Schlafwandler im Sterbehemd

Warum das Dschungelcamp 2015 scheitert

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Foto: „Ist das schön hier. Wie im Sauerland!“: Die Dschungelkandidatin Tanja Tischewitsch.

Coolangatta/Berlin - Das war natürlich Pech für RTL. Konnte ja keiner ahnen, dass der große Aufreger des Januars 2015, die nationale Daily Soap, die das Land wirklich in Atem hielt, nicht Dschungelcamp hieß, sondern Pegida. Mit der neunten Staffel seines Urwald-Formats ist der Sender gescheitert.

Fremdschämen, Überforderung, Menschen am Rande des Wahnsinns, seltsame Blondinen, aufwallender Volkszorn, Schmerz und Ekel – bei Pegida war alles drin. Das TV-Camp der Z-Prominenz in Australien dagegen versank in Lethargie. Die lustvolle Empörung des Publikums war nach neun Staffeln einer soliden Ekelroutine gewichen. Kakerlakenpüree? Gähn.

Die neunte Staffel der Dschungelshow „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ („IBES“) geht am Sonnabend zu Ende. Und wenn die letztjährige Ausgabe das 7:1 der deutschen Fußballer gegen Brasilien war, dann war „IBES 2015“ ein 0:0-Bezirksligakick bei vier Grad und Nieselregen. Von einer neuen Larissa Marolt, die das Land irrlichternd, dem Wahnsinn nah, mit Geschichten vom Hausburschen Engelbert und immer neuem Gehirn-Slapstick verzückte, fehlte jede Spur. Auch der weltentrückte Shopping-TV-Einpeitscher Walter Freiwald, den RTL mit Nachdruck zur abgehalfterten Camp-Kanaille mit massiver Meise stilisierte, erzeugte nicht den „Buzz“, den ein so unberechenbares, so sehr auf Eigendynamik und Zufälle angewiesenes Format nun einmal braucht.

Und irgendwann, als die verbliebenen Dschungelhascherl nur noch reglos in ihren Hängematten baumelten wie lungenkranke Leguane, entschied sich RTL für die Flucht nach vorn: Dann soll es eben so sein, entschieden die Dschungelcamp-Autoren Micky Beisenherz und Jens Oliver Haas - Ehemann von Moderatorin Sonja Zietlow. Dann machen wir die Langeweile eben selbst zum Thema der Show.

Und so mokierten sich Zietlow und Mitmoderator Daniel Hartwich tagelang darüber, dass die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ und andere ihre tägliche „IBES“-Nachkau-Berichterstattung wegen akuter Ereignislosigkeit eingestellt hatten. „Wir zeigen Ihnen nur die Höhepunkte von dem, was hier passiert“, kicherte Zietlow am Donnerstagabend. Das war nicht unlustig, aber es war auch Ausdruck dessen, was bei den 400 RTL-Mitarbeitern hinter den Kulissen das bestimmende Gefühl war: Verzweiflung.

RTL mühte sich redlich, kippte dem urlaubenden Schnarchpersonal wachsende Mengen von Käfern über die Köpfe, sperrte den morschen Macho Aurelio und die „Playboy“-Blondine Sara in erotisierender Absicht in ein Erdloch und gab Walter, dem Wahnsinnigen („Ist das schön hier! Wie im Sauerland!“), ausreichend Gelegenheit, sich als angeblicher RTL-Chef, Fast-„Wetten, dass ...?“-Moderator“, Bundespräsident in spe, Sonne der Gerechtigkeit und Retter des Weltfriedens zu präsentieren. Man hatte ja nichts falsch gemacht. Es waren ja alle erforderlichen Phänotypen dabei: der paranoide Lustgreis, die Zimperliese, die Gummibusenfreundin, die Mutter Courage, das Zwiebackpackungs-Bübchen, der bemalte Bodybuilder und der nächtliche Schlafwandler im Sterbehemd auf der Suche nach Klopapier.

Allein es half nichts. 1,5 Millionen Zuschauer fehlten im Vergleich zu 2014, vor allem jüngere sprangen ab. Das rechnet sich für RTL immer noch dicke, aber den Anspruch, ein Fernsehereignis zu liefern, ein Metaebenen-Spektakel mit eingebauter Medienkritik, erfüllte RTL nicht. Zum Symbol dieser Ausgabe wurde der selbst ernannte Leitwolf Aurelio mit Cowboyhut auf dem Gesicht, bei dem man froh sein musste, wenn er nicht mitten im Satz einschlief. Kodderschnäuzchen Sara Kulka lieferte dann den Satz, der zum Motto wurde: „Dumm stellen schafft Freizeit.“ Die lyrische Qualität der Durchschnittsdialoge blieb jedoch eher übersichtlich: Sara: „Ich habe Angst im Dunkeln.“ Jörn: „Wenn es dunkel ist, ist es genauso wie am Tag.“Sara: „Ja, aber du siehst nichts.“

Von einer Show mit 6,5 Millionen Zuschauern kann niemand behaupten, sie würde keinen interessieren. Die Blätter der Republik waren voll von Vorschlägen, wen man stattdessen gern im Dschungel sähe (Thorsten Legat, Slam-Poetry-Blondine Julia Engelmann, Mats-Hummels-Freundin Cathy Fischer). Aber natürlich ist es bizarr, einer Gruppe von Menschen „zu viel Harmonie“ vorzuwerfen. Das kann nur ein auf Krawall, Brüste, Sex und Tränen konditioniertes TV-Publikum tun, das von seinen Entertainern Selbsterniedrigung gewohnt ist, denn das erste Gebot des Fernsehens heißt ja: Du sollst nicht langweilen. Tatsächlich aber saßen weite Teile des Landes vorm Fernseher und forderten halb beleidigt: Los, tut was! Giftet euch an! Findet euch doof! Macht ­IRGENDWAS!

Insofern war „IBES 2015“ der perfekte Spiegel der Merkel-Republik: erfolgssatt, erlahmt, saturiert, aufregerfrei - und der Realität zum Teil mächtig entrückt. Es lag nicht zwingend an der Unbekanntheit der Teilnehmer. Der Grad der Prominenz spielt in Wahrheit keine große Rolle (mal ehrlich: Wie viele Mitglieder des aktuellen Bundeskabinetts können Sie korrekt benennen?). „Das Format ist abhängig vom Casting geeigneter Kandidaten und der Qualität ihrer Selbstinszenierung“, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Cristin Bleicher. Da muss man halt sagen: danebengecastet.

„Tja“, sagte Sara irgendwann. „Hätten wir was studiert, dann säßen wir jetzt hinter der Kamera mit Cola und Schokoriegeln.“ Dass nach neun Staffeln immer noch Kandidaten auf einen Karriereschub hoffen, ist herrlich naiv. Die Dschungelkönigin 2014, Melanie Müller, ließ sich kürzlich bei RTL II ihr Genital als Silikonabdruck gießen. Es geht immer noch ein bisschen tiefer.

Trio im Finale

Im Rennen um den Titel des „Dschungelkönigs“ sind das hannoversche Castingsternchen Tanja Tischewitsch (25), die ehemalige „Glücksrad“-Buchstabenfee Maren Gilzer (54) und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“-Darsteller Jörn Schlönvoigt (28). Ex-„Germany's Next Topmodel“-Juror Rolf Scheider (58) flog am Freitagabend raus. Damit steht wie in jedem Jahr ein Trio im Finale, das RTL heute um 22.15 Uhr zeigt. Walter Freiwald dagegen, der selbsternannte „Dschungelkönig der Herzen“ („Ich bleibe das, obwohl ich nur Platz sechs erreicht habe“), ist nicht dabei. Er kann sich ja immer noch um das Amt des Bundespräsidenten bewerben. Sicher ist schon jetzt: Im Januar 2016 will RTL die zehnte Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ zeigen.

Von Imre Grimm

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