"Der Fänger im Roggen"

US-Kultautor J.D. Salinger ist tot

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Dieses Bild von 1951 ist eines der wenigen, das J.D. Salinger von sich aufnehmen ließ.

- Der amerikanische Kultautor J.D. Salinger ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren. Salinger wurde unter anderem als Autor von "Der Fänger im Roggen" weltberühmt.

„Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.“ So beginnt „Der Fänger im Roggen“ einer der einflussreichsten (Jugend-)Romane des 20. Jahrhunderts.

Wer hier spricht, das ist nicht nur Holden Caulfield, der Held des Romans, sondern eben auch J. D. Salinger, der große Unbekannte der Literatur. Er hatte keine Lust, über sich zu erzählen. Er hatte auch keine Lust, sich fotografieren zu lassen. Seit 1965 hat er geschwiegen. Kein Buch mehr, nicht einmal eine kleine Erzählung. Im Jahr 1980 hat er sein letztes Interview gegeben. Viele haben lange gewartet, ob nicht doch noch ein neues Werk von ihm käme, ein Werk, das vielleicht wieder einen neuen Klang in die Literatur brächte, das ganz anders wäre – es kam nichts. Seine Tochter und eine frühere Geliebte haben Bücher über ihn veröffentlicht. Darin beschreiben sie ihn als Egomanen – voller Angst vor Kritik an seinen Texten. Er schwieg selbstverständlich auch dazu.

Am Donnerstagabend wurde bekannt, dass J. D. Salinger im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Cornish im US-Staat New Hampshire gestorben ist. Mit seinem Roman „Der Fänger im Roggen“ hat sich Salinger 1951 in die Literaturgeschichte eingeschrieben. Die Geschichte des 16-jährigen Holden, der von der Schule fliegt und ein paar Tage ohne Wissen seiner Eltern in einer Großstadt verlebt, ist der klassische Entwicklungsroman der Generation nach 1945. Viele Jugendliche konnten sich gut in den Helden einfühlen, der keine großen Karriereträume hatte, sondern nur einen Sinn im Leben suchte. Er wollte der sein, der den ganzen Tag in einem Roggenfeld steht und kleine Kinder, die hier spielen, davor bewahrt, in den Abgrund zu stürzen, der sich am Rand des Feldes befindet. „Ich wäre einfach so ein Wächter im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre“, sagt Holden.

Das Buch war ein Weltbestseller. Es hat Millionen von Lesern dazu gebracht, sich mit dem Icherzähler zu identifizieren, der von den angepassten und verlogenen Erwachsenen angeekelt ist. Und es hat auch etwas Unheimliches mit dem Buch auf sich: Mark Chapman, der Mörder von John Lennon, trug das Buch bei sich, auch John Hinckley Jr., der das Attentat auf Ronald Reagan verübte, hatte ein Exemplar des „Fängers“ in seinem Hotelzimmer.

Bei Erscheinen sorgte das Buch für Ärger. Amerikanische Sittenwächter empfanden Holdens Sprache (255-mal fällt der Begriff „goddam“, 44-mal „fuck“) als zu drastisch. Die englische Ausgabe erschien in einer bereinigten Version, an der sich auch die deutsche Übersetzung von Heinrich und Annemarie Böll orientierte. Erst 2003 trifft Eike Schönfelds Neuübersetzung Salingers Ton. Bei ihr beginnt der Roman so: „Wenn du echt was darüber hören willst, wirst du wahrscheinlich als erstes wissen wollen, wo ich geboren bin und wie meine ganze beschissene Kindheit abgelaufen ist ...“

Und was sagt Holden Caulfield gegen Ende? „So. Mehr erzähle ich euch nicht.“

Ronald Meyer-Arlt und Martina Sulner

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