„King Arthur“ in der Jungen Oper

Der Rhythmus des Kriegs

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Nie wieder Krieg? Michael Chacewicz als Oswald (mit einem theaterblutbeschmierten Mitglied des Jugendprojektchors) auf der Ballhofbühne.

- Die Junge Oper Hannover verheizt Henry Purcells Musiktheater „King Arthur“ auf dem Schlachtfeld. Wie andere Inszenierungen der Jungen Oper ist auch „King Arthur“ ein Jugendprojekt.

Fast jeder kennt König Artus, kaum einer kennt „King Arthur“. Der legendäre britische König, der mal Artus und mal Arthur heißt, bleibt dem Zuschauer fremd, wenn er jetzt im ­hannoverschen Ballhof Henry Purcells gleichnamiges Musiktheater in der Jungen Oper Hannover erlebt. Trotzdem gehen einzelne Szenen dieser Produktion dem Zuschauer nahe. Auch und gerade, wenn die Inszenierung die Geschichte auf Abstand hält.

Der englische Dichter John Dryden hat in seiner „dramatick opera“ zwar auf die Artus-Legende zurückgegriffen, doch gibt es weder Tafelrunde noch deren Ritter. Die Herzensdame, die Artus/Arthur geraubt wird, heißt nicht Guinevere (und der Nebenbuhler auch nicht Lancelot), sondern Emmeline. Und sein Rivale ist sein Feind nicht auf dem Feld der Minne, sondern auf dem blutigen Schlachtfeld: der Sachsenkönig Oswald.

Einziges Verbindungsglied zwischen beiden Geschichten wäre der Zauberer Merlin – wenn ihn die hannoversche Nacherzählung nicht gestrichen hätte. Dieses Schicksal teilt er mit seinem Zaubererkollegen Osmond, der für die Gegenseite arbeitet, und mit Göttern und Geistern. Immerhin hat die musikalische Bearbeitung von Roderik Vanderstraeten zumindest einen kleinen Teil der außerirdischen Klänge gerettet. Nun singt eben King Arthur und nicht der „Cold Genius“ den „Cold Song“, den größten Hit des Stücks, der es dank des New-Wave-Sängers Klaus Nomi und des Grenzgängers Sting auch in die Popwelt geschafft hat.

Regisseurin Bernarda Horres und Dramaturgin Sylvia Roth haben die Handlung radikal gekürzt. Es gibt nur noch die Feinde Arthur und Oswald und zwischen ihnen die blinde Emmeline, die aber immerhin als multiple Persönlichkeit auftritt, was ihr erlaubt, auch fremdes Liedgut in ihre Partie einzubauen. Keine Ritter, keine Romantik, nur Opfer und Täter. Und natürlich auch kein Happy End.

Die Bühne ist so gut wie leer. Im Hintergrund ein Gitterraster. Die weiße Spielfläche hat Bühnenbildnerin Anja Jungheinrich sanft zur Mitte eingeknickt. Dort ist nun eine Abflussrinne, in der nur Blut fließt. Damit reibt sich der Chor der Jugendlichen die Arme ein, und damit werden auch die weißen Kostüme (Alexandra Pitz) eingesaut.

Wie andere Inszenierungen der Jungen Oper ist auch „King Arthur“ ein Jugendprojekt. Das bedeutet hier, dass gut zwei Dutzend Jungen und Mädchen sich nicht nur als Sprechchor einbringen. Sie skandieren ihre Ängste und ihre Einsichten, sie reden rhythmisch von Liebe und vom Tod. Das ist schon recht eindrucksvoll, aber damit ist es nicht getan, denn immer wieder rennen sie gegeneinander an, schmeißen sich in den Dreck, kämpfen den Kampf. „Zehntausend Männer stoßen sich mit Eisenspitzen in das Fleisch – warum?“ So fragen sie und haben darauf viele Antworten und doch keine endgültige. Nur dass die Liebe keine Chance hat, das weiß dieser Kriegsbericht.

So lässt sich die Botschaft dieses (mit Pause) knapp anderthalbstündigen Abends ebenso kurz zusammenfassen: Männer sind Krieger. Kriege sind ­scheiße. Bei etwaigen Schlussfolgerungen sollte der Gedanke an Amazonen nicht ablenken.

Gottlob ist Bernarda Horres’ Inszenierung dann zumindest in Teilen subtiler. Die Opferungsszene, die Vergewaltigung Emmelines und andere Gewaltausbrüche sind stilisiert. Immer wieder stapft und stampft der Rhythmus des Kriegs, was dann wirkt wie ein Nachwuchs­bataillon für Einar Schleefs Theatertruppen. Aber in Momentaufnahmen ist das durchaus beklemmend. Und die kleinen Inseln des Glücks berühren: Henry Purcells Erntechor ebenso wie die offenkundig improvisierte Musik der Jugendlichen, die nach Balkan schmeckt.

Als theaterpädagogisches Projekt ist das alles ein Gewinn. Das Problem ist nur, dass dabei Henry Purcells Oper immer wieder unter die Räder kommt. ­Dirigent Nikolaus Harnoncourt, der das Stück zusammen mit Regisseur Jürgen Flimm 2004 bei den Salzburger Festspielen popbunt auf die Bühne brachte, hat Purcells Stück „das erste Musical der Geschichte“ genannt. Was hieße, dass man es (siehe Sting und Co.) durchaus bearbeiten und verfremden könnte. Wenn man sich aber dann doch um eine Annäherung an den Originalklang bemüht, müsste man dem schon näherkommen, als es hier gelingt. Dirigent Siegmund Weinmeister zieht den Abend ­sicher durch, vor allem die Basso-Con­tinuo-Gruppe des Niedersächsischen Staatsorchesters folgt ihm dabei auch willig. Aber was einige Streicher beisteuern, nährt nur die eigentlich verjährten Vorurteile gegen diese Art des Musizierens. Und auch das Junge-Oper-Ensemble, das in den bisherigen Produktionen sehr für sich eingenommen hatte, zeigt stilistische Probleme: Daniel Eggert (Arthur) bleibt nicht nur dem „Cold Song“ einiges schuldig, auch Michael Chacewicz als Nebenbuhler Oswald ist stimmlich zu wenig beweglich. Von den drei Emmelinen (Tiina Lönnmark, Denise Fischer und Neele Kramer) kommt Denise Fischer dem Barockton am nächsten, den der Extrachor der Staatsoper vorgibt.

Der starke Beifall zeigt, dass dieser „King Arthur“ ankommt. Henry Purcells gleichnamige Oper aber wäre noch zu entdecken.

Die nächsten Vorstellungen sind am 2. und am 10. November.

Rainer Wagner

941189

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