Debattenkultur

Wenn Merkel mit Hitler verglichen wird

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Neue Gleichsetzung? Angela Merkel, Portugals Premierminister Coelho, Diktator Salazar und Hitler (im Uhrzeigersinn) bei einer Demonstration in Lissabon.dpa

Hannover - Prinzipiell kann man ja alles miteinander vergleichen: auch Erdnüsse mit der Goethe-Gesamtausgabe. Nur: Wie sinnvoll ist das? Und wie sinnvoll sind die ständigen Vergleiche von Angela Merkel mit Adolf Hitler?

Auch wenn es sich noch immer nicht herumgesprochen hat: Man kann prinzipiell alles vergleichen - aber nicht jeder Vergleich bringt etwas. Damit ein Vergleich ein Minimum an Plausibilität gewinnt, muss es zwischen den Vergleichsobjekten ein Mindestmaß an Ähnlichkeit geben. Deshalb ist ein Vergleich von Äpfeln und Birnen möglich - bei beiden Früchten handelt es sich um Obst, das in gleichen Klimazonen an Bäumen wächst. Dagegen ist von einem Vergleich einer Tüte Erdnüsse mit einer Goethe-Gesamtausgabe nicht viel zu erwarten.

Sinnvoll ist ein Vergleich dann, wenn er neue Erkenntnisse verspricht. Was immer wir vergleichen, seien es Geschehnisse, Verhaltensweisen oder Personen: Wir spiegeln das eine im anderen - und dabei können vielleicht Eigenschaften oder Eigenarten der jeweiligen Vergleichsobjekte sichtbar werden, die anders verborgen geblieben wären. Damit erhöht sich unser Verständnis von den jeweiligen Dingen, und unser Kriterienset erweitert sich: Vergleiche ich zwei Messer - ein stumpfes und ein scharfes - bekomme ich eine Ahnung von der Unterschiedlichkeit von Messern und der Unterschiedlichkeit der Gefahren, die von ihnen ausgehen können. Meine Kenntnisse von der Funktion wie vom Wesen des Messers wachsen und nehmen dabei an Differenzierung zu.

Vergleichen ist ein Prozess des Abwägens. Wenn ich gerade zwei gleiche Dinge vergleiche, wird das Ergebnis der Operation eben eine Gleichsetzung sein. Im Normalfall erbringt ein Vergleich aber etwas anderes, nämlich eine genauere Unterscheidung: Was haben beide Vergleichsobjekte gemeinsam, was ist nur ähnlich, was hat vielleicht nichts miteinander zu tun? Unterscheidungsvermögen ist ein anderes Wort für Kritikfähigkeit. Wissenschaftliches Arbeiten besteht zu einem großen Teil aus dem Vergleichen von Phänomenen oder der Erprobung von Kriterien und Fragestellungen, die in anderen Zusammenhängen entwickelt wurden.

Einer der wissenschaftlich und politisch brisantesten Vergleiche wurde in der Arena des Kalten Krieges unternommen: der Vergleich von Nationalsozialismus und Stalinismus. Das war einer der wenigen „Hitler-Vergleiche“, die wissenschaftlichen Wert hatten. Die Theorie des Totalitarismus basiert auf einem Systemvergleich, ihre Anhänger kommen dabei zu dem Ergebnis, dass die Ähnlichkeit beider Systeme wesentlich größer sei als ihre Unterschiedlichkeit und es deshalb erkenntnisfördernd sei, beide unter dem selben Oberbegriff „Totalitarismus“ zu analysieren. Es gibt ja auch Ähnlichkeiten genug: die Rolle der Ideologie, die Erfassung der Menschen in Großorganisationen, der Terrorapparat, die Abschaffung der Bürgerrechte.

Diese Parallelen rechtfertigen vom Standpunkt einer linken Faschismustheorie die Unterordnung unter diesem gemeinsamen Stichwort nicht. Sie richtet ihre Hauptaufmerksamkeit auf die Frage des Eigentums an Produktionsmitteln. So ließen sich dann - auch im Rahmen eines Vergleichs - Faschismus und westliche Demokratie unter dem Oberbegriff „kapitalistische Herrschaftssysteme“ zusammenfassen.

Offensichtlich ist, dass die jeweiligen Vergleichskriterien sich nicht nur unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen verdanken: Im Kalten Krieg ging es auf beiden Seiten dabei auch um Strategien der geistigen Auseinandersetzung, um Legitimationsfragen, um Moral und Werte, vulgo: um die moralische Abwertung des Feindes.

Damit kommen wir zum „Vergleich“ von Angela Merkel und Adolf Hitler. In Fragen von Aussehen und charakterlicher Ausstattung nach Ähnlichkeiten zu suchen, lohnt die Mühe nicht. Der Vergleich jetzt in einer spanischen Zeitung setzte denn auch auf eine Parallele von wirtschaftlicher Expansion (wie sie die massive Exportstrategie der deutschen Wirtschaft im Ergebnis darstellt) und der politisch-militärischen Expansion eines terroristischen Raubkriegs.

Eine solche Parallele zu ziehen, ist offensichtlich, ja, auf absurde Weise unangemessen. Mehr noch: Der Vergleich setzt den Vergleichenden ins Unrecht, weil er die Nazibarbarei verharmlost. Protestplakate in den am stärksten betroffenen Eurokrisen-Ländern mit Merkel im Nazihabit und mit Chaplin-Bärtchen antworten mit moralischer Verunglimpfung auf sehr reale Ängste.

Die Wut und Empörung drückt vor allem Hilflosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht aus und damit das der Demütigung, was die deutsche Öffentlichkeit ignoriert, wenn sie das Beleidigtsein („Jetzt mal Schluss mit diesen ewigen Hitleranspielungen!“) kultiviert. Was man hierzulande als Angriff deutet, wird dort als Ablehnung von Fremdbestimmung empfunden. Das göttergleiche Walten der Troika ist eine schwere Kränkung des jeweiligen nationalen Stolzes.

Gern wird unterschätzt, dass außerhalb der in Treue (zur sogenannten Sparpolitik) fest zusammenstehenden deutschen Öffentlichkeit die Austeritätspolitik nicht als „alternativlos“ gilt: Bisher hat sie überall die Schuldenquote erhöht und eben nicht gesenkt. Hierzulande glauben viele, dass am deutschen (Wirtschafts-)Wesen die (Wirtschafts-)Welt genesen könne. Aber außerhalb unserer Grenzen gehen immer weniger davon aus, dass in Berlin der ökonomische Weltgeist weht.

Wie es funktionieren soll, wenn alle Länder sich das deutsche Modell zum Vorbild nehmen und mehr exportieren als importieren, hat bisher noch keiner zu sagen gewusst. Vielleicht sollte man einmal die Funktionsweisen von Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft vergleichen und auch die der Weltwirtschaft miteinbeziehen. Es wird sich zeigen, ob sich dann in der Folge ein Vergleich der „schwäbischen Hausfrau“ mit einem „Milchmädchen“ aufdrängt.

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