Ausstellung zur Personalunion

Royale Reliquien

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Rund 70 Exponate umfasst die Ausstellung „Der Weg zur Krone“, darunter die Kronjuwelen der Welfen.

Hannover - Vor 300 Jahren begann die Epoche, in der Hannovers Herrscher auf dem britischen Thron saßen. Aus diesem Anlass öffnet Ernst August den Königinnenflügel von Schloss Marienburg für eine Ausstellung. Zur Eröffnung werden Gäste aus dem Hochadel erwartet.

Die Zeit drängte: Die Preußen hatten Hannover 1866 besetzt. König Georg V. hatte Wind davon bekommen, „daß das Gesindel sogar mit einer Haussuchung in unserem geliebten Schlosse Herrenhausen gedroht“ hatte. Lange hatte er seine Krone im zweiten Stock des Residenzschlosses verwahren lassen, hinter feuerfesten Fensterläden und einer eisernen Tür, die die Posten nur nach einem komplizierten Schlüsselritual öffneten. Jetzt aber musste die Krone außer Landes geschafft werden. Und zwar ins „leider so krämerisch gesinnte, aber sonst so sicheren England“, wie Georg aus dem Exil an seine Frau Marie schrieb.

Abenteuerliche, teils widersprüchliche Berichte ranken sich darum, wie Hannovers Krone vor den Preußen gerettet wurde: War sie zeitweise in einem Kindersarg in der Schlossgruft versteckt? Schmuggelten adelige Damen sie im Frühstückskörbchen über die Grenzen? Sicher ist, dass sie in London ankam – und dass sie jetzt wieder da ist. Zum ersten Mal seit 1866 ist Hannovers Krone nebst Zepter und Brautkrone wieder auf hannoverschem Boden zu sehen. Im Dämmerlicht einer Vitrine, drapiert mit rotem Samt, flankiert von den Büsten hannoverscher Könige. Sie ist das Herzstück der Ausstellung „Der Weg zur Krone“, die von morgen an auf Schloss Marienburg zu sehen ist.

Die Schau ist nicht zu verwechseln mit der Landesausstellung, die Mitte Mai in fünf Häusern in Hannover und Celle eröffnet: Auf Schloss Marienburg geht es weniger ums 300. Jubiläum der Personalunion als vielmehr um die Gründung des Königreichs Hannover vor 200 Jahren, am 12. Oktober 1814. Zu sehen ist etwa die Proklamation, mit der der damalige Prinzregent Georg das bisherige Kurfürstentum zum Königreich ausrief. Außerdem zeigt die Ausstellung Gemälde und Möbel, Orden, Fotos und Uniformen. Alle 70 Exponate, die in neun Räumen des „Königinnenflügels“ gezeigt werden, stammen aus dem Besitz der Welfenfamilie, teils wurden sie noch nie öffentlich gezeigt. Leihgaben aus anderen Häusern fehlen.

Überhaupt ist die Ausstellung nicht darauf angelegt, wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen: Eine kritische Auseinandersetzung mit Hannovers Königen gibt es nicht – weder mit Ernst August, der 1837 im berühmten Verfassungsstreit das Grundgesetz seines eigenen Landes brach, noch mit Georg V., der schon zu Lebzeiten als äußerst konservativ galt. Gemälde sind in der Ausstellung nicht datiert, teils entstanden sie erst Jahrzehnte nach den Ereignissen, die sie abbilden. An den Exponaten gibt es kaum erklärende Tafeln. Aber Besucher dürfen die Ausstellung ohnehin nur im Rahmen einer Führung besichtigen.

Nur mit Führung

Die Ausstellung „Der Weg zur Krone“ eröffnet heute auf Schloss Marienburg in Pattensen bei Hannover mit geladenen Gästen. Vom 1. Mai bis zum 9. November ist sie dem Publikum zugänglich – allerdings nur im Rahmen von Führungen (Erwachsene: 6 Euro), die rund 35 Minuten dauern. Anmeldungen und Informationen über Veranstaltungen und Führungen unter der Telefonnummer (0 50 69) 34 80 00.Zur Ausstellung ist als Begleitbuch „Der Weg zur Krone – Macht- und Herrschaftszeichen der Welfen“ erschienen (Matrix Media, 159 Seiten, 20 Euro). Autorin des reich illustrierten und kenntnisreich geschriebenen Bandes ist die hannoversche Historikerin Alheidis von Rohr.

Dafür zeigt die Ausstellung, designt teils in den Welfenfarben Gelb-Weiß, wie man mit wenigen Exponaten eine große Show hinlegt; ein glattes Geschichtsevent, wie es sich kein seriöses Museum leisten könnte. Sie präsentiert – unter anderem in „Theaterführungen“, bei denen eine Schauspielerin als Geist von Herzogin Eleonore d’Olbreuse durchs Schloss führt – royale Reliquien: Zu sehen sind die Uniform, die Georg V. in der Schlacht bei Langensalza trug, oder das blutbefleckte Nachthemd des Herzogs von Cumberland. Im Jahr 1810 hatte ein geistesgestörter Kammerdiener versucht, den späteren König Ernst August mit einem Säbel zu töten. Dieser verteidigte sich, doch er trug bei dem Angriff zahlreiche Schnittwunden davon.

Glanzstück der Show ist die Krone, 26 Zentimeter hoch und besetzt mit Saphiren, Rubinen und Smaragden. Schon bald nach Gründung des Königreichs 1814 tauchte sie in Hannover als Herrschaftszeichen an Uniformen und Wappen auf, sie zierte mit ihren charakteristischen acht Bügeln den neu gestifteten Guelphen-Orden und war auf Münzen und später auch auf Briefmarken zu sehen. Allerdings existierte das royale Branding lange nur virtuell: Erst 1843 ließ Ernst August von seinen Hofjuwelieren eine reale Krone nebst Zepter und Brautkrone anfertigen, für 5499 Taler.

Eigentlich waren Kronen mit der Barockzeit außer Mode gekommen. Maria Theresia hatte ihre eigene Krone 1743 gar als „Narrenhäubel“ verspottet. Doch wo im 19. Jahrhundert neue Königreiche entstanden, von Bayern bis Württemberg, von Spanien bis Serbien, von Mexiko bis Brasilien, ließen sich Monarchen gerne Kronen anfertigen. Meist waren die Neuschöpfungen geboren aus dem Geiste politischer Restauration und romantischer Rückbesinnung auf vergangene Zeiten.Ernst August wollte mit der Krone zudem wohl signalisieren, dass Hannovers Königtum durchaus Zukunft habe: Sein Sohn, der Thronfolger, war nämlich blind. Verfassungsrechtler lieferten sich einen erbitterten Streit um die Frage, ob der Kronprinz überhaupt König werden könne. Als Georgs Hochzeit mit Marie von Sachsen-Altenburg bevorstand, ließ Ernst August die Krone anfertigen – als Zeichen dafür, dass sein Sohn sehr wohl den Thron besteigen würde.

Getragen wurde die Krone nicht bei einem einzigen wichtigen Anlass: Ein Staatssymbol wurde sie nie. In Württemberg trug der König seine Krone rituell bei Landtagseröffnungen, in London setzt Queen Elisabeth II. ihre „Imperial State Crown“ noch heute alljährlich zur Parlamentseröffnung aufs Haupt. In Hannover wurde 1851 nicht einmal über eine offizielle Krönung nachgedacht, als Georg V. 1851 tatsächlich König wurde.

Ihre Faszination hat das Prunkstück gleichwohl bis heute nicht eingebüßt. Die Ausstellung auf der Marienburg inszeniert ihre Aura. Sie setzt auf Mythos, nicht auf aufgeklärte Nüchternheit. Vielleicht ist sie so gesehen dem realen Königtum sehr nahe.

Mehr über die Geschichte der Welfen lesen Sie in unserer Print-Wochenendbeilage der 7. tag.

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