Landkreis stärkt seinen Katastrophenschutz

30 Minuten Zeit bleiben, wenn Unwetter mit Flutgefahr Waldeck-Frankenberg erreichen

Trafo-Turm mit Digital-Sirene in Edertal-Mehlen
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Der Trafo-Turm in Edertal-Mehlen trägt eine Digital-Sirene. Diesen Warngeräten kommt für die Alarmierung der Bevölkerung bei Unwettern künftig die entscheidende Rolle zu.

Wie gut ist der Landkreis Waldeck-Frankenberg auf eine Unwetterkatastrophe vorbereitet, wie sie das Ahrtal und die Eifel Mitte Juli heimsuchte?

  • Der Landkreis Waldeck-Frankenberg rüstet sich für katastrophale Unwetter unter anderem durch eine eigens für den Katastrophenschutz eingerichtete Personalstelle
  • Die Leitstelle verfolgt die Meldungen des Deutschen Wetterdienstes rund um die Uhr an sieben Tage der Woche
  • Einen Bedarf sehen die Verantwortlichen an bisher nicht erarbeiteten Evakuierungsplänen für besonders gefährdete Orte und Gebiete auf Grundlage von ebenfalls noch zu erstellenden Starkregen-Fließkarten

Waldeck-Frankenberg – „Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, verfolgen die Mitarbeiter unserer Leitstelle auf ihren Bildschirmen die aktuellen Meldungen des Deutschen Wetterdienstes“, sagt Kreisbrandinspektor Gerhard Biederbick. Das ist die beruhigende Information für den Fall, dass derart katastrophale Unwetter auf Waldeck-Frankenberg zukämen. Anlass zur Wachsamkeit bietet Biederbicks zweite Botschaft: „Bei einem solchen Starkregenereignis blieben nur 30 Minuten, um die Bevölkerung zu warnen und falls nötig zu evakuieren.“

Der Grund liegt in den Grenzen der Meteorologie: Ein lokales schweres Unwetter, beispielsweise im Wesetal mit seinem Bach und den steilen Hängen, ist frühestens eine halbe Stunde vor Beginn vorherzusagen. „Wir können nicht bei jeder möglichen Gefahr Alarm geben, weil die Warnungen dann irgendwann nicht mehr ernst genommen würden“, erläutert der Kreisbrandinspektor.

Entscheidender Unterschied zwischen Hochwasser und Starkregen

Man müsse dabei unterscheiden zwischen Starkregen und Hochwasser an Flüssen. „Hochwasser kommt in einer Welle, ist berechenbar und wir haben rund zwei Stunden Zeit, sodass die Leute ihre Keller leer räumen können“, erklärt Biederbick.
Fällt Starkregen, der ganze Hänge wegspült und Bäche rasant zu Strömen anschwellen lässt, zählt jede Sekunde. „Da können Sie kein Feuerwehrauto mit Lautsprecheransage durchs Dorf schicken, zumal die Wehren dann im Hilfseinsatz gefordert sind“, ergänzt Vize-Landrat Karl-Friedrich Frese, zuständig für den Katastrophenschutz.

Tritt der Ernstfall auf, ruft die Leitstelle den zuständigen Bürgermeister auf dem Handy an. Er entscheidet in der Alarmierungskette über das Auslösen der Sirenen und die Evakuierung von Menschen. Scheitert der Weg übers Handy, „schicken wir eine Polizeistreife zum Bürgermeister“, erklärt Frese. Der Zeitdruck wüchse. Desto wichtiger ist es aus Sicht von Biederbick und Frese für alle Beteiligten und die Bevölkerung selbst, sich intensiver auf so eine Notlage vorzubereiten. Hier gibt es eine Menge zu tun, angefangen beim Erwerb nötigen Wissens.

Landkreis Waldeck-Frankenberg stellt Sachbearbeiter für Katastrophenschutz ab

Seit Längerem verstärke man wieder den Katastrophenschutz, sagen Frese und Biederbick. Seit zwei Jahren etwa gebe es einen eigenen Sachbearbeiter für dieses Feld. Lager für Hilfsmittel würden betrieben. Der Kreis sei gut mit seinen Nachbarkreisen im Rettungsdienst vernetzt. Großes Pfund sei die eigene Leitstelle mit ihrer Ortskenntnis. Beide sind froh, dass eine mal debattierte Zentralisierung für Nordhessen in Kassel vom Tisch ist.

Den Sirenen fällt bei der Alarmierung die zentrale Rolle zu, wenn Wassermassen das Leben bedrohen. „Eine Handy-Warn-App ist schön und gut, aber nachts im Schlaf überhören Sie den Benachrichtigungston schnell“, sagt der stellvertretende Landrat Karl-Friedrich Frese. Gemeinsam mit Kreisbrandinspektor Gerhard Biederbick erwartet er zudem vom Bund, sich auf eine einzige Warn-App zu beschränken und diese für echte Notlagen zu reservieren.„Lebensmittelwarnungen haben darin nichts zu suchen“, meint der Erste Kreisbeigeordnete. Denn bei zig Warntönen vom Smartphone täglich setze ein Gewöhnungseffekt ein.

Viele Menschen kennen die verschiedenen Alarmtöne der Sirenen nicht mehr

Dieses Risiko besteht beim selteneren Sireneneinsatz weniger, aber dafür ein anderes. „Die Menschen kennen die Bedeutung unterschiedlicher Warntöne nicht mehr“, stellt Biederbick fest. Kein Wunder, hatte man den analogen Sirenen nach dem Ende des Kalten Krieges aus Kostengründen die Fähigkeit genommen, verschiedene Alarme zu verkünden. Nur die Feuerwarnung blieb.

Wie viel Gefahr schon von einem sehr lokalen Starkregen ausgehen kann, erfuhren die Volkmarser vor einem Monat

Die Kombination der Sirenen mit Digitaltechnik ermöglicht nun wieder verschiedene Töne. Damit sie den gewünschten Effekt erzielten, „müssen die Menschen geschult werden. Dafür böten sich Veranstaltungen der Feuerwehrvereine an, denn die meisten Familien in unseren Orten sind Mitglieder, und sei es passiv“, meint Frese.

Wohin flüchte ich, wenn das Wasser kommt?

Weitergehende, wichtige Informationen für den Katastrophenfall ließen sich dabei vermitteln. „Jeder sollte ein batteriebetriebenes Radio zu Hause haben, um beim Ausfall von Strom- oder Handy–netz auf dem Laufenden zu bleiben“, rät Biederbick. Jeder sollte wissen, dass er den Keller mit den Stromanschlüssen bei Überflutung besser meidet. Denn der Hausanschluss liegt vor dem schützenden FI-Schalter des gebäudeeigenen Netzes, und so lauert die Gefahr eines tödlichen Stromschlags im steigenden Wasser.

Eine weitere drängende Frage: Wohin flüchte ich, wenn binnen kürzester Zeit bedrohliche Wassermassen die Hänge hinab strömen und der Bach im Tal zugleich dramatisch anschwillt? Sinnvoll wären Evakuierungspläne für Orte und Gebiete, die sich in vergleichbaren geografischen Waldeck-Frankenberger Lagen befinden, wie sie Menschen in der Eifel und im Ahrtal zum Verhängnis wurden. Frese und Biederbick sehen auf Nachfrage an diesem Punkt einen echten Bedarf an Beratungen und Absprachen zwischen dem Landkreis und den Kommunen.

Im Notfall an die Hilfsbedürftigen in der Nachbarschaft denken

„Man kann für jedes Gebiet Fließkartierungen für Starkregenereignisse erstellen. Sie sehen darauf ganz genau, wie sich Wasser bei welchen Niederschlagsmengen wohin bewegt, aufgelöst bis hin zu den Dellen einer Wiese“, nennt Biederbick als Beispiel. Auf solchen Grundlagen ließen sich angepasste Empfehlungen für den Fall des Falles erarbeiten.

Ihnen könnte eine informierte Bevölkerung gerade in besonders gefährdeten Gebieten folgen. Dann, wenn es auf jede Minute ankommt, um das Leben der Familie in Sicherheit zu bringen. Darüber hinaus sei die Solidarität und die Kenntnis über die Nachbarschaft in den Dörfern gefragt, ergänzt Frese: „Dass ich zum Beispiel an die allein lebende, alte Frau im Haus nebenan denke und ihr helfe.“ (Matthias Schuldt)

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