Doku-Drama über Christian Wulff

Überfordert im Schloss Bellevue

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Foto: „Das Problem ist die Kommunikation“: Kai Wiesinger und Anja Kling als Ehepaar Wulff.

Berlin - Keine Schadenfreude, sondern gelunges Fernsehen: Das Sat.1-Doku-Drama „Der Rücktritt“ zeigt den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff als Opfer der eigenen Unbelehrbarkeit.

Bettina Wulff wird nicht gefragt. Stumm sitzt sie auf der Rückbank einer Stretchlimousine, unterwegs zum Emir. Neben ihr begeht der Bundespräsident einen fatalen Fehler. Er greift zum Handy und wählt die Nummer von Kai Diekmann. Doch der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung wird Christian Wulff mit einem breiten Grinsen im Gesicht wegdrücken. Die Mailbox springt an. Der Rest ist bekannt. Der „Rubikon ist überschritten“, und für die Wulffs wird die Luft dünn.

Fast genau zwei Jahre nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident bringen UFA-Produzent Nico Hofmann („Der Minister“) und Drehbuchautor Thomas Schadt („Der Mann aus der Pfalz“) die Affäre ins Fernsehen. Das Dokudrama „Der Rücktritt“ wird am 25. Februar ausgestrahlt, möglicherweise nur zwei Tage vor dem Urteilsspruch im Prozess gegen Christian Wulff vor dem hannoverschen Landgericht. Besser kann man einen Ausstrahlungstermin nicht terminieren.

Ein „Eingeschlossenen-Drama“ nennt der Regisseur seinen Film, der bereits einigen Journalisten gezeigt wurde. Seine Grundfrage: Wie kann es sein, dass einem Paar, das zuvor so sicher auf jedem roten Teppich aussah, plötzlich alles entglitt? Dass sich lähmendes Schweigen breitmachte, wo doch so viele offene Fragen im Raum standen. Dokumentarisches Fernsehmaterial, wie die Bilder von der letzten Weihnachtsansprache des Präsidenten, aus dem Oman oder von der Auslandsreise nach Italien, markieren den Weg zum Rücktritt.

Das eigentliche Drama fand hinter verschlossenen Türen statt. Um das zu recherchieren, holte das Team um Hofmann den „Spiegel“-Journalisten Jan Fleischhauer mit ins Boot. In zahlreichen Hintergrundgesprächen mit Beteiligten sollte der richtige Tonfall gefunden werden. Für die Fakten stützten sich Schadt und Fleischhauer auf das Buch „Die Affäre Wulff“ von den „Bild“-Redakteuren Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch, die mit ihren Recherchen eine Lawine an Medienberichten über mögliche Vorteilsnahme im Amt auslösten.

Heidemanns wollte wissen, wie das Haus der Wulffs, später als „Klinkerhölle“ in Großburgwedel verspottet, finanziert wurde. Es folgt der Schnitt auf die eigentlichen Protagonisten: Wulff (Kai Wiesinger), beratungsresistent bis trotzig, sein Sprecher, der umtriebige Netzwerker Olaf Glaeseker (Holger Kunkel) und der steife Bürokrat und Chef des Bundespräsidialamtes Lothar Hagebölling (René Schoenenberger) fragen sich, wie man sich verhalten müsse. Der Vorwurf der Vorteilsnahme steht im Raum. Nur kurz stört Bettina Wulff (Anja Kling) die Herrenrunde, um ihr neues Abendkleid vorzuführen. Ja, so hatte man sich das immer vorgestellt. Noch bevor eine Antwort für die Journalisten gefunden ist, wird für das Ehepaar Wulff der rote Teppich im Oman ausgerollt. Die Presse muss eben mal warten.

Bald darauf muss Glaeseker gehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Wulffs ehemaligen Intimus. Während Wulff die Presse über die Entlassung informiert, holt sich Glaeseker seine Unterlagen von Hagebölling ab. „Das Problem ist die Kommunikation“, sagt Glaeseker. Die Unbelehrbarkeit, damit habe sich Wulff schon in Hannover keine Freunde gemacht. „Trotzdem war es schön, ihn groß zu machen.“ Und es wirkt authentisch, wenn Glaeseker zum Abschied noch erklärt, das sei ihm hier eh alles zu steif und höfisch gewesen. Ausgerechnet Bettina Wulff, die sich mit ihrem Abrechnungsbuch „Jenseits des Protokolls“ zum Gespött gemacht hat, ist die einzige Sympathieträgerin des TV-Dramas. Ihr Mann im Schloss Bellevue kapselt sich ein, steuert immer tiefer in die Krise. Sie kann nichts dagegen tun.

Der Film entlastet Christian Wulff weder, noch verteufelt er ihn. Schadt geht erfreulich fair mit seinen Figuren um. Es gibt Überforderte und Uneinsichtige, aber keine eindeutig Bösen und keine eindeutig Guten. Der Film ist ein Kammerspiel von Beziehungen, die unter Druck zerbrechen.

„Der Rücktritt“ läuft am Dienstag, 25. Februar um 20.15 Uhr auf Sat 1.

Von Nora Lysk und Jan Sternberg

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