ARD-Filmdrama

Ulrich Tukur brilliert als Erwin Rommel

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Zwischen Gehorsam und Widerstand: Ulrich Tukur spielt Generalfeldmarschall Erwin Rommel in seinen letzten Lebensmonaten.

Berlin - Mensch statt Mythos: Fast ein wenig zu sympathisch bringt Ulrich Tukur den Generalfeldmarschall Erwin Rommel in Niki Steins Fernsehfilm herüber. Ein Film, über den die Familie Rommel und der SWR jahrelang stritten.

Catherine Rommel möchte nichts mehr sagen über den ARD-Film, der ihren Großvater porträtiert. Außer diesem Satz: „Ich wünsche dem Film viel Erfolg.“ Genauso sagen es auch ihre Eltern, Manfred und Liselotte Rommel. Jahrelang stritten sich die Familie und der Südwestrundfunk (SWR) um das schlicht „Rommel“ betitelte Geschichtsepos. Der zweistündige Film läuft am Donnerstag in der ARD. Gesehen hat ihn noch keiner der Rommels, trotz Angeboten des Senders. „Ich werde ihn aufnehmen“, sagt die Enkelin.

„Alles Gute“, das scheint versöhnlich. Bei Catherine Rommel klingt es eher nach der Müdigkeit nach einem langen, zermürbenden Streit. Es ist ein Streit um die Rolle Rommels im Zweiten Weltkrieg und um den Umgang mit einem Mythos. Der Streit zwischen Familie und Sender währt auch schon ungefähr zehn Jahre. Er beginnt mit einem anderen Fernsehfilm. „Mythos Rommel“, so heißt ein Dreiteiler, der 2002 in der ARD lief. Regisseur war Maurice Philip Remy, der auch gleich ein Buch zum Film lieferte. Remy wollte nachweisen, dass Erwin Rommel, der Lieblingsgeneral Hitlers, eigentlich ein Widerständler war.

Rommel war zeit seines Lebens Berufssoldat. Mitglied der NSDAP wurde er nie. Ein Bewunderer Hitlers aber war er auf jeden Fall. Wann wandte sich Rommel von Hitler ab? Und war er 1944, als die Widerständler um Stauffenberg Kontakt zu ihm suchten, bereit, den „Führer“ zu töten? Über diese Fragen streitet die Rommel-Forschung seit vielen Jahren. Nun streiten auch Familie und Filmemacher. Remy war vom SWR auch für das zweite große Rommel-Projekt vorgesehen, der Sender zögerte, wandte sich an die Produktionsfirma Teamworx von Nico Hofmann, der Niki Stein als Regisseur vorschlug.

Remy zog sich aus dem Projekt zurück. Familie Rommel aber hatte sich anscheinend an dessen Sicht der Dinge gewöhnt. Niki Steins Drehbücher lehnte die Familie ab: „Mein Schwiegervater wird als Emporkömmling, als Hitlers Günstling und als Verbrecher hingestellt – das empfinden wir als beleidigend“, sagte Liselotte Rommel der „Stuttgarter Zeitung“. Ihre Tochter Catherine wiederum rückte Regisseur Stein in die Nähe des Holocaust-Leugners David Irving, weil Stein aus dessen Rommel-Biografie zitierte. Die aber erschien zu einer Zeit, als Irving noch nicht im rechtsextremen Spektrum zu Hause war, jeder heutige Rommel-Forscher nutzt sie.

Widerständler oder Hitler-Bewunderer?

Steins Kontrahent Remy glaubt, dass Rommel zum Widerstand des 20. Juli gehörte. Und Remy argumentiert, dass der Generalfeldmarschall bereits in Afrika zum Hitler-Kritiker wurde. Am 23. Oktober 1942 begann die britische Offensive gegen Rommels Stellungen vor el-Alamein in der ägyptischen Wüste. Zehn Tage später befahl Rommel den Rückzug. Hitler verdonnerte ihn, die Stellungen zu halten „bis zum Sieg oder zum Tod“. 24 weitere Stunden ließ Rommel seine Truppen abschlachten, dann räumte er die Niederlage ein, gegen Hitlers Befehl. „Diese 24 Stunden hatten Rommel für immer verändert“, schreibt Remy. Wenn das so wäre, warum sehnt sich Rommel dann nach dem Rückzug aus Afrika nach einem erneuten Kommando? Warum brennt er so darauf, „Hitler zu zeigen, dass er kein Versager ist“? Und als Rommel sein neues Kommando erhält, in Italien, läutet er die Deportation entwaffneter italienischer Soldaten ins Reich ein – zur Zwangsarbeit, entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention.

Im November 1943 dann kommt Rommel nach Frankreich, als Oberkommandierender der Heeresgruppe B. Die Deutschen haben Angst vor einer alliierten Invasion in Nordfrankreich, geplant von Rommels altem Gegner Bernard Montgomery. Die zweite Front in Frankreich würde den Krieg endgültig gegen das Nazi-Reich entscheiden. Rommel am Strand der Normandie wird von der „Wochenschau“ als die neue „Wacht am Rhein“ verkauft: „Wenn Rommel wacht, kann Deutschland ruhig schlafen.“

Hier, in der Normandie, beginnt der „Rommel“-Film, der die letzten Monate im Leben des Militärs nachzeichnet. Strand statt Wüste, radikale Konzentration auf das Ende. Stein zeigt einen Rommel, der von seinem Glauben an den vermeintlich sauberen Krieg und von seinem Glauben an Hitler abfällt und fast, aber eben nur fast, zum Widerständler wird.

Am 6. Juni 1944 beginnt die Invasion. Bald müssen die deutschen Generale erkennen, dass der Krieg auch im Westen so gut wie verloren ist. Rommel, der Profi, versucht Hitler zu überzeugen, mit den Alliierten zu verhandeln. Der lehnt ab. Rommel schimpft: „Der saudumme Haltebefehl führt, wie schon so oft, in die Katastrophe.“ Die andere Seite beginnt um ihn zu werben. Die Männer um Stauffenberg senden Emissäre zu Rommel. Vom Attentat aber berichten sie wohl nichts. Rommel schlägt seinen eigenen Weg ein. Er stellt Hitler am 15. Juli 1944 ein Ultimatum: Verhandlungen mit den Westmächten, oder er werde die Front aufmachen.

Tragischer Rommel

Ulrich Tukur spielt in Niki Steins Film einen beeindruckenden Rommel. Einen ehrgeizigen militärischen Vollprofi, der gleichermaßen charmant wie cholerisch sein kann, mal kalt bis zum Zynismus, mal warmherzig, mal draufgängerisch, mal zaudernd. Es ist ein Rommel, der fast etwas zu sympathisch rüberkommt für einen Befehlshaber in einem Vernichtungskrieg, dessen Zweifeln und Zögern aber dafür umso authentischer wirkt. Tukur spielt keinen Mythos, er spielt einen Menschen. Einen Menschen, der daran scheitert, in einer ausweglosen Lage das Richtige zu tun.

Am Ende wird er von Hitler der Beteiligung am Attentat verdächtigt und gezwungen, Selbstmord zu begehen. Zwei Offiziere holen ihn in seinem Haus ab, geben ihm eine Zyankalikapsel, die er im Auto schlucken soll. Kurz verabschiedet er sich von Frau und Sohn, ohne sie wirklich in den Arm zu nehmen. Die Zwiespältigkeit, die Ulrich Tukur in diese Szene legt, sagt schon alles über einen Menschen, der letztlich doch in seiner Uniform feststeckte. Es ist ein tragischer Rommel, und es ist einer, den wahrscheinlich auch die Enkelin mögen wird. Wenn sie den Film denn einmal sieht.

Jan Sternberg

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