Reality-Show

Rainer Langhans: Der Guru aus dem Dschungelcamp

- Am Dienstagabend haben die RTL-Zuschauer entschieden: Rainer Langhans muss das Dschungelcamp verlassen. Nachdenklich kehrt er in die Wirklichkeit zurück.

„Ich habe mich sehr früh mit der Frage beschäftigt, wer ich bin und was ich hier soll. Was das Ganze überhaupt soll. Schon als Kind ging es mir so, dass alle anderen seltsam unbeschwert auf mich wirkten. Wie hinter einer Milchglasscheibe schaute ich ihnen zu, wie sie redeten, lebten, ihr Ding machten. Ich gehörte nicht dazu.“

Das sagt Rainer Langhans. Aber der Altachtundsechziger, Langzeitkommunarde und Silberlockenkopf spricht hier nicht über seine Zeit beim Dschungelcamp von RTL, sondern über sein Leben. Ganz allgemein. Die Sätze stammen aus seiner 2008 (im Münchener Blumenbar Verlag) erschienen Autobiographie „Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre“.

Langhans gehörte tatsächlich nicht so recht dazu. Er stand immer irgendwie daneben – oder nein: Er schwebte immer irgendwo daneben. Sein Lieblingsort war jenseits der Gruppe, er war immer ein bisschen über allen ohne dabei überheblich zu sein. Jetzt, noch vor Mathieu Carrière, dem anderen älteren Mann vom Campingplatz, ist er von den Fernsehzuschauern abgewählt worden. Er musste das Camp der Halb- und Viertelprominenten verlassen. Wie immer folgte die sehnsüchtig nach jedem Moment der Emotion gierende Kamera dem Fortgeschickten noch ein Stück. So wurde Langhans im Auto gefilmt, als er das Camp verließ und in einer nahegelegenen Stadt, in der eine seiner Freundinnen auf ihn wartete. Bevor er sie innig umarmte, sagte er, dass er noch gar nicht ganz da sei: „Meine Seele ist noch im Camp.“

Wie schön.

Und damit hat er ja auch ganz recht. Denn er hat der Fernsehversuchsanordnung, die Ekelgrenzen ergründen und mit Häme, Neid und Missgunst spielt und spielen lässt, tatsächlich so etwas wie Seele gegeben. In dem engen Reich der Dschungelcamper war Langhans der Vertreter einer anderen, fernen und freien Welt.

Natürlich betreibt auch er Selbstvermarktung, natürlich lässt auch er kein Promi-Dinner, keine Talkshowsendung aus. Natürlich stört das die anderen übrig gebliebenen Ikonen der Bewegung. Exfreundin Uschi Obermaier jedenfalls ätzte: „Er ist eine traurige, erbärmliche Witzfigur. Eine langweilige Karikatur seiner selbst.“ Und sehr deutlich: „Jetzt war er in diesem Dschungel, legt sich mit Kakerlaken in einen Sarg und spielt tot. Sorry, aber da muss ich deutlich sagen: Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen muss.“

Dieser Reflex entbehrt nicht einer gewissen Verständlichkeit, er sollte sich allerdings auf das Format der Sendung, nicht allein auf den Teilnehmer Langhans beziehen. Denn Langhans gelang es hier wieder einmal, sein Lebensthema unter die Leute zu bringen. Während es den jungen meist recht aufgeregten Kollegen aus dem Camp vorrangig um Fragen wie Wer mit wem? Was denken die anderen? und Wann gibt es essen? geht, zielte Langhans in großer Ruhe immer aufs Ganze. Auf die Fragen nämlich: Wie soll man leben? Und: Wie soll man zusammenleben?

Die Achtundsechziger haben sich diese Fragen gestellt, und sie haben allerlei interessante, aber auch viele unsinnige – und manchmal auch gefährliche – Antworten darauf gefunden. Die neue Sexualmoral, die sie propagiert haben, enthielt neben echten Befreiungen eben auch Freiheiten, die heute mit Recht als Freiheit zum Verbrechen angesehen werden. Aber wenigstens haben die Achtundsechziger die Fragen nach dem richtigen Leben überhaupt gestellt. Und das hat Langhans in der medialen Dschungelkommune auch getan.

Erstaunlicherweise verliert die Frage danach, wie man leben sollte, nichts von ihrer Dringlichkeit, wenn der Fragende keine zwanzig, sondern bereits siebzig Jahre alt ist. Im Gegenteil, sie stellt sich im Alter vielleicht ganz neu. Langhans jedenfalls hat in der RTL-Show auch gezeigt, wie man in Würde altern kann. Obgleich die Regie der Sendung – wie immer, wenn sich jemand zum Clown zu machen droht – viel getan hat, ihm seine Würde zu nehmen, hat er sie behalten.

Er wurde, wie die anderen auch, in unvorteilhafter Pose gefilmt. Wenn er, der beim Sprechen gern nachdenkt und auch schon mal recht leise wird, eine Pause machte, wurde das Schweigen lange ausgekostet und auch wiederholt. Überhaupt werden die peinlichsten Momente hier ja immer in Wiederholung gezeigt. Aber an Rainer Langhans perlte all das irgendwie ab. Stoisch behauptete er sein Thema und zeigte, dass ihm nichts und niemand etwas anhaben kann.

Als die Show für ihn gelaufen war, sagte er in einem Interview: „Es hat mich schon manchmal gewundert, wie die anderen reagieren. Es war fast wie das Studium eines fremden Volksstammes. Diese komischen Shows und Spiele konnte ich überhaupt nicht mitmachen. Das ist nicht meine Kultur. Trotzdem bin ich den anderen nähergekommen. Und dafür danke ich RTL.“

Bedankt hat er sich bei RTL, bevor er die aus einzelnen zusammengeschnittenen Szenen bestehenden Sendungen gesehen hat. Danach beschwerte er sich, was RTL aus der Zeit im Camp gemacht habe, über die „billige Zoff-, Läster- und Ich-weiß-nicht-was-Krawall-Show“.

Wie gut, dass er da im Grunde gar nicht mitgemacht hat.

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