Neu im Kino: Birdman

Wildes Flattern eines Vogelmanns

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- Schauspieler in Sinnkrise: Ex-Batman Michael Keaton beweist Selbstironie und spielt die Hauptrolle im Film „Birdman“. Gut möglich, dass Keaton für seine traurig-komische Figur mit einem Oscar ausgezeichnet wird.

Ob Robert Downey Jr. sich gelegentlich von einer Blechgestalt namens Iron Man verfolgt wähnt? Ob Hugh Jackman dann und wann von einem kratzbürstigen Wolverine belästigt wird? Und ob Michael Keaton im stillen Kämmerlein von Batman heimgesucht wird? Kurzum also: Bekommen es Comichelden-Darsteller im wirklichen Leben mit ihrem Überich in Gestalt ihrer Figuren zu tun?

Der ehemalige Hollywoodstar Riggan Thomson jedenfalls weiß die Comicfigur Birdman stets in seiner Nähe, die er zwei Jahrzehnte zuvor auf der Leinwand verkörpert hat. Wie ein Schatten folgt ihm die Kreatur. Der aufdringliche Vogelmann lässt sich nicht abschütteln. Im Gegenteil: Voller Verachtung schaut er auf den neuerlichen, bislang wenig glanzvollen Karriereanlauf Thomsons als Darsteller, Autor und Regisseur am Broadway. Er will ihn zurück ins Hollywoodgeschäft drängen.

Gespielt wird dieser Riggan Thomson von Ex-Batman Michael Keaton, und die Besetzung ist schon mal eine gelungene Pointe in Alejandro González Iñárritus mit Oscar-Nominierungen überschütteten Schauspieler-Krisenkomödie, die einen komplizierten Titel hat: „Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“.

Thomsons neues Stück steht kurz vor der Premiere in seinem heruntergekommenen Broadway-Theater, eigenhändig hat er eine Raymond-Carver-Vorlage für die Bühne bearbeitet. So viel künstlerische Neuerfindung muss sein. Doch leider ist Thomson soeben ein Hauptdarsteller durch eine herabstürzende Bühnenlampe abhandengekommen. Der nervtötende Last-Minute-Ersatz Mike Shiner (Edward Norton) weiß alles besser und ist noch dazu hinter Thomsons Tochter Sam (Emma Stone) her.

Schlimmer noch: Shiner ist ein exzellenter Schauspieler, so sehr vernarrt ins Method Acting, dass er bei einer Sexszene auf der Bühne eine echte Erektion bekommt. Und dann ist da noch die Chefkritikerin, die schon Tage vor der Premierenvorstellung in der Bar nebenan hockt und das Messer für den Premierenverriss wetzt. Die Frau will Blut sehen.

Superhelden-Kräfte könnte Thomson also gut brauchen. Immerhin vermag er ein Glas Wasser durch bloße Geisteskraft zu bewegen, und in seiner Garderobe schwebt er im Yogasitz knapp über dem Boden – jedenfalls in seiner Selbstwahrnehmung. Thomson (alb)träumt sich in seine glorreiche Vergangenheit zurück, die nur schwer mit seiner lächerlichen Gegenwart zu vereinbaren ist: Nach einem Missgeschick mit einer zugefallenen Bühnentür sieht ihn die ganze Welt in Feinripp-Unterhose über den New Yorker Times Square hetzen.

Und diesen Film über die Schaffens- und Sinnkrise eines Schauspielers hat tatsächlich Alejandro González Iñárritu gedreht? Da reibt man sich verwundert die Augen. Für bissigen Humor ist der Mexikaner bislang nicht bekannt, eher für witzresistentes Pathos („Babel“, „21 Gramm“, „Biutiful“), angereichert mit Weltschmerz und Selbstmitleid seiner Figuren. Bei Iñárritu ging es immer ums Schicksalhafte. Nun liefert er eine Komödie ab, durch die das Tragische allerdings durchschimmert: Je komischer es zugeht, desto trauriger wird diese Geschichte.

Obsessionen, Selbstbetrug, Narzissmus

Thomson kriegt sein aktuelles Leben nicht mehr in den Griff. Wäre er wirklich ein Vogel, würde er wohl verzweifelt mit den Flügeln flattern. So tigert er wie ein Höhlenbewohner durch dunkle Backstage-Gänge, kunstvoll gefilmt, als wäre ohne jeden Schnitt gedreht worden.

Derweil gehen die Scharmützel hinter der Bühne bis hin zu Faustkämpfen weiter. Draußen wird Thomson gar in Actionschlachten mit Fabelwesen und Hubschraubern verwickelt. Was Fantasterei und was Leinwand-Wirklichkeit ist, lässt sich kaum mehr auseinanderhalten.

Aber das ist auch nicht nötig: Lustvoll lässt Iñárritu die Blockbuster-Maschinerie aufs Arthouse-Kino prallen und schaut, was passiert. Und siehe da: Obsessionen, Selbstbetrug, Narzissmus bestimmen hier wie dort das Dasein eines Schauspielers, der um seine Selbstachtung kämpft.

Selbstironie hat Michael Keaton mit diesem Auftritt schon mal bewiesen. Gut möglich, dass sich so mancher Abstimmungsberechtigte der Oscar-Academy in seiner traurig-komischen Figur wiederfindet.

Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit), Regie: Alejandro González Iñárritu, 119 Minuten, FSK 12 Hochhaus, Cinestar

Nachgefragt...

Mr. Keaton, empfinden Sie „Birdman“ als Ihr Comeback?

Eben nicht! Ich habe immer gearbeitet und das Beste aus dem gemacht, was mir angeboten wurde. Dass einem große Kunst wie „Birdman“ eher selten unterkommt, dafür kann ich ja nichts. Aber meinetwegen dürfen Sie gerne von meinem Comeback schreiben, selbst wenn ich nie weg war.

Sie hatten mit „Batman“ Ihren größten Erfolg, Ihre Figur Riggan Thomson hatte ihn mit „Birdman“. Reiner Zufall?

Stimmt, aber in solche Parallelen interpretieren Sie mehr rein als ich. Was ich klarstellen möchte: Meine Persönlichkeit ist der von Riggan Thomson nicht besonders ähnlich. Natürlich habe ich, genau wie er, Momente, in denen ich mies drauf bin. Aber unser Umgang mit dem Job des Schauspielers ist anders. Seinen Narzissmus so sehr zu pflegen, das bedarf vieler Arbeit. Dafür bin ich zu faul.

Faul? Das sieht man Ihrer Tour de Force in „Birdman“ aber nicht an!

Dass ich gerne entspannt drauf bin, heißt nicht, dass ich nicht meine Arbeit gut machen will. Ich möchte stolz darauf sein können. Ich habe früh gelernt, dass in meinem Beruf nichts wichtiger ist als Mut. Wenn man sich nie etwas traut, dann blickt man irgendwann zurück und denkt: Hätte ich doch damals ... Deswegen habe ich mich vor 25 Jahren auf „Batman“ eingelassen. Comicverfilmungen waren damals ein Risiko. Tim Burton, Jack Nicholson und ich hätten dumm dagestanden, wenn der Film nichts geworden wäre.

Aktuell stehen Sie sehr gut da: Mit „Birdman“ könnten Sie den Oscar gewinnen. Spüren Sie den Druck?

Kein bisschen. Im Gegenteil: Ich versuche, diese ganze Jahreszeit der Preisverleihungen zu genießen. Alles andere wäre dumm, letztlich geht es beim Oscar um nichts anderes als Branchenpolitik.

Gehen Sie ähnlich pragmatisch mit dem Thema Kritiken um? Oder sind Sie da so dünnhäutig wie Ihre Filmfigur?

Ach Quatsch ... Ich interessiere mich eigentlich nicht dafür, was über meine Arbeit geschrieben wird. Meine Methode ist ganz simpel: Hält mir jemand einen Artikel unter die Nase, weil der besonders positiv ausgefallen ist, lese ich ihn und freue mich. Alles andere nehme ich gar nicht wahr. Das erscheint mir am klügsten. Warum sollte ich Zeit damit verschwenden, Verrisse zu lesen?

„Birdman“ spielt beinahe komplett auf und hinter der Bühne. Ist das auch Ihre Welt?

Nein, ich habe viel weniger Theatererfahrung als etliche meiner Kollegen. Am College stand ich mal auf der Bühne, danach versuchte ich mich an Stand-up-Comedy und jobbte in Pittsburgh beim Fernsehen. Für kurze Zeit schloss ich mich mal einer Theatergruppe an. Das war’s. Dann zog ich nach Los Angeles, wo mit Theater ja ohnehin nicht viel los ist. Wäre ich, wie ursprünglich geplant, nach New York gezogen, hätte die Sache sicher anders ausgesehen.

Interview: Patrick Heidmann

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