Neues Album

Neues von den Tricksern von Tocotronic

- Welch eine wunderbare Enttäuschung! „Schall und Wahn“, das neue Album der Hamburger Band Tocotronic überzeugt und überrascht.

Das Feedback ist gut. Bevor die neue Single richtig Fahrt aufnimmt, zeigt Gitarrist Rick McPhail, wie verheißungsvoll Rückkopplungen klingen können: drängelnd, voller Vorfreude auf das erlösende erste Riff. Doch mit dem lässt sich die Band Tocotronic viel Zeit. Das souveräne Spiel mit Erwartungen hat bei den großen Verrätselern der deutschen Rockmusik mittlerweile Methode.

McPhail hat erst einmal wieder Pause, dafür dürfen Bass und Schlagzeug munter drauflosrumpeln. „Was du auch machst, mach es nicht selbst“, fordert Sänger Dirk von Lowtzow zum Garagenrock seiner Band. Ein schrammeliger, spöttischer Song über spießige Heimwerkeridylle? Das klingt doch etwas zu abgeschmackt. „Macht es nicht selbst“, dieser Vorbote des neunten Tocotronic-Albums „Schall und Wahn“, ist so gesehen eine Enttäuschung. Aber was für eine! Denn wieder einmal zwingt Dirk von Lowtzow seine Zuhörer, eine Band neu zu entdecken, die seit 17 Jahren im Geschäft ist, sich aber immer wieder neu erfindet. Und es lohnt, sich auf dieses Spiel einzulassen. „Macht es nicht selbst“ entpuppt sich bei genauem Hinhören schnell als bissiger Kommentar auf das Web 2.0, auf den übertriebenen Eifer, mit dem Millionen von Facebook- und ­StudiVZ-Nutzern virtuelle Profile und Freundschaften pflegen. „Heim- und Netzwerkerei stehlen dir deine schöne Zeit“, singt von Lowtzow. Über seinen kruden, direkten Wortwitz dürften auch Facebook-Nutzer noch lange schmunzeln.

Lange Zeit galt Tocotronic als Klassenprimus der „Hamburger Schule“. Keine Gitarrenband verstand es so gut, Befindlichkeiten zu Slogans wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ zu verdichten. Doch ein Sprachrohr der Jugend wollte Tocotronic nie sein, deshalb brach die Band 2002 mit ihrem „Weißen Album“ radikal mit dem Schrammelrock, tauschte Trainingsjacken gegen wallende, weiße Gewänder und einen Hauch von ­Patchouli-Esoterik. „Eins zu eins ist jetzt vorbei“, sang von Lowtzow im Schlüsselsong „Neues vom Trickser“ – und das gilt bis heute.

Auf dem Nachfolger „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005) kokettierte ein düster raunender von Lowtzow gar mit Naturlyrikversatzstücken, fand dabei aber zu seinem typischen Tocotronic-Sound: metaphern- und anspielungsreich, kryptisch, aber sehr anregend. Dank des neuen Bandmitglieds McPhail wurde auch die Musik facettenreicher, was Kritiker und Fans gleichermaßen goutierten: Sowohl „Pure Vernunft“ als auch „Kapitulation“ (2007) kletterten bis auf Platz drei der Charts.

Das neue Album „Schall und Wahn“ ist das dritte in Folge, das die Band mit Moses Schneider eingespielt hat. Dass der Berliner Produzent viele Passagen der zwölf Titel live mitschnitt, statt nach und nach einzelne Spuren aufzunehmen, kam Tocotronic offenbar entgegen: Anders, als die Vorabsingle suggeriert, klingt McPhails Gitarre raumgreifender denn je, ohne in breitbeinigen Bombastrock abzudriften. Dezente Streicher- und Bläsersätze veredeln mehrere Titel. Auf mehr als acht Minuten dehnt die Band gar das schaurig-schöne „Eure Liebe tötet mich“, bei dem McPhail mit langen, kunstvoll verzerrten Soli glänzen kann.

So düster, wie Titel wie „Die Folter endet nie“ vermuten lassen, ist das Album keineswegs. Im Duett mit Julia Wilton bricht von Lowtzow eine Lanze für die Ästhetik des Widerstands, ehe er später im zentralen Stück den Zweifel zum Prinzip erklärt („Im Zweifel für den Zweifel“). Dass von Lowtzows feinsinnige Texte dabei – wie bei den Horrorgeschichten von H. P. Lovecraft – wie aus einem lange vergangenen Jahrhundert herüberzuhallen scheinen, ohne antiquiert zu wirken, macht „Schall und Wahn“ zu etwas ganz Besonderem.

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