Alle kriegen dick und werden Kinder

Uraufführung beim Jungen Schauspiel Hannover

- Zweierlei war Laszlo klar: Nie würde er den Führerschein machen, nie würde er einen Computer besitzen. Mit dem Führerschein hat es dann tatsächlich noch etwas gedauert, aber den Computer hat er sich schon bald gekauft.

Und überhaupt ist in seinem Leben vieles anders gekommen, als er sich das so vorgestellt hat, damals, als er mit seinem Freund Dario an der Haltestelle abhing und Unmengen von Kaugummi kaute. Laszlo ist von zu Hause abgehauen, er ist Musiker und berühmt geworden, er hat seine Freundin verlassen, und er hat Männer geliebt.

Der Theaterautor Kristo Sagor beschreibt in „Alle kriegen dick und werden Kinder“ das Leben eines jungen Mannes, der glaubt, seinen Weg zu kennen, und am Ende doch erkennen muss, dass er irgendwo gelandet ist, wo er vielleicht gar nicht hin wollte. Es ist zwar an vielen Stellen zu grell und breit ausgemalt, aber es ist kein schlechtes Jugendstück. Man kann etwas draus machen. Man müsste das Stück hart angehen, seine Kabarettelemente (schwule Friseure!) entfernen, einiges verdichten, den Kitsch minimieren, dann könnte es gehen. Man könnte das alles in einer guten Stunde erzählen, die Zuschauer würden der Geschichte einer komplizierten ­Selbstfindung applaudieren – und hätten die ­Sache wohl bald vergessen.

Am Jungen Schauspiel Hannover versucht man etwas anderes. Dort inszeniert der Autor die Uraufführung seines Stückes selbst (was gefährlich ist). Das Stück wird nur in den Erwachsenenrollen von Profischauspielern gespielt, die meisten Rollen aber spielen jugendliche Laien (was sehr gefährlich ist). Und dann schlägt man noch alle Regeln der Unterhaltungskunst in den Wind, verzichtet auf jede Spannungs­dramaturgie und lässt die ganze Sache fast drei Stunden dauern (was tödlich ist).

Das kann sich ein Theater nur leisten, wenn es sich das leisten kann. In diesem Fall kann es das, denn die Produktion wird von enercity, dem Hauptsponsor des hannoverschen Jugendtheaters, gefördert. Und dieser Sponsor lässt sich nicht lumpen und bringt sogar eine CD mit heraus. Die ist im Programmheft eingeklebt und recht sinnvoll, denn die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil der Produktion. Die Kompositionen stammen von Sebastian Katzer, der auch die musikalische Leitung hat, und von Jean-Michel Tourette, der ansonsten Bandmitglied und Komponist von „Wir sind Helden“ ist. Die Songs werden live von einer Rockband gespielt, Nicolaas van Diepen, der den Laszlo spielt, singt dazu. Er macht das sehr gut, sein Körpereinsatz ist großartig; er könnte was werden am Theater. Das gilt auch für Tim Ritter, der den Freund Dario spielt, und für den 15-jährigen Jannis Burkardt, der als kleiner Bruder des Rockstars auf der Bühne steht. Aber es gilt eben nicht für alle. Es ist leider so: Nicht alle sprechen so, dass man ihnen gern zuhört – und das macht die drei Stunden Spieldauer zu gefühlten vier, fünf Stunden. Da rettet dann auch der Text nichts mehr, dessen Pointen eher sparsam gesät sind. Und die hilflosen ­Regieeinfälle (Leute, die mit Wasser aus Plastikflaschen herumspritzen, sind keine neue Theatererfindung) verlängern die Sache noch unnötig.

Aber: Man hat immerhin etwas gewagt. Und am Ende stehen lauter glückliche junge Leute auf der Bühne. Man sieht ­ihnen an, dass sie sich wohl ihr ganzes Leben lang an diese Arbeit erinnern werden. Das ist das eigentlich Schöne bei solchen Produktionen.

Weitere Aufführungen am 31. Oktober, 1., 10., 12. und 22. November im Ballhof 1, Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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