Mediengesellschaft

Wenn die Kirche zur Rede gestellt wird

- Ganz von dieser Welt: Alle Institutionen unterliegen den Regeln der modernen Mediengesellschaft – auch die Kirchen.

In den vergangenen Tagen sind aus sehr unterschiedlichen Gründen die beiden christlichen Großkirchen in die Schlagzeilen geraten – in einer Weise, die sie sich nicht wünschen können. Mehr noch als politische Institutionen sind sie auf Reputierlichkeit angewiesen – mehr als von anderen wird sie gerade von ihnen erwartet. In beiden Fällen sind zentrale Gebote der demokratischen Mediengesellschaft missachtet worden: die Forderung nach der Transparenz von Institutionen und die Forderung nach der Authentizität ihrer Repräsentanten.

Wie bedeutend gerade Letzteres geworden ist, beweist das Medienecho: Es hängt nicht vom Ausmaß der Verfehlungen ab. Der weit schwerwiegendere Skandal, der Kindesmissbrauch in katholischen Schulen, hat kaum mehr Interesse erregt als die Alkoholfahrt der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann.

Sicher, Medien neigen ohnehin zur Personalisierung von Konflikten. Ereignisse, die klar identifizierbaren und vor allem schon bekannten Persönlichkeiten zuzurechnen sind, erregen mehr Interesse und Anteilnahme, das Menschlich-Allzumenschliche übt auf die Medienkonsumenten eine erstaunliche Faszination aus.

Zugleich wird dabei aber deutlich, wie die Kirchen, nicht anders als andere Institutionen, heute auf medienwirksame Persönlichkeiten an ihrer Spitze angewiesen sind. Um gut „rüberzukommen“, müssen sie Identifikation erzeugen. Mit der Entwicklung der modernen Mediengesellschaft hat das Gewicht der Person zu-, das der Institution dramatisch abgenommen, ja, man könnte von einer Verkehrung des Kräfteverhältnisses sprechen. Heute ist die Autorität, die Strahlkraft der Institutionen so schwach, dass sie auf das persönliche Charisma ihrer Vertreter angewiesen sind. Medienkompetenz ist so zu einem wichtigen Kriterium bei der Auswahl der obersten Repräsentanten geworden.

Die traditionellen Formen der Repräsentation und Selbstinszenierung der Kirchen, die noch auf einen demutsvollen Respekt der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft rechnen konnten, funktionieren nicht mehr. Sie können auf keinen Fall die einstige, das Gefühl der Ehrfurcht schaffende Aura wiederherstellen. Das wird gerade bei der katholischen Kirche deutlich, die noch bis vor wenigen Jahrzehnten gelegentlich so handelte, als sei sie irdischer Gerechtigkeit enthoben. Die demokratische Mediengesellschaft lässt es nicht mehr zu, dass die Kirche gleichsam wie ein Staat im Staate agiert und in eigener Gerichtsbarkeit Verfehlungen wie den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen verfolgt (oder eben auch nicht) – sich also dem Zugriff der weltlichen Rechtsordnung entzieht, wie es über Jahre mit den Vertuschungsaktionen geschehen ist.

In einer religiös erkalteten Umwelt werden die Fassaden, die den Anschein unantastbarer Integrität wahren und ohne die eine mystische, geheimnisvolle Aura gar nicht aufrechtzuerhalten ist, nicht mehr akzeptiert, nicht einmal vom katholischen Kirchenvolk.

Nicht weniger als die Forderung nach Transparenz rauben auch die modernen elektronischen Medien den religiösen Institutionen das Erhabene, indem sie die notwendige räumliche Distanz aufheben. Das aufdringlich-neugierige Kameraauge des Fernsehens macht aus jedem Stellvertreter Gottes einen Mitmenschen zum Anfassen, aus dem Heiligen Vater den mit jugendlicher Feierlaune bejubelten „Benedetto“, es verwandelt religiöse Rituale zum Popevent. Der Hype, den Papstbesuche entfachen, ist ganz von dieser (Medien-)Welt.

Die protestantische Kirche hatte einst von ihrer Stellung in einer autoritär geprägten Lebenswelt profitiert. Ihre Repräsentanten mussten die patriarchalischen Traditionen anschaulich machen und konnten in der Rolle der strengen alten Männer den Geist ihrer Institution repräsentieren.

Mit diesem Gestus können die Kirchen zumindest hierzulande nicht mehr auftreten, das Gottesbild, zumindest in Westeuropa, ist femininer geworden: Liebe statt einschüchternde Autorität, Barmherzigkeit statt Strenge. Ihre Repräsentanten können sich nicht mehr auf einen intensiv gelebten Glauben verlassen und gebieterisch Gefolgschaft einfordern, sondern müssen sich um Sympathie bemühen, müssen Nähe herstellen. Sie müssen im Grunde Mensch sein „wie du und ich“. Und dürfen deshalb auch fehlbar sein. Aber nur in dem Maße, in dem sie die Institution nicht beschädigen.

Die Institutionen können ihren Sonderstatus als „moralische Instanz“ nur dann wahren, wenn sie in der pluralistischen Konkurrenz der weltanschaulichen Angebote ihre überkommene Autorität in die Waagschale werfen können. Dabei geht es nicht so sehr um eine vornehmlich religiöse Autorität, von der die Vermittlung göttlicher Wahrheiten erwartet wird, die Kirchen müssen sich als eine Instanz bewähren, auf die im ständigen Wertewandel Verlass ist. Es spricht für das Gespür von Margot Käßmann, dass sie zurückgetreten ist. In ihrer Begründung wird noch einmal deutlich, dass die Repräsentanten nicht nur ihre Institution, sondern gleichsam sich selbst glaubwürdig repräsentieren müssen. Sie müssen als Privatperson ­authentisch sein. Als glaubwürdig gilt, wer die Übereinstimmung von Sein und Schein, äußerem Auftreten und innerem Empfinden glaubhaft macht – an diesem Maßstab müssen sich heute Prominente und Stars aus Politik wie Gesellschaft messen lassen. So wirken Differenzen von Wort (Ankündigung von Alkoholabstinenz in der Fastenzeit) und Tat ­(Alkoholfahrt) besonders gravierend, schwerwiegender jedenfalls als eine Scheidung, die in den Augen heutiger Menschen gar nicht mehr als eine moralisch verdammenswerte Tat gilt, auch wenn sie gegen das religiöse Gebot der Unauflöslichkeit der Ehe verstößt.

Medienkompetenz fördert aber merkwürdigerweise auch das Misstrauen der Medien. Repräsentanten politischer wie religiöser Institutionen geraten unweigerlich in ein Dilemma: Man verlangt von ihnen, mit den Gesetzen der Medienwelt souverän umzugehen, zumal sie damit der Institution nutzen, die sie repräsentieren. Aber zugleich machen sie sich angreifbar, wenn sie diese Medienregeln allzu gut beherrschen.

Auch Margot Käßmann wird direkt oder indirekt der Vorwurf gemacht, dass sie mit ihrer Scheidung und Krebserkrankung zu offensiv in die Öffentlichkeit ging. Aber hatte sie eine Alternative? Was wäre geschehen, wenn sie zu etwas, was sich gar nicht verheimlichen lässt, geschwiegen hätte? In der Mediengesellschaft ist es ohnehin kaum möglich, die Deutungshoheit über sein Image zu behaupten.

Die Mediengesellschaft hat ihr eigenes Sündenregister, ihre eigenen Gebote und Sanktionen – sie sind nicht weniger streng als andere.

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