Fotoausstellung in Berlin

Mode zum Anbeißen

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Foto: „Das Strandbild“ mit den vier Badedamen hat Clifford Coffin für die „American Vogue“ im Jahr 1949 fotografiert.

Berlin - Lassen sich 100 Jahre Modefotografie in einem Begriff beschreiben? Ein Ausstellungstitel trifft es mit "Zeitlos schön" ganz gut.

Modefotos sind letztlich auf Enttäuschung angelegt. Das sagte der französische Philosoph Roland Barthes. Die Bilder enthalten Rätsel, die sich nicht lösen lassen. Sie transportieren unhaltbare Versprechen und suggerieren Sinn, wo keiner ist. Und doch oder gerade deshalb werden sie zunehmend als Kunst angesehen, in Museumsausstellungen gezeigt und auf dem Markt als Fetische gehandelt. Ein „Big Nude“ von Helmut Newton erzielte 2008 bei Christie’s in New York eine knappe halbe Million Dollar.

Das C/O Berlin gibt mit der Ausstellung „Zeitlos schön - 100 Jahre Modefotografie von Man Ray bis Mario Testino“ einen Überblick über die Geschichte der Modefotografie. 160 Bilder, überwiegend Erstabzüge, von den 1910er Jahren bis heute zeugen von der Mode als Ausdruck und Spiegel der jeweiligen Epoche. Erstmals öffnet der Condé-Nast-Verlag, der seit 103 Jahren die „Vogue“ herausgibt, seine Archive in New York, Paris, London und Mailand. Auch „Vanity Fair“ und „Glamour“ sind Condé-Nast-Produkte.

„Als eines der wenigen großen Verlagshäuser haben wir das Archivmaterial vollständig aufbewahrt, Millionen über Millionen Bilder“, sagt Archivdirektor Shawn Waldron. Man habe etwa 50 Abzüge des legendären Modefotografen Edward Steichen aus den dreißiger und vierziger Jahren in den Depots erwartet, erzählt die Kuratorin der Ausstellung, Nathalie Herschdorfer. „Tatsächlich sind wir auf etwa 2000 Prints allein von Steichen gestoßen.“ Eine Überraschung beim Durchsehen der Archive sei auch gewesen, dass berühmte Größen der Modefotografie von Irving Penn über Helmut Newton bis Peter Lindbergh alle schon als junge Fotografen Herausragendes geleistet hätten.

Als Besucher bewegt man sich durch die Schau wie durch ein begehbares Modemagazin, wobei das romantisch-abgeranzte Ambiente des ehemaligen Postfuhramtes die Makellosigkeit der Aufnahmen aus der Mode- und Glamourwelt noch stärker hervortreten lässt. Am Anfang war die natürliche Pose, die natürliche Umgebung. Baron Adolphe de Meyer (1868-1946) lichtete Schauspielerinnen, Gesellschaftsdamen und auch die englische Queen Mary ab. Vor allem aber verlegte er sich auf das In-Szene-Setzen von teuren Hüten, Seidenroben und Schmuckstücken. Der in Paris geborene Spross aus deutsch-jüdischem Hause, dessen Adelstitel wahrscheinlich erfunden war, geht Anfang der vierziger Jahre auf Anraten eines Astrologen nach New York und wird 1913 der erste offizielle Modefotograf für „Vogue“.

In den zwanziger Jahren ist Edward Steichen die herausragende Figur. Sein weich gezeichneter Piktoralismus schmeichelt jeder Dame. Steichen stilisiert Frauen zu Symbolen femininer Anmut vor Art-déco-Kulissen, luxuriös und verführerisch. Bereits damals mischen Avantgardisten in der Modefotografie mit. Surrealistische Künstler wie Man Ray lassen ihre Modelle wie Luxusgeschöpfe von einem anderen Stern erscheinen. Eine Ikone ist Man Rays Aufnahme einer Frau mit afrikanischer Maske 1925 auf der Modesektion der Exposition des Arts Décoratifs in Paris.

Man Rays Stil wirkte, wie die Berliner Schau zeigt, unmittelbar auf Guy Bourdin. Dieser war Man Ray 1950 in Paris begegnet. Bourdin ist eine prägende Figur in der Modefotografie der fünfziger Jahre, als Sinnlichkeit, Eleganz und Luxus in später nie mehr erreichter Intensität in der Modefotografie herausgestrichen werden. Ein Hut mit Netz, ein schmaler Handschuh aus Wildleder - so brillant in Szene gesetzt, dass man anbeißen möchte.

In den vierziger und fünfziger Jahren liefen Bilderstrecken in der „Vogue“, die so kühn und experimentell waren, dass man sie ohne Weiteres für gegenwärtige Aufnahmen eines avancierten Modemagazins halten könnte. Beispielsweise Aufnahmen von Erwin Blumenfeld oder Clifford Coffin. Die Kuratoren der Berliner Ausstellung setzen hier die „goldene Phase“ der Modefotografie an. Zumindest für Amerika mag das stimmen. Damals warben „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ einander die Fotografen ab. „Vogue“ bot Modefotografen ein eigenes Studio, ein festes Gehalt und unbegrenzte Reise- und Produktionsbudgets - für Fotografen war es tatsächlich eine „goldene Phase“. Die goldene Zeit für Models folgte in den achtziger und neunziger Jahren, der Ära der Supermodels. Inzwischen ist die Lage unübersichtlich geworden. Zu Fotoshootings treten heute große Teams an. Neben den Fotostrecken werden gleich auch noch Videos für Onlinepräsentationen gedreht. Fotografen liefern, sofern sie nicht zu den Berühmtheiten zählen, oft nur noch digitales Rohmaterial. Auf verschiedenen Computern werden die Bilder weiterbearbeitet. Den Berufsfotografen entgleitet im digitalen Zeitalter zunehmend die Kontrolle über die Bilder.

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