Unternehmer hat die Internetplattform Whyownit.com gegründet, auf der Geräte wie Bohrmaschinen, aber auch Bücher, Fahrräder, Kleidung, und vieles mehr verliehen, geteilt und getauscht werden. Wenn der Businessplan von Philipp Glöckler aufgeht, werden ihm eines Tages Millionen Menschen folgen.

Was früher auf dem Dorf wie selbstverständlich geschah, trägt in der digitalisierten Gesellschaft den Namen Sharing Economy. „Teilen ist das neue Haben“ lautet das Credo einer ganzen Branche, die unermüdlich immer neue Tauschbörsen im Internet mit Leben füllt. Von Autos über Musik bis Klamotten: Zahlreichen Studien zufolge wird die alternative Form des Ko-Konsums, in dessen Mittelpunkt nicht mehr der persönliche Besitz, sondern die Gemeinschaft steht, bisherige Konsumformen zumindest ergänzen.

Der Marktplatz für diesen Handel ist das Internet. Es verbindet Angebot und Nachfrage. Im Idealfall sind Geber und Nehmer nicht nur einen Mausklick voneinander entfernt, sondern leben sogar in derselben Stadt. Alles eine Frage des richtigen Algorithmus. Und offenbar fällt es vielen nicht schwer, sich vom alten Besitzdenken frei zu machen.

Jeder zweite Deutsche hat bereits Erfahrungen mit Tauschbörsen gemacht. Das belegt eine Erhebung, die die Leuphana Universität Lüneburg durchgeführt hat. Knapp ein Drittel der Verbraucher ist nach Angaben des Bundesumweltministeriums gegenüber neuen Formen des Konsums ohne Besitz aufgeschlossen. Selten genutzte Gegenstände, wie zum Beispiel Gartengeräte oder Werkzeuge, haben immerhin 25 Prozent der Befragten schon einmal von anderen gemietet.

Zwar ist die Zahl der Tauschenden und Leihenden auf die Gesamtwirtschaft gerechnet noch verschwindend gering. Die Gesellschaft für Konsumforschung sieht aber vor allem bei den zwischen 1980 und 1995 geborenen Konsumenten eine Abkehr vom bisherigen Besitzstandsdenken. Die sogenannte „flexible Generation“ macht sich wenig Hoffnungen auf ein ähnlich kontiniuierliches Arbeitsleben, wie es noch ihre Eltern hatten. Folglich hat sich auch ihr Verhältnis zum Besitz verändert: Alles, was diese Menschen in ihrer Mobilität einschränkt, wird als störend empfunden – angefangen von – die Digitalisierung macht es möglich – prall gefüllten Bücher- und CD-Regalen bis hin zu großen Möbeln und zu viel Kleidung.

Da ist zum Beispiel Sebastian Michel. In seinem Blog beschreibt der 24-jährige Webentwickler seit einigen Jahren als „Mr. Minimalist“ sein Leben ohne materiellen Überfluss. In Michels 13 Quadratmeter großem WG-Zimmer in Berlin stehen nicht mehr als eine Kleiderstange von Ikea, eine Box für Socken, Sportsachen und Unterwäsche und ein Lattenrost mit Matratze. Bücher liest Michel auf dem E-Reader, Musik und Filme hat er auf dem Laptop gespeichert. „Warum soll ich damit lange Regale füllen?“, fragt er. In den Wintermonaten leistet sich die WG bisweilen ein Fernsehgerät für gemeinsame Filmabende – wenige Monate später wird das Gebrauchtgerät weiterverkauft. „Mir geht es nicht grundsätzlich darum, wenig zu besitzen“, sagt der 24-Jährige, der vom Beta-Haus, einem der größten Berliner Co-Working-Spaces aus seine Kunden betreut. „Ich muss mir bei jedem Gegenstand aber bewusst sein, warum ich ihn brauche und ob er für mein Leben sinnvoll ist.“

Karin Frick vom Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Institut und Autorin einer groß angelegten Studie unter dem Titel „Sharity“ nennt noch einen Grund, warum eine wachsende Zahl von Deutschen zunehmend Wert aufs Tauschen und Teilen legt: „Die Menschen sehnen sich nach Authentizität, sie wollen etwas, das bleibt“, sagt sie. Das reicht bis hin zu menschlichen Beziehungen. So stünde im Vordergrund der meisten Tauschaktionen nicht der Nutzen an sich, sondern die Kontaktaufnahme zu anderen Mitmenschen. „Vor allem in den anonymisierten Großstädten mit vielen Singlehaushalten ist das zu beobachten“, sagt Frick. Während die enge Bindung zum Besitz schwindet, wächst die emotionale Beziehung zu den Tauschpartnern ausgerechnet da, wo sonst auch gern im Schutz der Anonymität gepöbelt wird – im Internet.

Das berichtet auch Ines Rainer, die vor einem Jahr die Lebensmitteltauschbörse foodsharing.de mitgründete, um der Verschwendung von Nahrung entgegenzuwirken. Während in Hamburg-Altona Blumenkohl und Chaitee den Besitzer wechseln, stellt sie zufrieden fest, dass ihr vor allem ein Nebenaspekt Freude bereitet: „Das Tauschen macht einfach Spaß. Man lernt so viele nette Menschen kennen – und spart auch noch Geld.“ Wer einige Male bei der Kleidertauschbörse Kleiderkreisel.de aktiv war, kann das bestätigen. Beim Tausch von meist kostengünstigen Pullis oder T-Shirts wird überraschend herzlich miteinander kommuniziert, manchmal liegt sogar eine kleine Aufmerksamkeit wie ein Fläschchen Nagellack mit im Paket – ganz nach dem Motto: Wenn du das gleiche Kleid magst wie ich, bist du schon fast eine Freundin von mir.

Die Tauschbörse, bei der die Gründerinnen Susanne Richter und Sophie Utikal anfangs noch unter sich mit Freundinnen waren, ist zu einer Art Riesenmaschine mit 1,7 Millionen Nutzern geworden. Nach Unternehmensangaben ist Kleiderkreisel.de die größte derartige

Onlineplattform Deutschlands. Am Donnerstag erst vermeldete Mamikreisel.de, ein Ableger für Baby- und Kinderkleidung, den millionsten Nutzer. Die Gründer, die sich nach Erzählungen einst gerade einmal nur 50 Euro auszahlten, sind nun hauptberuflich bei dem Unternehmen tätig, das über eine Dachfirma in Litauen finanzkräftige Investoren für sich gewinnt. Für Kritiker der Branche ist das die Schwachstelle des Systems: Tauschbörsen werben mit dem Sinn für Gemeinschaft, dem Handel ohne monetäre Währung und Nachhaltigkeit, und wenn das System ins Laufen gekommen ist, verdienen Investoren das große Geld.

Das US-amerikanische Privatzimmervermittler AirBnB, mit mehr als 350.000 Angeboten in mehr als 192 Ländern einst einer der Vorzeigekandidat der Szene, steht aus diesem Grund in Berlin in der Kritik. In der Bundeshauptstadt hatten Politiker befürchtet, dass die hohe Zahl der Zimmervermittlungen die ohnehin steigenden Mieten noch zusätzlich in die Höhe treiben könnte.

Dass die neue Lust am Tauschen und Teilen die Konsumformen grundsätzlich verändert, gilt bisher als fraglich. Whyownit-Gründer Philipp Glöckler etwa bekennt sich in Interviews zum Konsum – so wie auch viele der Tauschbörsen-Kunden. Das Team von Kleiderkreisel sieht denn auch Schwächen in der grundsätzlich nachhaltigen Weitergabe von gebrauchter Kleidung: „Natürlich kann unser Prinzip nur funktionieren, weil zu viele Menschen immer noch viel zu viel Kleidung einkaufen“, sagt Geschäftsführerin Susanne Richter.

Von Jägern und Sammlern

  1. foodsharing.de : Am Sonntag kein Mehl mehr im Haus? Die Milch ist alle? Die Nutzer von foodsharing.de lösen dieses Problem – und finden mit etwas Glück eine überschüssige Packung beim Nachbarn. Eine Gruppe von Menschen um den Dokumentarfilmer Valentin Thurn („Taste the Waste“) gründete die Plattform vor knapp einem Jahr, um die Verschwendung von Lebensmitteln zu stoppen. Mittlerweile sind nach eigenen Angaben 35 000 Nutzer aktiv. 3000 ehrenamtliche Foodsaver verteilen nach dem Prinzip der Tafeln abgelaufene Lebensmittel aus Supermärkten an Bedürftige. Mitmachen ist kostenlos.
  2. Kleiderei: In der Szene des Tauschens und Teilens ist es eher ungewöhnlich, dass ein Projekt tatsächlich offline startet. Die beiden Studentinnen Pola Fendel und Thekla Wilkening haben mit ihrer Kleiderei, Bartelstraße 65, 20357 Hamburg, aber so viel Erfolg, dass sie demnächst auch online verleihen wollen: Das Prinzip ähnelt einer Bücherei: Für einen Monatsbeitrag dürfen die Kundinnen ausgewählte Stücke von Jungdesignern und aus dem Vintagehandel ausleihen und anschließend frisch gewaschen wieder abliefern. Gekauft werden kann nichts. Der absolute Renner ist laut Pola Fendel derzeit ein schwarzer Kaschmirpullover von Yves Saint Laurent – weil er sich so schön anfühlt. Wer ihn probieren möchte, findet die Kleiderei voraussichtlich ab Juni unter kleiderei-hamburg.de.
  3. Frents: Das Kunstwort frents (www.frents.com) steht für „Friends rent things“ („Freunde mieten Dinge“). Über die Plattform können sich Nachbarn, die geben und nehmen wollen, untereinander finden. Wer in der eigenen Umgebung welche Dinge verleiht, sieht man auf einer „Karte der nutzbaren Dinge einer Gesellschaft”. Besonders beliebt in Hannover ist in der Rubrik Werkzeuge tatsächlich ein Hammer.
  4. Tauschticket: In der Zeitrechnung der Start-ups ist tauschticket.de ein echter Oldtimer, deshalb aber nicht weniger nützlich. Ursprünglich als Bücherbörse gestartet, können Nutzer Dinge aller Art tauschen. Allerdings muss man dazu die Währung kennen: Jeder Nutzer bewertet seine Artikel mit ein bis fünf Tauschtickets, um später damit andere Dinge „kaufen“ zu können.
  5. Tamyca: Ein privates Modell des Car-Sharings: Wer sein Auto anmeldet, erscheint sofort auf einer virtuellen Karte, die Interessenten anzeigt, wo verfügbare Wagen stehen. Ausleiher bezahlen Benzinkosten, zuvor vom Vermieter festgelegte Gebürhen sowie eine Versicherungs- und Gebührenpauschale in Höhe von mindestens 4,90  Euro an die Plattform selbst. Versicherungsschutz gibt es von der „Württembergischen“.

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