Ausstellung

Unterwegs mit Captain James Cook

- Heute schon auf Weltreise gegangen? Wie wäre es mit einem Abstecher nach Haiti? Oder erst mal auf einen Sprung nach Neuseeland? Vielleicht doch lieber nach Sibirien oder Nordamerika? Ist alles im Angebot einer spektakulären Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle.

Blau gestrichelte Linien auf dem Boden weisen den Weg. Früher oder später verirrt man sich aber doch, bleibt hängen beim Anblick einer grinsenden Götterfigur, dem Bildnis eines tätowierten Kriegers oder einem großformatigen Gemälde, auf dem elegante Kanus und dickleibige Segelschiffe einander begegnen.

Es ist aber in Ordnung, den vorgezeichneten Weg zu verlassen: Schließlich folgen wir mit gut 230 Jahren Abstand einem Entdecker, der auch nicht wusste, was ihn erwartete. Wir bewegen uns auf den Spuren von Captain James Cook. Dreimal – 1768, 1772 und 1776 – segelte er los. Bis dahin war ein Drittel der Erde noch gar nicht kartiert. Erst durch Cook tauchten Neuseeland, Australien und die Inselwelt der Südsee auf dem Globus auf. Nur den sagenumwobenen Südkontinent, die Terra australis incognita, den er im Auftrag der britischen Admiralität für England in Besitz nehmen sollte, fand er nicht. Dafür aber vieles anderes, was die Europäer staunen ließ – und heute die Besucher in Bonn aufs Neue staunen lässt.

„James Cook und die Entdeckung der Südsee“ heißt die Ausstellung. Rund 550 Objekte, die in mehr als 40 öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit verstreut lagerten, werden erstmals zusammengeführt. Nicht einmal in der Südsee selbst sind heute noch solch aussagekräftigen Kostbarkeiten zu finden – zum einen, weil viele Gebrauchsgegenstände längst zerschlissen wurden, zum anderen, weil die Entdeckung der Völker zugleich auch den Anfang ihres Endes bedeutete. Beeindruckend sind nicht nur die Waffen, Kultobjekte oder der Schmuck in den Vitrinen: Auch die Gemälde der mitreisenden Maler wie William Hodges und John Webber geben präzise Kunde vom Leben auf der anderen Seite der Erde.

Einer der wichtigsten Leihgeber ist das Institut für Ethnologie in Göttingen. Die Entstehung der dortigen Sammlung beruht auch auf den „Mitbringseln“ von Johann Reinhold und Georg Forster. Vater und Sohn Forster begleiteten Cook auf dessen zweiter Reise. Sie brachten nicht nur Unmengen von Pflanzen und Tieren mit nach Hause, sondern auch andere Objekte jedweder Art. Ja, gewissermaßen trugen sie zur Begründung der Völkerkunde bei.

Besonders stolz ist Gundolf Krüger, Kustos in Göttingen und Mitkurator der Bonner Schau (siehe unser Interview), auf die Federskulptur des hawaiianischen Kriegsgottes Kuka’ilimoku oder auch auf ein prachtvolles Trauergewand aus Haiti, eine Robe aus Federn, Perlmuschel, Schildpatt und Rindenbaststoff. Nur Priester durften so etwas tragen.

Nach seiner Rückkehr schrieb Georg Forster seinen berühmt gewordenen Bericht über seine „Reise um die Welt“ und lobte Cook darin: „In einem gleichen Zeitraum hat niemand je die Grenzen unseres Wissens in gleichem Maße erweitert.“ Auch die Bonner Ausstellungsmacher rund um die Washingtoner Anthropologin Adrienne L. Kaeppler sehen Cook als Protagonisten der Aufklärung. Während andere in den europäischen Salons philosophierten, sammelte er ganz praktisch Wissen in der Welt.

Auf vielen Gebieten arbeitete Cook am menschlichen Fortschritt: Er bekämpfte mit Tausenden Kilogramm Sauerkraut an Bord erfolgreich den tödlichen Skorbut bei seinen Matrosen, benutzte als Erster einen Chronometer und konnte so seine Position auf den Längengrad genau berechnen. Seine astronomischen Forschungen halfen, die Entfernung zur Sonne zu bestimmen, die Katalogisierung von Pflanzen und Tieren ließen Zweifel an der biblischen Schöpfungsgeschichte aufkeimen. Alexander von Humboldt und Charles Darwin führten auf ihren Weltreisen fort, was Cooks Naturkundler begonnen hatten.

Cook sah in den Südseevölkern keine „edlen Wilden“, wie es noch so viele nach ihm tun sollten, sondern Menschen anderer Kulturen. Er fand sogar zurückhaltende Worte zum Kannibalismus der Neuseeländer, obwohl elf seiner Männer diesem wohl auf der zweiten Reise zum Opfer gefallen waren: „Sie essen ihre Feinde, die sie im Kampf getötet. Das scheint mir aus der Tradition zu erwachsen und mitnichten aus einer Veranlagung zur Grausamkeit.“ Genauso verhängte er aber auch drakonische Strafen, ließ Diebe auspeitschen oder ihnen die Ohren abschneiden.

Letztlich trugen die auf seinen Reisen gewonnenen Erkenntnisse dazu bei, den Menschen zum Souverän zu machen. Es ist kein Wunder, dass sich Georg Forster später zum begeisterten Verfechter der Französischen Revolution entwickelte und sich beim (bald gescheiterten) Experiment der Mainzer Republik auf die Seite der Jakobiner schlug.

Cook ahnte sogar die Folgen seiner Entdeckungen für die Entdeckten voraus – für die er später immer wieder verantwortlich gemacht werden sollte. 1777 notierte er: „Wir bringen ihnen Bedürfnisse und womöglich Krankheiten, die sie zuvor nicht gekannt und die ausschließlich dazu angetan, die glückselige Ruhe zu stören, deren sie und ihre Vorväter sich erfreuten.“ Über diese Folgen erfährt man in Bonn leider nur auf Schrifttafeln. Die Bevölkerung auf Haiti wurde in den nächsten Hundert Jahren durch eingeschleppte Geschlechtskrankheiten, Tuberkulose, Pocken, Masern und Alkoholismus von gut 200 000 auf weniger als 10 000 dezimiert.

Cook starb am 14. Februar 1779 in der Kealakekua-Bucht auf Hawaii. Er wurde bei einem eskalierenden Streit um ein gestohlenes Beiboot erstochen – mit einem der Eisendolche, die er selbst mitgebracht hatte. Die Nachricht vom Tod des Forschungsreisenden Captain James Cook traf erst elf Monate später in England ein. Sie löste Entsetzen aus.

Bis zum 28. Februar 2010 in der Bundeskunsthalle Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn. Der Katalog kostet 29 Euro.

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