Konzert

Torfrock feiert in Hannover 20-jähriges Band-Jubiläum

- Albern, aber leidenschaftlich: Die Band Torfrock feiert im ausverkauften Capitol in Hannover ihre 20. "Bagaluten-Wiehnacht“.

Wenn vier gestandene Männer um kurz vor Mitternacht an der hannoverschen Haltestelle Waterloo mit Plastik-Wikingerhelmen und Lederwesten stehen, lautstark „Oooodiiiin“ skandieren und im breiten Dithmarschen-Dialekt „Wir untertunneln Schleswig-Holstein“ singen, dann kann das nur eins bedeuten: Torfrock war in der Stadt. Dann werden aus Verwaltungsfachangestellten Wikinger, Postboten tragen Lederkutten zu blinkenden Weihnachtsmannmützen, und manch schüchterner Sozialpädagoge wird zwischen den vielen Furchtlosen zum grunzenden und röhrenden Hägar, der Schreckliche. „Oooooodiinnnnnnn!!“

Einmal im Jahr lädt die Hamburger Band Torfrock zum besonderen Weihnachtskonzert ein. Für viele ist es Tradition an den Feiertagen, die alte Jeansjacke mit Torfrock-Aufnäher aus dem Schrank zu holen und ordentlich Met in die Hörner zu füllen. Diesem Anspruch kamen nun 1800 Fans mit besonderer Inbrunst nach. Torfrock feierte im ausverkauften Capitol 20-jähriges Bestehen der „Bagaluten-Wiehnacht“.

Bagaluten sind Rüpel, Rowdys, Radaubrüder, Menschen, die sich nehmen, was sie wollen. So verwundert es nicht, dass der erste Song des Konzerts ein Cover von Jimi Hendrix ist. Aus der Hymne „Hey Joe“ wird die plattdeutsche Variante „He, Jo“, in der Jo seine Frau erschießt, weil sie etwas mit einem anderen Kerl anfängt. Die Moral: „He, Jo, das geht aber nich’ so.“ Aua. Sänger Klaus Büchner erklärt, dass aus diesem Lied 1976 Torfrock entstand. „Es war sozusagen der Torfrock-Fötus“, sagt die einstige zweite Hälfte von Klaus und Klaus, und man wolle noch lange weitermachen. Betreutes Rocken sei das Ziel.

Jimi Hendrix bleibt nicht die einzige musikalische Bagaluten-Beute, die im Capitol präsentiert wird. In 33 Jahren Bandgeschichte mit 17 Alben und Liveaufnahmen ist ein Fundus plattdeutscher Neuinterpretationen entstanden. Und so wird aus „Wild Thing“ von den Troggs „Wildsau“, aus „Summertime Blues“ von Eddie Cochran wird „Sommertid Blues“, und aus „Leise rieselt der Schnee“ wird – Wikinger aus der Norddeutschen Tiefebene sind wirklich unerschrocken – „Leise pieselt das Reh“. Arg albern? Egal. Torfrock wurde von Büchner und Raymond Voß als Spaßband gegründet, auch wenn sie mittlerweile auf ihrer Internetseite klar gegen Rassisten Stellung beziehen, weil manche die Ironie um die germanische Mythologie nicht verstehen und Kleidung der bei Rechtsextremen beliebten Thor-Stei­nar-Marke tragen. Leider auch beim hannoverschen Konzert.

Die Fans lieben Torfrock gerade für ihren besonderen Humor. Sie singen jede Zeile der skurrilen Liedgeschichten aus der fiktiven Wikinger-Siedlung „Haithabu“ in Schleswig-Holstein mit, lachen selbst über Büchners Witze und Gedichte („Weihnachtsmann, mach mich mal schlau, gibt’s eigentlich ’ne Weihnachtsfrau? Ja, auch sie fährt mit ’nem Schlitten, nur hat statt Bart mächtige ...“) und brüllen „Volle Granate Renate“ in einer Lautstärke mit, als müsste der sinnfreie Text auch in Skandinavien Gehör finden.

Nach zwei Stunden Dialektgesang zu krachenden Gitarrenriffs zelebrieren Torfrock und die überzeugende Vorband aus Hannover, die Wohnraumhelden („Wir haben kein Bock mehr, außer uns spielt niemand Rock mehr!“), gemeinsam „Let’s Wörk Togesser“ und verbeugen sich. Die Fans johlen, die zahlreichen Mitglieder der „Royal Beer ­Force“ aus Bordenau (der Name scheint Programm) hüpfen begeistert auf und ab, und viele singen die Lieder noch auf dem Heimweg.

Sie grölen weitgehend talentfrei, was ein wenig verwundert. Hat doch der Band „Asterix bei den Normannen“ eines über die nordischen Völker gelehrt: Diese fürchten nur eines – den Gesang des Barden Troubadix. Folglich müssten die Männer von der Waterloo-Haltestelle Angst vor ihrem eigenen Gesang bekommen.

Von Jan Sedlies

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