Schülerkasernen

Thema Missbrauch und Demütigung in Internatsromanen

- Was lässt sich aus Internatsromanen über das Thema Missbrauch und Demütigung lernen? In Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ sind sadistische Quälereien beschrieben, die den aktuellen an deutschen Klosterschulen und Internaten gleichen.

Sie spielen auch in einem Internat, ereignen sich aber unter Mitschülern – so ähnlich wie in dem Fall an der hessischen Odenwaldschule, wo mehrere Jungen einen gefesselten Mitschüler vergewaltigt haben sollen. Aber Musils Buch ist mehr als hundert Jahre alt.

1906 erschien der Roman, in dem zwei Schüler an einem Provinzinternat der österreichisch-ungarischen k. und k. Monarchie einen dritten quälen. Sie haben den Jungen beim Stehlen erwischt und drohen, ihn zu verraten, falls er ihnen nicht zu Diensten ist. Die beiden Täter missbrauchen ihr Opfer sexuell, peitschen es aus, lassen es nackt auf dem Boden kriechen und wie ein Schwein grunzen. Der junge Törleß beobachtet die Täter bei ihrem grausamen Spiel – und empfindet eine seltsame Faszination an der verbotenen Lust.

Mit einer für die damalige Zeit revolutionären Offenheit schildert Musil, der selbst eine Kadettenschule besuchte, eine Welt, die man überwunden glaubte, bevor jetzt der Skandal um deutsche Internate losbrach. Dies ist eine Welt, in der die Erziehung von Kindern nicht nur mit Disziplin, sondern auch mit sadistischer Lust und Gewalt einhergeht.

Es ist ein Topos in der Internatsliteratur, dass in solchen Erziehungsanstalten nicht nur Zucht und Ordnung, sondern auch Demütigungen und Grausamkeit herrschen. Dass „die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken“ müsse, heißt es in Hermann Hesses Roman „Unterm Rad“ von 1906, der in einer Klosterschule in Maulbronn spielt.

Erich Kästner weist 1933 im Vorwort zu seinem Internatsroman „Das fliegende Klassenzimmer“ darauf hin, dass das Strafen ein wesentliches Erziehungsmittel in „Schülerkasernen“ ist. Noch in ­Joanne K. Rowlings „Harry Potter“, dem weltweit wohl bekanntestem Internatsroman, kommen als Strafmaßnahmen Folterszenen vor. Dolores Umbridge, zwischenzeitlich Schulleiterin von Hogwarts, genehmigt das Auspeitschen von Kindern und versucht, Harry Potter mit einem grausamen Strafritual zu zwingen, die wiedererlangte Macht des Zauberers Voldemort zu leugnen. Jeden Abend muss Harry stundenlang mit einer mit seinem Blut gefüllten Feder den Satz „Ich soll keine Lügen erzählen“ aufs Pergament schreiben. Die Zauberfeder ritzt den Satz zugleich in seinen Handrücken: so tief, dass Narben bleiben.

Es ist bislang wohl niemand auf den Gedanken gekommen, Rowlings Szenen als Kritik an realen Internaten zu lesen. Internatsromane sind heute ein beliebtes Genre der Kinder- und Jugendliteratur, weil sich an einem Ort, wo viele Kinder leben, große Kinder- und Jugendthemen bündeln lassen: von Abenteuergeschichten (bei denen in der Folge von Enid Blytons „Hanni und Nanni“-Bänden das Internat aber nicht als Hort des Bösen, sondern als Schutzraum fungiert) bis hin zur ersten Liebe wie in Meg Rosoffs „Damals, das Meer“. Böse Lehrer und grausamer Drill gehören als ausschmückende Elemente zum Genre wie die düstere Burgruine zum Schauerroman.

Wie wenig es bis vor Kurzem ins Bild kirchlicher oder reformpädagogischer Internate passte, dass Misshandlungen und sexueller Missbrauch keine Fiktion, sondern Realität waren, zeigen auch die Reaktionen auf den 2006 erschienenen, autobiografisch gefärbten Internatsroman „Warum du mich verlassen hast“ des „FAZ“-Spanienkorrespondenten Paul Ingendaay. Das Buch spielt Mitte der siebziger Jahre in einem katholischen Internat in der niederrheinischen Provinz und enthält Passagen über Machtmissbrauch, Homoerotik und den Versuch, Unliebsames zu vertuschen. Von einer „Schwester Gemeinnutz“ ist da die Rede, die allwöchentlich in der „Stunde der Wahrheitserforschung“ mit psychischer Grausamkeit einen Jungen dem Spott der Mitschüler aussetzt. Dass der Lieblingslehrer des 15-jährigen Marko Selbstmord begeht, verleugnet der Präses des Collegiums. „Gewalt”, heißt es bei Ingendaay lapidar, „gehört zur katholischen Kirche wie Hostie und Weihrauch. Nehmen Sie der Kirche ihre pittoresken Bestrafungsmethoden, und die Gläubigen laufen davon.“

Solche Sätze veranlassten den heutigen „Zeit“-Feuilletonisten Ijoma Mangold zu der Bemerkung, es sei „immer noch eine würdige Aufgabe für die Literatur, der Heuchelei die Maske vom Gesicht zu reißen. Und von der gibt es auf katholischen Internaten womöglich doch mehr, als wir Feuilleton-Katholiken in unserer Unbedarftheit uns vorstellen.“ Heute muss man sagen, dass dieses Zitat mehr Wahrheit enthält, als Mangold es sich wohl je hätte träumen lassen.

Ingendaays Roman enthält aber noch eine andere Wahrheit, die für die aktuelle Missbrauchsdebatte von Bedeutung ist. Er beschreibt, was für eine existenzielle Angelegenheit es für Kinder ist, erwachsen zu werden. Da ist die Entdeckung der Sexualität, die erste Annäherung ans andere Geschlecht, die – wenn sie jugendlichen Bedürfnissen entspricht – oft so zärtlich wie unbeholfen verläuft. Es ist rührend zu lesen, wie Marko in Ingendaays Buch zum ersten Mal die 14-jährige Margret küsst: „Sie war eine gute, ausdauernde Küsserin, und sie wollte, dass ich ihre Hassumer Techniken übernehme“, heißt es da. „Sie hatte ziemlich genaue Vorstellungen. Also arbeiteten wir daran.“

Mit wie viel Schmerz der Weg zur eigenen Persönlichkeit auch einhergehen kann, zeigt Ingendaays schillernder Romantitel „Warum du mich verlassen hast“. Marko ist bitter enttäuscht darüber, dass seine Eltern sich trennen. Mit seinem Mentor Pater Gregor kann er jenseits der starren Internatsregeln Grundsatzfragen des Lebens erörtern: mit jenem tiefen Ernst, mit dem wohl nur Heranwachsende die Welt hinterfragen. Doch dann bringt Pater Gregor sich um.

Ingendaay macht deutlich, dass die Zeit zwischen dem 13. und dem 16. Lebensjahr eine ist, in der Kinder lernen, nicht nur den Regeln der Erwachsenen zu gehorchen, sondern auf einer höheren Ebene zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Manchmal müssen sie dafür höchste Autoritäten in Zweifel ziehen. Der Satz „Warum du mich verlassen hast“ variiert nicht umsonst die letzten Worte von Jesus Christus vor seinem Tod am Kreuz („Vater, Vater, warum hast du mich verlassen“), in denen der Sohn Gottes für Momente an seinem Vater und am Glauben (ver-)zweifelt.

Solche Internatsromane, die die Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zum eigenen Ich so eindringlich schildern, führen vor Augen, was für eine Tragödie es ist, wenn Lehrer in dieser Phase das Vertrauen ihrer Schüler missbrauchen, sie verführen, vergewaltigen und ihnen ein Leben voller Lügen und Heimlichkeit aufzwingen. Schon in Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ können die Opfer die gewaltsame Spaltung ihrer Persönlichkeit nur wieder kitten, indem sie das Kartell des Schweigens durchbrechen und die Taten öffentlich machen. Manche Opfer im jetzigen Missbrauchsskandal haben 40 Jahre für diesen Schritt gebraucht.

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