Berliner Staatsoper

Startenor Placido Domingo wird als Bariton bejubelt

- Folgt auf drei Karrieren jetzt noch eine vierte? Dabei hat der 68-jährige Placido Domingo doch gerade den erstmals verliehenen Birgit-Nilsson-Preis (eine Million Dollar) und den deutschen Echo Klassik für sein Lebenswerk erhalten. Das könnte ein Anlass sein, ­Bilanz zu ziehen – und vielleicht auch über ein allmähliches Abschiednehmen nachzudenken.

Schließlich ist Tenor ein Beruf, der nicht nur Kunstfertigkeit und Können, sondern auch Kondition verlangt. Domingo blieben doch immer noch die Berufe Operndirektor (und das gleich zweimal: in Los Angeles und Washington) und Dirigent (kein genialer, aber ein grundsolider Partner seiner Sängerkollegen). Aber der fleißigste und vielseitigste Operntenor schlägt lieber ein neues Kapitel auf: Domingo jetzt auch als Bariton. Erstmals zu erleben an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, wo ihn am Sonnabend ein begeistertes Publikum auch in der neuen Rolle feierte: als Titelhelden in Giuseppe Verdis Oper „Simon Boccanegra“.

Dass sich Baritone im Laufe ihrer Karriere zum Tenor hocharbeiten, kommt häufiger vor als die Gegenbewegung, weil vielen Tenören das dunkle Stimmfundament fehlt. Aber Domingo galt schon immer als der stabilste der großen Tenöre. Seine Stimme war immer bronzefarben, während zumindest der junge Pavarotti einen Silberton dagegensetzte (und Carreras in seinen besten Tagen Weißgold zu bieten hatte).

Überraschender als die Hinwendung zum tieferliegenden Repertoire war die Entscheidung für die Rolle des Dogen Simon Boccanegra – aber nur auf den ersten Blick. Natürlich sollte das Bariton-Debüt, wenn schon, denn schon, eine zentrale Rolle sein. Und um den ­Titelhelden in dieser Oper dreht sich alles. Allerdings hat Simon Boccanegra keine einzige ausgeprägte Arie zu singen, keinen Ohrwurmhit, dafür aber viele Be- und Erkenntnisse. Obendrein liegt die Partie eher hoch (weshalb mancher Bariton damit seine Probleme hat). Das fällt schon im Prolog auf, in dem die finsteren Charaktere und die ebenso finsteren Stimmen dominieren. Da hat Domingo leicht Oberhand. Zwar ist seine Stimme nicht mehr ganz so flexibel wie in jüngeren Jahren, aber das Timbre bezwingt noch immer, die Strahlkraft scheint ungebrochen. Und die Bühnenpräsenz sowieso.

Domingo singt siegessicher und muss das auch, denn aus dem Orchestergraben liefert Hausherr Daniel Barenboim einen Verdi voller musikalischer Ausrufezeichen. Man weiß nicht recht, ob die Berliner Staatskapelle so aufdreht, weil sie keine Angst um die Durchsetzungskraft des Baritons haben muss. Oder ob Domingo so kraftvoll auftritt, um die Oberhand nicht zu verlieren.

Es wird an diesem Abend aus dem Vollen geschöpft, zumindest was die Musik angeht. Anja Harteros ist eine selbstbewusste, souveräne Tochter Amelia, Kwangchul Youn ein rachedurstiger, profunder Fiesco. Fabio Sartori gibt als Liebhaber Gabriele Adorno den Strahletenor, und Hanno Müller-Brachmann als Verschwörer Paolo ist so dunkel wie sein Charakter.

Doch der bleibt weitgehend im Dunkeln. Star Placido Domingo hatte sich eine „traditionellere“ Inszenierung gewünscht. Und die bekam er auch. Regisseur Federico Tiezzi wird als Erfinder ­eines „Poesietheaters“ gerühmt (was immer das auch sein mag), doch er lieferte zusammen mit seinem Baukastenbühnenbildner Maurizio Balò eine rampennahe Stehparty ab, die vor drei Jahrzehnten schon altbacken gewesen wäre. Im Programmbuch schwadroniert Tiezzi seitenlang von der „Realität der Existenz“, auf der Bühne aber existieren nur Opernklischees. Nun ist die Handlung (die Vorlage stammt wie beim noch verworreneren „Trovatore“ vom Spanier Garcia Gutiérrez) schwer nachzuvollziehen. Es geht um einen Fluch und um permanente Verschwörung. Und als endlich klar ist, dass Amelia nicht Simon Boccanegras Geliebte, sondern seine Tochter ist – und die Enkelin Fiescos –, als der vermeintliche Gegner zum Nachfolger ausgerufen wird, als also alles gut werden könnte, da stirbt der schon im Akt zuvor vergiftete Titelheld. Nicht ohne zuvor allen und jedem verziehen zu ­haben.

Auf Edelmut musste in Berlin nur Regisseur Tiezzi hoffen, der zwar auch Zustimmung, aber noch mehr Widerspruch erntete. Für die Musiker und die Solisten aber gab es Jubel, für Domingo obendrein auch Ovationen im Stehen.

Es war, vielleicht, der Start einer neuen, späten Karriere. Und alle können sagen, sie seien dabei gewesen.

Die nächsten Vorstellungen am 27. und 30. Oktober und im November. Karten: (0 30) 20 35 45 55.

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