„Der letzte Patient“

Im Sonntags-Tatort zeigt Charlotte Lindholm so viel Gefühl wie noch nie

- Von Müttern und Menschen: Seit dem Auszug von Mitbewohner Martin ist Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm wütend und traurig zugleich. Als Mutter und Kommissarin gerät Lindholm in „Der letzte Patient“ an ihre Grenzen.

Martin ist weg. Sein Zimmer ist leer. Keine Bücher mehr in den Regalen. Er hat ein Brieflein hinterlassen, er brauche Abstand, schreibt er. Das war’s dann wohl mit dem Mitbewohner, mit der Zweisamkeit, die zwar immer ohne Sex auskam, aber doch ein bisschen mehr war als nur eine Notgemeinschaft zur Vermeidung urbaner Einsamkeit. Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ist wütend. Und traurig. Sehr traurig. Meine Güte, ist die Frau traurig in diesem Film. Gleich dreimal bricht sie in Tränen aus. „Martin war mein Freund, mein bester, mein einziger!“, herrscht sie ihre Mutter an. „Ein bisschen Sex, das kriegt man überall. Aber das, was wir hatten, das war kostbar!“

Dabei hat sie eigentlich ganz andere Sorgen: Frau Dr. Silke Tannenberg (Cristin König) ist in ihrer Praxis „in Döhren“ ermordet worden. Genickbruch. Lindholms Chef wirkt seltsam nervös und fahrig und will unbedingt, dass sie den Fall übernimmt. Immer wieder läuft der Kommissarin dabei der 16-jährige, geistig behinderte Tim (Joel Basman) vor die Füße, der die Ärztin offenbar kannte. Was hat er mit dem Mord zu tun? Welche Rolle spielt Tims merkwürdige Pflegefamilie mit dem realitätsblinden Vater? Und was verraten die DVDs, auf denen die einsame Ärztin, die offenbar wahllos mit verheirateten Männern schlief, eine Art Videotagebuch führte?

Nicht nur, dass Lindholm als Kommissarin an ihre Grenzen gerät. Auch ihre Defizite als Mutter, die der brave Martin als Lebensorganisator immer ausgeglichen hatte, quälen sie. Erst recht, als ihr die nervtötende Kollegin Anja Dambeck (Christina Große) zur Seite gestellt wird, die nicht nur Oberkommissarin ist, sondern auch Oberklugscheißerin und Superglucke, ein verkrampftes, zwanghaft perfektes Muttertier, dessen Leben sich allein um Frühförderung, Geigenunterricht nach der Suzuki-Methode, Sprachkurse, Kochkurse, Bastelkurse und ihren ach so patenten Gatten dreht.

„Bei uns in der Familie fängt jeder früh mit Kochen an, weil das die Kreativität fördert“, zwitschert sie. Und dann gibt’s ein selbst gemachtes Sojamilchdessert von der Tochter. Lindholm kocht innerlich. Kaum auszudenken, wenn Kollegin Dambeck als Gegenpol zur zerrissenen Kommissarin jetzt öfter auftauchen sollte. Es ist – der NDR sei gepriesen – bisher nicht vorgesehen.

Eine düstere, neblige Grundstimmung herrscht in dieser Geschichte um Menschen, die in ihren Illusionen und Ängsten verfangen sind, um die Grenze zwischen Zuneigung und Missbrauch, um die tägliche Überforderung, um Verlustangst und seelische Abgründe. Regisseur Friedemann Fromm, der mit großen Mehrteilern wie „Die Wölfe“ und „Weißensee“ zu einer festen Größe im deutschen Fernsehgeschäft wurde, hat eher ein Psychodrama als einen klassischen Krimi geschaffen, eher eine verschachtelte Seelenstudie als einen stringenten Thriller.

Kein „Tatort“ bisher zeigte so deutlich die Brüche und Schründe in Lindholms Persönlichkeit. Gebrochene Helden sind en vogue, und so versucht auch Maria Furtwängler zunehmend, ihre Lindholm leiden zu lassen. Nichts ist mehr übrig von der süßlichen, fast parodistischen Gartenzwergidylle wie im Fall „Erntedank e. V.“. Die neue Lindholm ist keine taffe, kühle Blonde mehr. Sie kämpft, grübelt, liebt wie nie. Und sie hadert. Mit sich, mit der Welt, mit Martin. Und was sie dringend mal bräuchte, wäre ein Antiaggressionstraining.

Das Private nimmt großen Raum ein in diesem Film, der zwar in Hannover spielt, genau so aber auch in Osnabrück, Koblenz oder Gotham City hätte inszeniert werden können. Ein paar Figuren weniger hätten die personalintensive, nicht durchgehend spannende Geschichte gewiss entschlacken können. Dennoch enthält der 17. Lindholm-Fall – der zeitlich zufällig mit der Debatte um die RTL-II-Pädophilenhatz „Tatort Internet“ korreliert – starke Szenen, etwa, wenn erwachsene Männer ihre pädophilen Neigungen weinerlich weit von sich weisen und Stein und Bein schwören, ihren jugendlichen Opfern „einfach nur nahe sein“ zu wollen. Da wird Lindholm richtig fuchsig.

Und Martin? Sein Geist schwebt über diesem „Tatort“ wie ein schusseliger, kauziger Dämon. Selten war ein Schauspieler, der überhaupt nicht auftaucht, derart präsent in einem Film. Ingo Naujoks, der Lindholm 16 Fälle lang begleitete, könnte glatt eine Gage als unsichtbare Hauptfigur verlangen. In Wahrheit hatte Naujoks keine Lust mehr auf die Rolle des schratigen Krimiautors: „Es ging für den Charakter einfach nicht mehr weiter.“ Wie sich Lindholms Privatleben entwickeln soll, ist noch offen.

Ihre berufliche Zukunft dagegen steht fest: In ihrem 18. Fall wird es um einen heimlich homosexuellen Bundesliga-Fußballer gehen. Gedreht wird vom 9. November an auch im Stadion von Hannover 96, etwa beim Spiel gegen den HSV am 20. November. Die Ausstrahlung ist für Frühjahr 2011 geplant.

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