Bayreuth und die Vergangenheit

Weißt du, wie das damals war?

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Katharina Wagner ist um Aufklärung über die Festspielvergangenheit bemüht. Kritiker sehen das anders.

Basyreuth - In Bayreuth ist ein neuer Streit um die Vergangenheit entbrannt. Welche Rolle spielten die Festspiele auf dem Weg in den Nationalsozialismus? Festspielleiterin Katharina Wagner verspricht Aufklärung. Kritiker werfen ihr das Gegenteil vor.

Die Nornen blicken in Richard Wagners Oper „Götterdämmerung“ in die Zukunft. „Weißt du, wie das wird?“, rufen sie einander zu, bis sich das Kommende verdunkelt - und daraufhin die eigentliche Oper beginnt. In Bayreuth hebt sich nun der Vorhang zu einem neuen Drama. Diesmal ist die Blickrichtung umgekehrt: Was fehlt, ist freie Sicht auf die Vergangenheit. Die Diskussion, wie man die Festspiel- und Familiengeschichte aufarbeitet, ist voll entflammt. Streitpunkt sind historische Dokumente, die sich im Besitz unterschiedlicher Zweige der Familie Wagner befinden. Am Wochenende hatte Festspielleiterin Katharina Wagner gefordert, den Nachlass von Wagners Sohn Siegfried und dessen Frau Winifred freizugeben, der sich im Besitz von deren Enkelin Amélie Hohmann befindet. Sie selbst habe kein Problem, das in ihrem Besitz befindliche Material „in vollem Umfang der Öffentlichkeit zugänglich“ zu machen, sagte Katharina Wagner der „Bild am Sonntag“ als Reaktion auf entsprechende Forderungen von Kulturstaatsminister Bernd Neumann.

Gegen diese Darstellung gibt es nun heftigen Widerspruch. Der Historiker Hannes Heer, der eine Ausstellung zur Geschichte der Festspiele in Bayreuth betreut hat, sagte, man müsse die Worte der Festspielleiterin „auf die Goldwaage legen“. Ihm selbst sei es trotz mehrfacher Versuche nicht gelungen, Einsicht in die Dokumente zu bekommen. Die Aufforderung an Hohmann hält Heer daher für verlogen. „Katharina ist es, die alles blockiert“, sagte er gestern im „Deutschlandradio Kultur“.

Im Fokus des Historikers, der 1995 die umstrittene Ausstellung zu den „Verbrechen der Wehrmacht“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung verantwortet hat, liegt nicht die Zeit von 1933 bis 1945, über die das meiste bekannt sei. Interessant seien vielmehr die Jahre davor. „Durch Wagner und Bayreuth sind erhebliche Teile des deutschen Bildungsbürgertums an den Nationalsozialismus herangeführt worden“, sagte er. Diese Rolle der Festspiele sei bisher kaum aufgearbeitet. In der Ausstellung „Verstummte Stimmen - Die Bayreuther Festspiele und die ,Juden‘ von 1876 bis 1945“, die jetzt im Park vor dem Festspielhaus zu sehen ist, wird Heer sehr deutlich: „Die Schutzbehauptung, Richard Wagner sei durch die Nationalsozialisten missbraucht worden, ist nur bedingt richtig“, schreibt der Historiker auf einer der Schautafeln der Ausstellung.

Zwar gebe es keine direkte Verbindung von Wagner zu Hitler, so Heer, der Komponist sei für diesen aber „ein wichtiger Stichwortgeber“ gewesen. Seine Erben hätten dann den direkten politischen Zusammenhang hergestellt: Durch die Ausgrenzung jüdischer Künstler, den Missbrauch der Festspiele und die Mitwirkung der Familie in antisemitisch-antidemokratischen Organisationen hätten sie nach 1914 geholfen, „den Boden vorzubereiten für die staatlich betriebene Vertreibung jüdischer und politisch untragbarer Künstler nach 1933“.

Heer zeigt, wie früh der Antisemitismus in Bayreuth Fuß fassen konnte. Für eine „Meistersinger“-Produktion verzichtete Wagners Witwe Cosima auf jüdische Mitwirkende. Für sie sei das Stück eine „Apotheose des deutschen Wesens“, weshalb man seine Aufführung „von jeder israelitischen Beimischung freihalten“ müsse. Die „Meistersinger“ von 1888 wurden so zur ersten „judenfreien“ Aufführung der deutschen Theatergeschichte, konstatiert Heer. Und er räumt auch mit der Legende auf, Wagner selbst habe sich den jüdischen Dirigenten Hermann Levi als Leiter für die Uraufführung des „Parsifal“ gewünscht. Levi wurde vielmehr von Wagners Gönner Ludwig II. durchgesetzt und so bald als möglich aus den Festspielen gemobbt. Der Historiker belegt an viele Beispielen, dass Cosimas „Meistersinger“ nur am Anfang einer unrühmlichen Reihe von Bayreuther Aufführungen steht. Er erinnert an alle erst von den Festspielen, später aus Deutschland vertriebenen und teilweise ermordeten Künstler und zeichnet die rassistische Besetzungspolitik der Festspiele ab Ende des 19. Jahrhunderts sehr plastisch nach.

Eine Reihe von Details konnte er aber nicht klären. Wer genau im Wagner-Clan wie früh in die NSDAP eingetreten ist, liegt bis heute im Bereich der Spekulation. Wichtige Dokumente hält Amélie Hohmann derzeit vollständig unter Verschluss. Und selbst das Privatarchiv von Wolfgang Wagner, dem Vater der derzeitigen Festspielleiterinnen, ist nicht öffentlich. Katharina Wagner hatte es 2008 „Historikern ihres Vertrauens“ - dem Journalisten Peter Siebenmorgen und dem Historiker Wolfram Pyta - übergeben, von denen seither nichts zu hören ist.

Träger der Ausstellung sind die Wagner-Stiftung und die Stadt Bayreuth. Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier sprach ein Grußwort zur Eröffnung. Ansonsten hätten die Festspiele nichts mit der Schau zu tun, heißt es in deren Pressestelle.

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