Märchenkönig

Peter Sehr und Marie Noëlle enträtseln „Ludwig II.“

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Mein lieber Schwan: Sie waren verlobt, aber nie verheiratet – Ludwig (Sabin Tambrea) und Sophie von Bayern (Paula Beer).

Berlin - Selten ist ein Filmprojekt in Bayern mit so viel Spannung erwartet worden: Ludwig II. kehrt auf die Kinoleinwand zurück - prunkvoll und pompös und ohne Geheimnisse.

In der historischen Perspektive hat dieser König Bayern viel Gutes beschert. Allein das Schloss Neuschwanstein als Touristenmagnet Nummer eins bringt dem Freistaat heute ein Vermögen ein. 1864 war das noch nicht absehbar, als der kunst- und kulturbesessene Ludwig II. als 18-Jähriger notgedrungen den Thron bestieg. Erst einmal kaufte er Geigen für Schüler statt Gewehre für Soldaten und lud den abgerissenen Möchtegern-Revoluzzer Richard Wagner zu sich ein, auf dass der ganz ohne Budgetzwang neue Opern schreiben möge.

Schon Luchino Visconti sah Ludwig als Märchenfigur – seine Verfilmung von 1972 ist nur eine unter vielen. Nun haben die Regisseure Peter Sehr und Marie Noëlle „Ludwig II.“ einer Revision unterzogen. Sie versuchen bei aller Opulenz und wohl unumgänglicher Kostümschwelgerei, zum Menschen hinter dem Mythos durchzudringen.

Deutsche Schauspielprominenz von Justus von Dohnányi (als Ministerratsvorsitzender) über Tom Schilling (als Bruder des Königs), Hannah Herzsprung (als Sisi), Katharina Thalbach (als Mutter der Königin), Uwe Ochsenknecht (als Onkel Luitpold) und Edgar Selge (als Richard Wagner) tut dabei mit. In der Hauptrolle agiert ein wunderbarer Sabin Tambrea, gerade 28 Jahre alt, der bislang auf dem Berliner Theater zu Hause war.

Sein lockenumflorter Schwärmer hat in jungen Jahren ein Leuchten in den Augen, die traurig endende Geschichte beginnt mit gehörigem Schwung. Der junge Ludwig darf sogar mal eben übers Wasser reiten. Ludwig mag vieles sein, keinesfalls aber nur ein „armer Irrer“, wie er später beschimpft wird. Und es ist ja auch nicht so, dass er sich nicht durchsetzen konnte: Eiskalt tauscht er gegen Wagners Willen den Lohengrin-Sänger aus. Nur mit der preußischen Machtpolitik eines Reichskanzlers Otto von Bismarck hat er nichts an der Krone. Ludwig weiß selbst am besten, dass er der Verantwortung nicht gerecht wird.

Die Regisseure suchen nach der Tragödie hinter dem Kitsch. Ihr Kini ist ein Getriebener, Verzweifelter. Irgendwann siegt dessen Menschenscheu, und Ludwig versteckt sich hinter Masken. Einsam wie Robinson Crusoe auf Neuschwanstein muss sich dieser Monarch am Ende gefühlt haben. So wird er zum leichten Opfer für die Kamarilla in München, die ohne den Schlösserbauer politische Entscheidungen treffen will und muss und den König in die Psychiatrie abschiebt.

Schlüssig ist diese Neuinterpretation, wenn auch mit 136 Minuten deutlich zu lang und zu wenig pointiert. Das ganze Leben wollen die Regisseure abarbeiten. Sie riskieren dabei jedoch, den, der doch ein ewiges Rätsel bleiben wollte, zu enträtseln und nehmen ihm letztlich sogar etwas von seiner Faszination. Ludwigs Homosexualität wird genauso durchbuchstabiert (bei Visconti führte das noch zu Protesten aus Bayern und zur zwischenzeitlichen Selbstzensur des deutschen Verleihs) wie sein Selbstmord im Starnberger See (der damals noch Würmsee hieß). Ein paar Geheimnisse hätten dem König und auch dem Film gut getan.

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