Bayreuther Festspiele

„Parsifal“ begeistert das Publikum

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Bilderbogen im Bundestag: Herheims „Parsifal“.

Bayreuth - Im Rausch der Zeit:: Die bewegende Wagnerinszenierung von Stefan Herheim und Philippe Jordan feiert Triumphe und kommt jetzt in Deutschland auch in die Kinos.

Es ist ein wilder Ritt durch die Geschichte, den der norwegische Regisseur Stefan Herheim mit seinem Bayreuther „Parsifal“ unternimmt. Genau genommen geht es sogar durch viele Geschichten: durch die deutsche, durch die der Festspiele und natürlich durch die der Oper. Herheim mischt Ebenen, Zeiten und Stile so virtuos, dass die Grenzen des Theaters dabei gesprengt zu werden scheinen. Ständig ist die Bühne von Heike Scheele in Bewegung. Eben noch sieht man den Gartensaal von Wagners Bayreuther Wohnhaus, schon hebt sich die Decke, Säulen wachsen empor, und die Wände weichen: Man ist in der Burg der Gralsritter, wie sie auch 1882 bei der Uraufführung auf dieser Bühne zu sehen war.

Mit scheinbar einfachen Klappmechanismen wandelt sich die Szene zu einer von Urwald überwucherten Ruinenstadt, zum Spiegelsaal von Versailles und schließlich zum Bonner Bundestag. Regisseur und Bühnenbildnerin haben hier den wohl berühmtesten Satz aus dem „Parsifal“ wörtlich genommen: „Zum Raum wird hier die Zeit.“

Doch nicht nur durch ihre Ausstattung ist diese Produktion ganz großes Kino. Über dem gesamten ersten Aufzug, der üblicherweise von einer quasi-religiösen Atmosphäre erfüllt ist, schwebt hier ein vages Gefühl des Horrors, wie man es sonst nur aus Filmen kennt. Da passt es nicht schlecht, dass ausgerechnet der „Parsifal“ nun eine ungewöhnliche Premiere bei den Festspielen bestreitet. Erstmals wird eine Bayreuther Aufführung live im Kino zu sehen sein: Die Aufführung dieses vom Komponisten eigentlich exklusiv für Bayreuth gedachten „Bühnenweihfestspiels“ wird am 11. August in ganz Deutschland zu sehen sein.

Dass Wagners letzte Oper zugleich auch eine seiner längsten ist, und ein Kinoabend mit „Parsifal“ mehr als sechs Stunden dauert, dürfte wohl nur auf den ersten Blick ein Problem sein: Herheims Bebilderung des Stoffes ist viel zu farbig und rasant, um ernsthaft zu langweilen. Bei ihm beginnt die Oper schon während des Vorspiels mit einer Frau, die entkräftet auf dem Sterbebett liegt und doch nicht sterben will. Man glaubt sie tot, doch dann schreckt sie doch wieder auf. Plötzlich liegen in dem Bett andere Figuren: ein Kind, ein Greis. Der Zuschauer ist ständig versucht, die Rätsel zu lösen, die die Andeutungen auf der Bühne aufgeben: Doch so leicht es zunächst erscheint, die sterbende Frau als Parsifals Mutter oder auch als Cosima Wagner zu erkennen, so schnell verwirren sich die Spuren, die der Regisseur legt.

Das ist hier allerdings kein Mangel, sondern ein Vorteil - die Inszenierung ist kein Ratespiel für fortgeschrittene Wagnerianer, sondern ein echter Rausch für die Sinne. Die vielschichtigen Anspielungen und Querverweise sind Duftspuren, die sich zu einem einzigen dunkel betörenden Geruch sammeln.

Deutlicher (und am Ende auch weniger spannend) ist der Gang durch die deutsche Geschichte, die Herheim mit dem Stück unternimmt. Er beginnt zur Entstehungszeit des „Parsifal“ im wilhelminischen Kaiserreich und führt mit erhabener Gralsmusik in den Ersten Weltkrieg. Klingsors Zaubergarten reicht von der Weimarer Republik bis zum Untergang der Nazidiktatur. Der dritte Aufzug schließlich startet mit Trümmerfrauen und endet mit dem Spiegelbild des Bayreuther Publikums am jeweiligen Aufführungstag.

Die Zeitreise ist eine schöne Idee, die manchmal sehr gut funktioniert und manchmal gar nicht. Den eigentlichen Reiz der Inszenierung macht sie nicht aus. Wahrscheinlich kommt der ohnehin vor allem von der Musik, die von dem Dirigenten Philippe Jordan entfesselt wird. Tatsächlich setzt auch der junge Schweizer, der zum ersten Mal in Bayreuth zu Gast ist, mit Erfolg auf die Überwältigungswirkung dieser Partitur. Allerdings hört man bei ihm nicht die besondere Tiefenschärfe des Orchesterklanges, mit dem andere Dirigenten glauben machen können, Wagner habe die Musik tatsächlich für die speziellen akustischen Bedingungen seines Festspielhauses komponiert. Gesungen wird dazu meist unauffällig: Burkhard Fritz schlägt sich als neuer Parsifal eher wacker als glanzvoll, und auch Susan Macleans Kundry wird keine Festspielgeschichte schreiben. Fundierter tönen die tiefen Stimmen. Vor allem Kwangchul Youn braucht als Gurnemanz keinen Vergleich mit großen Vorgängern zu scheuen.

Am 11. August gibt es die Liveübertragung der Bayreuther Aufführung um 15.45 Uhr unter anderem im Cinestar Garbsen. Weitere Orte und Tickets: www.wagner-im-kino.de.

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