Dardenne-Brüder im Interview

„Wir müssen die Solidarität wieder entdecken“

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Foto: Die Dardenne-Brüder erzählen in "Zwei Tage, eine Nacht" von einer Belegschaft, die sich entscheiden muss, ob sie ihre Boni oder eine Kollegin behalten will.

Hannover - Aus der schönen neuen Arbeitswelt: Im HAZ-Interview sprechen die Dardenne-Brüder über ihren Film „Zwei Tage, eine Nacht“, Konkurrenzdenken und ihren Star Marion Cotillard.

Haben Sie beide diese Geschichte erfunden: Eine ganze Belegschaft muss sich entscheiden, ob sie ihre Boni oder eine Kollegin behalten will? Jean-Pierre Dardenne: Wir haben von ähnlichen Geschichten gelesen. In unserer modernen Arbeitswelt kommt so etwas tatsächlich vor. Leute werden in ein Dilemma gestürzt, das sehr gut unsere Gesellschaft reflektiert. Konkurrenzdenken ist quasi zu einem Teil von uns selbst geworden. Wir merken gar nicht mehr, bis zu welchem Grad wir uns auf diese Weise definieren. Und das bedeutet: Wir müssen uns viel mehr anstrengen, als uns klar ist, um Werte wie Solidarität wiederzuentdecken. Diese Rivalität hat sich in der Folge der Wirtschaftskrise noch verschärft.

Die Hauptfigur Sandra ruft in Ihrem Film verzweifelt aus: „Ich existiere gar nicht!“ Was meint sie damit? Luc Dardenne: Sandra will nach der überstandenen Depression zurück in ihren Beruf. Dann erfährt sie, dass ihre Kollegen für den Bonus und damit gegen sie gestimmt haben. Das ist für sie so, als hätten ihre Kollegen gesagt: Für uns existierst du nicht. Ihr Ehemann versichert zwar, dass er sie liebt. Aber das reicht nicht: Wir brauchen ein Sozialleben, um eine komplette Identität zu entwickeln. Das weiß auch ihr Mann, deshalb unterstützt er sie, ihre Kollegen zu bewegen, für sie zu stimmen. Auf diesem schwierigen Weg lernt Sandra, dass sie sehr wohl existiert.

Warum interessieren Sie sich so sehr für Geschichten der sogenannten kleinen Leute, also für jene, die mit dem Rücken zur Wand stehen? Jean-Pierre Dardenne: Wir selbst gehören dieser sozialen Klasse gar nicht an, aber wir lieben es, über diese Menschen Filme zu machen und ihre Situation zu zeigen. Erstaunlicherweise sind es oft die sozial weit unten angesiedelten Leute, die eine Lösung in schier ausweglosen Situationen finden. Mein Bruder und ich sagen immer: Die Hoffnung gehört den Verzweifelten, denn sie sind es, die am meisten kämpfen.

Sie arbeiten viel mit Laien, dieses Mal haben Sie einen Star gebucht, Marion Cotillard. Hat das etwas verändert? Luc Dardenne: Wir haben in „Der Junge mit dem Fahrrad“ ja auch schon mit einem Star gedreht, mit Cécile de France. Aber das ist nicht entscheidend. Uns geht es um Schauspieler, die einen Charakter zum Leben erwecken. Für Marion Cotillard bedeutete das, dass sie ihrer Figur Sandra so schutzlos wie möglich gegenübertreten musste. Die Zuschauer sollen nur Sandra auf der Leinwand sehen. Das war eine Wette, die wir eingegangen sind. Wir haben diese Wette gewonnen.

Von welchem Moment an war Cotillard in die Entstehung ihrer Figur eingebunden? Luc Dardenne: Wir haben Marion das fertige Skript gegeben. Vorher diskutieren wir nie mit unseren Schauspielern. Bei den Proben legen dann alle ihre Ideen auf den Tisch. Das machen wir nicht nur mit den Schauspielern so, sondern genauso mit Kostümdesignern oder Kameraleuten. In diesem Fall haben wir fünf Wochen an den Originalschauplätzen geprobt. Da achten wir dann auf winzige Details, beispielsweise: Mit welchem Fuß sollte die Figur aufstehen, welchen Schuh zuerst anziehen ... Das ist nun mal unsere Methode, Filme zu machen. Wir reden nicht viel, aber der Austausch ist intensiv, auch über das Drehen hinaus, etwa bei gemeinsamen Essen.

Wenn Sie in die Zukunft der Filmfigur blicken: Wie sehr ist Sandra gefestigt für einen Neuanfang? Jean-Pierre Dardenne: Sandra hat Momente der Hoffnung und der Verzweiflung im schnellen Wechselspiel durchlebt und durchlitten – je nach der jeweiligen Reaktion der Kollegen. Beide Seiten sind durch die Begegnungen aber auch gezwungen, sich die Situation der anderen klarzumachen. Und das ist auf jeden Fall die zentrale Grundvoraussetzung für Solidarität, durch die Sandra ihre Ängste überwinden kann. Wir hoffen aber beide, dass die Kinozuschauer nicht nur mit Sandra sympathisieren, sondern auch mit den Nöten ihrer Kollegen.

Interview: Stefan Stosch

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