Regisseur Schmid im Interview

„Was wollen die Leute denn sehen?“

- Regisseur Hans-Christian Schmid kommt am Mittwoch mit seinem Film „Sturm“ nach Hannover. Im Interview spricht er über den Film, Gewissensnöte in Den Haag und veränderte Kinogewohnheiten.

Herr Schmid, Ihr Drama über eine Chefanklägerin beim Jugoslawien-Tribunal in Den Haag lief erst im vorigen Herbst im Kino. Jetzt sind Sie schon wieder mit dem Film auf Tournee und am Mittwoch auch in Hannover. Wie kommt’s? Ganz einfach: Wir wollen versuchen, noch ein paar Zuschauer zu gewinnen. Der Film hatte nur 40 000 Besucher. Das war eine herbe Enttäuschung. Wir hatten gedacht, „Sturm“ sei unser kommerziell erfolgversprechendster Film, publikumsträchtiger als beispielsweise „Requiem“, das Drama über eine junge Frau unter katholischen Fundamentalisten, oder auch als „23“ über den hannoverschen Computerhacker Karl Koch.

Ihr Film genoss viel Aufmerksamkeit in den Medien, wurde hoch gelobt bei der Premiere im Berlinale-Wettbewerb und hat am Wochenende drei Deutsche Filmpreise gewonnen. Warum wollen so wenige „Sturm“ sehen? Ich glaube, wir konnten nicht vermitteln, dass es sich um eine hoch emotionale Geschichte zwischen zwei Frauen handelt: Eine Staatsanwältin versucht, ein Vergewaltigungsopfer aus Bosnien zu einer Zeugenaussage zu bewegen. Dass „Sturm“ ein Drama mit Thrillertendenz ist und keine trockene Auseinandersetzung mit dem Jugoslawien-Krieg, hätte sich erst mal rumsprechen müssen. Und dafür ist ein Film heute nicht mehr lange genug im Kino. Wer erst nach drei oder vier Wochen reingehen will, stellt fest, dass der Film schon nicht mehr läuft.

Oder liegt’s doch am Film? Glaub’ ich nicht. Der Film funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Wir zeigen, wie kompliziert es ist, wenn Politik, Justiz und viele Nationen sich ins Gehege kommen, und welcher Druck auf Einzelnen lastet, die Gerechtigkeit einfordern. Allerdings: Die Unsicherheit wächst bei mir inzwischen schon, was die Leute heute im Kino sehen wollen. Viele Arthouse-Filme fallen beim Publikum durch. Ein Beispiel: Der sensationelle Cannes-Sieger „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ des Rumänen Cristian Mungiu hatte in Deutschland gerade mal 35 000 Zuschauer.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele: Michael Hanekes Drama „Das weiße Band“, das gerade zehn Lolas beim Deutschen Filmpreis abgeräumt hat, hatte mehr als eine halbe Million Zuschauer. Stimmt, aber insgesamt ist Haneke eine Ausnahme. Und das ist ja auch toll, dass es solche Überraschungen gibt. Haneke ist konsequent, er verfolgt stur seine ­Ideen, das zahlt sich aus.

Könnten die schwachen Arthouse- Zahlen auch mit veränderten Seh­gewohnheiten zu tun haben? Na ja, manche Zuschauer bleiben zu Hause, weil ihr Flachbildschirm beinahe so groß ist wie die Leinwand in einem kleinen Kinosaal. Mir scheint auch, dass es das studentische Publikum immer weniger ins Kino zieht. Vielleicht haben die Jüngeren den Kontakt zu jener Art Kino verloren, das meiner Generation so viel bedeutet hat – das Arthouse-Kino, das intelligent unterhalten will.

Das klingt ja jetzt sehr pessimistisch. Soll es nicht: Inzwischen ist „Sturm“ in Frankreich angelaufen. Es sind schon 60 000 Karten verkauft worden. Es gibt also auch Erfolgsmeldungen.

Sie haben als erster Regisseur in Den Haag beim Tribunal drehen dürfen, dort auch eine Filmpremiere veranstaltet. Hat Ihr Film politisch etwas bewirkt? Wir haben den Film Mitarbeitern des Tribunals vorgestellt. Die Leute waren der Ansicht, dass wir ihre schwierigen Arbeitsbedingungen, etwa das Tauziehen zwischen den Nationen hinter den Kulissen, wirklichkeitsnah abbilden. Aber es wäre vermessen anzunehmen, dass ein Spielfilm in die Politik einwirkt, dass etwa die Vereinten Nationen plötzlich mehr Geld fürs Tribunal bereitstellen. So naiv war ich nicht.

Im Film wird auch der Zeitdruck deutlich: Die UN wollten das Tribunal Ende 2010 beenden. Ist das Datum noch aktuell? Leider ja. Es wird wohl so sein, dass die Verträge einzelner Richter und Ankläger verlängert werden. Die laufenden Verfahren müssen ja abgeschlossen werden. Zum Beispiel wird der Prozess gegen Radovan Karadžic bis Ende des Jahres niemals zu Ende verhandelt sein. Alle anderen Bemühungen aber, etwa die Dokumentation der Ereignisse im Jugoslawien-Krieg, werden wohl eingestellt.

Haben Sie den Film im ehemaligen Jugoslawien gezeigt? Ja, er lief auf Festivals, in Sarajewo, Pristina und Belgrad. Das Interesse dort war überwältigend: 3000 Leute kamen zu einer Open-Air-Veranstaltung, es wurde heftig diskutiert. Der Film startete dann auch in den Kinos, allerdings mit schwachen Zahlen. Das war aber klar: Viele wollen sich im Kino nicht mit der Vergangenheit beschäftigen, die sie gerade noch in der Wirklichkeit aufarbeiten.

Jetzt müssten Sie doch erst mal genug haben von schwierigen politischen Stoffen, oder? Drehen Sie doch einfach mal eine Komödie. Mein Interesse hängt immer stark von den Figuren ab, über die ich etwas erzählen kann. Ich komme vom Dokumentarfilm, ich spüre gerne der Wirklichkeit nach – anders als die Regisseure, die in ihren Filmen ihre eigene Wirklichkeit erfinden. Ich könnte mir auch vorstellen, einen Film über eine Familie zu inszenieren, deren Existenz durch die Wirtschaftskrise auf dem Spiel steht. Aber ob das dann eine Komödie wird?

Interview: Stefan Stosch

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