Der Mann aus Texas

Pianist Van Cliburn ist tot

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Triumph im Schatten Tschaikowskys: Van Cliburn triumphiert 1958 in Moskau. Handout

Hannover - Ein Amerikaner eroberte Moskau und wurde zum eigenen Denkmal: Der Pianist Van Cliburn ist am Mittwoch in seinem Heim im texanischen Fort Worth gestorben.

Er war ein Held der westlichen Welt. Ein junger Amerikaner, der Moskau eroberte und dafür zu Hause gefeiert wurde wie ein Popstar. Van Cliburn war Pianist und nichts als das, doch sein Name ist in den Kapiteln der Zeitgeschichte größer geschrieben als in der Musikgeschichte.

Sein Aufstieg war kometenhaft, aber lange Jahre verharrte er außerhalb des Scheinwerferlichts. Die Legende lebte, aber dass er selbst auch noch lebte, drang vielen erst wieder ins Bewusstsein, als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass der Musiker an Knochenkrebs erkrankt sei.

Wie ein Nachruf zu Lebzeiten erschien vor Kurzem unter der Überschrift „Legendary Van Cliburn“ eine Box, die seine Langspielplatten originalgetreu auf CD wiedergab. Das weckte nostalgische Gefühle, erforderte aber auch eine Lesebrille für die verkleinerten Plattenhüllentexte. Parallel dazu veröffentlichte seine Plattenfirma RCA, die ihm viel verdankte (etwa eine Million verkaufte Schallplatten von Tschaikowskys b-Moll-Konzert allein im ersten Jahr des Erscheinens), eine DVD über ihn. Sie erzählt die Geschichte eines Lebens, das am Mittwoch zu Ende ging, als Van Cliburn in seinem Heim im texanischen Fort Worth friedlich entschlafen ist.

Er galt als der typische Texaner, dabei wurde er am 12. Juli 1934 in Shreveport im Bundesstaat Louisiana geboren: als Harvey Lavan Cliburn. Den aber alle Van (ausgesprochen: wänn) nannten, um ihn vom gleichnamigen Vater zu unterscheiden. Der handelte mit Öl, die Mutter hatte in New York beim Liszt-Schüler Arthur Friedheim Klavier studiert. Als Van Cliburn sechs Jahre alt war, zog die Familie in die texanische Kleinstadt Kilgore, wo der Junge heranwuchs: auf eine Körpergröße von 1,93 Meter. Als ihn nach seinem Triumph in Moskau der stämmige Kreml-Boss Chruschtschow fragte, warum er so groß sei, war seine Antwort: „Weil ich aus Texas komme.“

Van Cliburn bekam Klavierunterricht von seiner Mutter, seit er drei Jahre alt war. Als Zwölfjähriger gewann er - schon damals mit Tschaikowskys Klavierkonzert - einen Klavierwettbewerb in Texas; ein Angebot, in New York an der renommierten Juilliard School zu studieren, lehnte er aber ab. Noch. Erst 1954 zog er dann doch nach New York, wo er bei der russischstämmigen Pianistin Rosina Lhevinne Unterricht nahm. Sie brachte ihm den romantischen Gestus und den zupackenden Griff der russischen Schule näher. Und sie ermutigte ihn, am ersten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau teilzunehmen.

Da war ein erster Karriereversuch des Jungpianisten schon im Sande verlaufen. Zwar hatte er 1954 den renommierten Leventritt-Wettbewerb gewonnen, aber auch ein Debüt in der Carnegie Hall brachte keinen anhaltenden Erfolg.

Den Durchbruch schaffte er vier Jahre später in Moskau, wo der schlacksige Texaner rasch zum Publikumsliebling wurde. Er sah aus wie der junge Gary Cooper, der sich die Frisur bei einem Drahthaarterrier ausgeborgt hatte.

Mitten im Kalten Krieg wärmte ein junger Amerikaner die Herzen der russischen Musikfans und den Stolz der Amerikaner, die vom Korrespondenten der „New York Times“ in täglichen Berichten auf dem Laufenden gehalten wurden. Mochten die Russen auch den ersten Satelliten ins All geschickt haben, jetzt wurde Van Cliburn zum Stern am Himmel. Vorsichtshalber hatte sich die Jury beim Großen Vorsitzenden vergewissert, ob man den Preis an einen Ami geben dürfe: Chruschtschow fragte nur: „Ist er der Beste?“, und meinte: „Dann gebt ihm den Preis.“

Das brachte Van Cliburn eine „Time“-Titelstory mit dem Slogan „Der Texaner, der Russland eroberte“ ein und eine Konfetti-Parade in Manhattan. Es folgte eine Blitzkarriere. Der Mann mit den großen Händen erspielte sich viel Geld und Ruhm. Reiche Freunde gründeten ihm zu Ehren den Van-Cliburn-Klavierwettbewerb, bei dem man ihn als stillen Patron im Hintergrund erleben konnte - wie angesehen dieser alle vier Jahre stattfindende Wettbewerb ist, erlebte man gerade, als in Hannover erneut der Vorausscheid Westeuropa für den diesjährigen Wettbewerb stattfand.

Rachmaninow und Tschaikowsky lagen Van Cliburn besonders gut, bei Beethoven, selbst bei Chopin, gab es hinter der Virtuosität auch manchen Leerlauf. Er war ein sehr guter Pianist mit leuchtendem Ton, aber kein großer Interpret. 1978 zog er sich von der Bühne zurück, 1989 kehrte er zurück, machte sich aber weiter rar. 1994 tourte er durch 16 Städte, spielte in Chicago vor rund 350000 Zuhörern: natürlich Tschaikowsky. Vier Jahre später erlitt er bei einem Konzert einen Zusammenbruch und trat danach nur noch als Redner auf. Für das Fortleben der (Musik-)Legende sorgten die Tondokumente. Das Tschaikowsky-Konzert mit dem famosen Kiril Kondraschin ist noch immer Maßstab.

Legendary Van Cliburn. RCA, 28 CDs.

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