Schauspiel

Wie soll ich leben?

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Hannover - Tolstois Anna Karenina ist nicht nur ein großer Liebesroman, sondern auch Ausdruck einer Sinnsuche. Wonach soll man streben? Regisseur Sascha Hawemann bringt den Roman in Hannover auf die Bühne.

Es gibt einen Stummfilm von 1910, dem Todesjahr Lew Tolstois. Darin sieht man den großen russischen Dichter auf seinem Gut Jasnaja Poljana. Er sieht aus, wie man ihn von vielen Fotos kennt: der weiße lange Bart, der stechende Blick und das gegürtete Bauernhemd. Der Film zeigt ihn auch auf dem Totenbett und den riesigen Trauerzug nach seinem Tod. Einfache Menschen, die sich versammelt haben, um dem, der das Volk und das einfache Leben liebte, die letzte Ehre zu erweisen.

Im Juli 1910, wenige Monate vor seinem Tod, schrieb Tolstoi an seine Frau Sofja Andrejewna Tolstaja einen Brief, der eine nüchterne Bilanz des gemeinsamen Lebens zieht: „Ich, ein sittlich verdorbener und sexuell zutiefst lasterhafter Mensch, habe, als ich schon nicht mehr der Jüngste war, Dich, ein reines, gutes, kluges, achtzehnjähriges Mädchen, geheiratet, und Du hast, ungeachtet meiner schmutzigen, lasterhaften Vergangenheit, fast fünfzig Jahre mit mir zusammengelebt, mich geliebt und ein arbeitsames und schwieriges Leben gehabt, indem Du Kinder gebarst, sie stilltest, erzogst, für die Kinder und mich sorgtest und dich nicht anderen Versuchungen hingabst, die jede gesunde, kräftige und schöne Frau in Deiner Lage so leicht hätte ergreifen können … Daß Du mir auf meinem besonderen geistigen Weg nicht gefolgt bist, kann ich Dir nicht vorwerfen und werfe ich Dir nicht vor … Wenn Du meine Bedingungen eines guten, friedlichen Zusammenlebens nicht annimmst, ziehe ich mein Versprechen, Dich nicht zu verlassen, zurück. Dann gehe ich fort …“ In einer letzten Reise mit seinem Arzt und seiner jüngsten Tochter ging der 82-Jährige tatsächlich fort, erkrankte an einer Lungenentzündung und starb am 20. November 1910 im Bahnwärterhäuschen des Örtchens Astapowo.

In dem Brief an seine Frau scheint bereits das wechselhafte Leben des Grafen Lew Nikolajewitsch Tolstoi auf. Tolstoi war nicht immer der asketische, hart arbeitende, das Volk liebende Mensch, wie er sich auch über die vielen Fotos der späten Jahren im allgemeinen Gedächtnis eingeprägt hat. Wenn Tolstoi von der „schmutzigen, lasterhaften Vergangenheit“ schreibt, dann meint er die jungen Jahre, in denen er als Offizier im Kaukasus und im Krimkrieg diente. Er spielte, hatte Liebschaften und tötete im Krieg.

Gerade die Kriegserfahrungen verarbeitete Tolstoi in eindrucksvollen Erzählungen, die seinen Ruhm als Schriftsteller begründeten. Sein neben „Krieg und Frieden“ bekanntestes Werk „Anna Karenina“ beendete Tolstoi 1877. Nach der Fertigstellung dieses großartigen Liebes- und Gesellschaftsromans stürzte er in eine tiefe Sinnkrise. Viele Texte, die danach entstehen, sind von religiösen Fragen geprägt. Am Ende des Romans kündigt sich diese Krise schon an. Anna wirft sich vor einen Zug, und Lewin, eine der Hauptfiguren des Romans, denkt trotz seiner Ehe mit der jungen Kitty und der bevorstehenden Geburt seines ersten Kindes über den Tod und den Sinn des Lebens nach.

„Anna Karenina“ gilt vollkommen zu Recht als einer der größten Liebesromane der Weltliteratur. Der Roman ist aber nicht nur die Geschichte einer Frau und ihrer Suche nach Glück und Liebe, sondern zugleich auch die Geschichte dreier Paare, die miteinander verbunden sind. Da ist Anna, die zu Beginn der Erzählung eigentlich alles hat, was man sich nur wünschen kann. Dass ihr etwas gefehlt hat, merkt sie erst, als sie Graf Wronski begegnet und ihm verfällt. Gefangen in der Gewalt der Liebe, opfert sie ihren Mann, den Sohn und schließlich sich selbst. Dem Schicksal Annas stellt Tolstoi die Geschichte Kittys und Lewins an die Seite. Neben dem Unglück steht das Glück, das jedoch am Ende mit dem beschriebenen Grübeln Lewins auch infrage steht. Kittys Schwester Dascha und ihr Mann Stefan, der Bruder Annas, sind das dritte Paar. Er gibt sich dem Spiel, den Frauen und dem guten Essen hin, während sie seine Eskapaden erduldet und sich um die Kinder kümmert.

Mit diesen drei Paaren stellt Tolstoi drei Lebensentwürfe gegeneinander. Jede der drei männlichen Hauptfiguren lässt sich als ein Abbild Tolstois in einer bestimmten Phase seines Lebens lesen. „Anna Karenina“ ist Ausdruck einer permanenten Sinnsuche. Wonach soll man streben? Nach einem tätigen Leben, nach geistiger Erfüllung? Nach Liebe?

Sascha Hawemann inszeniert mit „Anna Karenina“ zum dritten Mal am Schauspiel Hannover. Nach Tschechows „Drei Schwestern“ in der vergangenen Saison wendet er sich erneut der geliebten russischen Literatur zu. Als Sohn eines Deutschen und einer Serbin, die sich beim Studium in Moskau kennenlernten, ist ihm die Liebe zu den großen Russen gleichsam in die Wiege gelegt worden. Hawemann wird „Anna Karenina“ nicht nur als Liebesgeschichte einer einzelnen Frau, sondern als kraftvolles Ensemblestück und Geschichte einer Gesellschaft auf der Suche erzählen. Dabei sind die Fragen nach dem richtigen Leben, die der Roman aufwirft, auch unsere Fragen.

Anna Karenina nach Leo Tolstoi Premiere 1. November, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, anschl. Premierenfeier und ab 23 Uhr Schauspielparty im Foyer (Eintritt frei)

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