Der beste Böse

Schauspieler Dennis Hopper ist im Alter von 74 Jahren gestorben

- Irre, wild, genial: „Easy Rider“-Schauspieler Dennis Hopper ist am Wochenende im Alter von 74 Jahren gestorben. Hollywood hat einen großen Rebellen verloren.

In einem seiner letzten Filme spielte Dennis Hopper den Tod. Wim Wenders hatte ihm die Rolle in „Palermo Shooting“ (2008) quasi auf den Leib geschrieben – der Regisseur und der Schauspieler kannten sich seit ihrem Film „Der amerikanische Freund“, den sie mehr als 30 Jahre zuvor gedreht hatten. Hopper war bei Wenders ein kahlköpfiger Tod, aber keiner, den man fürchten musste, eher sanft und geduldig, beinahe zärtlich. Der Tod sagt: „Ich bin es leid, immer als der Böse betrachtet zu werden.“

Einen schöneren Satz hätte man einem Darsteller kaum in den Mund legen können, der beinahe zeit seines Lebens den Bösen gegeben hat. Ob als sadistischer Drogenhändler mit Mutterkomplex in David Lynchs surrealem „Blue Velvet“ (1986), als Bombenattentäter im Thriller „Speed“ (1994) oder auch als kettenrauchender Schurke im Blockbuster „Waterworld“ (1995): Hopper war der Psychopath par excellence, ein Held der Finsternis. Er versah seine Rollen gern mit einem Schuss Komik, operierte aber gleichzeitig am Rande des Wahnsinns – was auch für seinen drogenabhängigen Kriegsreporter in „Apocalypse Now“ (1976) galt.

Nicht immer war bei seinen Rollen ganz klar, wo die Grenze zwischen Kinofigur und Schauspieler verlief. Das machte Hopper unberechenbar und in Hollywood für viele untragbar. Einem Darsteller, der immer wieder im Drogen- und Alkoholrausch versank, der schrie und sogar Studiobosse beleidigte, sagte niemand eine große Karriere voraus.

Dabei hatte alles so gut angefangen für den 1936 in Dodge City, Kansas, geborenen Farmersohn. Das Warner-Studio nahm den gerade 18-Jährigen unter Vertrag. Hopper spielte an der Seite von James Dean in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1955) und „Giganten“ (1956). Dean war für Hopper ein Freund und Lehrer, und dann raste er mit seinem Porsche gegen einen Baum und war tot.

Vor laufender Kamera erlebte Hopper bald darauf seinen ersten Absturz bei Dreharbeiten mit Regisseur Henry Hathaway. Der Schauspieler rastete aus, flüchtete. Er war 21 Jahre alt und bekam keinen Job mehr. Hopper ging nach New York und arbeitete mit dem berühmten Schauspiellehrer Lee Strasberg im Actors Studio.

Damals sprach wenig dafür, dass aus dem Exzentriker und Egomanen einmal einer der prägendsten Schauspieler seiner Generation werden würde. Bis sich Hopper mit Peter Fonda für einen wilden, drogengesättigten Ritt quer durch die USA zusammentat: „Easy Rider“ entstand außerhalb des Systems Hollywood, kostete ganze 380.000 Dollar und spielte viele Millionen ein. Fonda produzierte, Hopper führte Regie, beide schrieben das Drehbuch und übernahmen die Hauptrollen als Hippie-Biker. Dritter im Bunde war ein gewisser, noch unbekannter Jack Nicholson.

So einen Film hatte es bis dahin noch nicht gegeben: eine Art Western, bei dem die Geächteten nicht auf Pferden, sondern auf umgebauten Harley-Davidson-Motorrädern in die Stadt reiten. Sie sterben auch anders als Westernhelden. Billy (Hopper) und Captain America (Fonda) werden von Hinterwäldlern von ihren Maschinen geschossen. Sie verbluten neben der Landstraße.

Trotzdem verkörperte „Easy Rider“ – nicht zuletzt auch dank der Steppenwolf-Hymne „Born to be Wild“ – das Aufbruchsgefühl einer ganzen Generation in einem vom Albtraum Vietnam geschüttelten Amerika. „Easy Rider“ kurbelte nicht nur den Verkauf von Harley-Davidson-Maschinen an und rettete den Konzern vor der Pleite – mit diesem Film begann auch eine neue Kinoära: New Hollywood war geboren, die Tür für Regisseure wie Martin Scorsese, Steven Spielberg, George Lucas und Francis Ford Coppola war geöffnet.

Hopper konnte sich nur kurz am Erfolg erfreuen. Schon sein nächster Film „The Last Movie“ – oberflächlich eine Art Western, tatsächlich eine Abrechnung mit der Filmindustrie – machte ihn wieder zum Vielgehassten in Hollywood. Bis in die Achtziger, als Hopper endlich von Drogen aller Art loskam, folgte mancher Zusammenbruch – und stets ein Comeback.

In Europa schätzte man Hopper mehr als in Amerika. Als er für die Dreharbeiten von Wim Wenders’ „Der amerikanische Freund“ in Hamburg aus dem Flugzeug kletterte, kam er gerade aus dem Dschungel von „Apocalypse Now“. Er erinnert sich so: „Ich sah aus wie ein wildes Tier, war körperlich total kaputt und überall mit eitrigen Wunden bedeckt. Wim musste mich aufpäppeln. Er war immer da, wie ein großer Bernhardiner, der einen mit Brandy versorgte.“

Trotz aller Exzesse war der Ungeliebte irgendwann als Schauspieler und Regisseur hoch geachtet. Insgesamt hat er an knapp 200 Filmen mitgewirkt. Und nicht nur das: Hopper genoss auch als Maler, Fotograf, Kunstsammler (seinen ersten Warhol kaufte er für 75 Dollar) und sogar als Turnschuhdesigner Ansehen.

Sein Privatleben allerdings blieb aufregend. Er war fünfmal verheiratet, zuletzt mit der 32 Jahre jüngeren Schauspielerin Victoria Duffy, mit der er sich einen Rosenkrieg um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter lieferte. Aus seinen früheren Ehen hat Hopper drei Kinder, jeweils von einer anderen Frau.

Erst vor zwei Monaten erhielt Hopper seinen hoch verdienten Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood. Zusammen mit seinem Kumpel Nicholson tauchte er bei der Zeremonie auf, schwer gezeichnet vom Krebs. Er wog nur noch 45 Kilo. Am Wochenende ist Dennis Hopper im Kreis von Freunden und Familie im Alter von 74 Jahre gestorben. Hollywood hat einen großen Rebellen verloren.

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