Arbeitsrückstände bei Wirtschaftlicher Jugendhilfe

Aktenstau löst sich nur langsam auf

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Eklatanter Aktenstau: Mit der aktuellen Situation im Sachgebiet Wirtschaftliche Jugendhilfe befassten sich am Mittwoch die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses.

Waldeck-Frankenberg - Ein „finanzielles Desaster“ ist offenbar ausgeblieben. Doch der seit drei Jahren bestehende Aktenstau im Sachgebiet „Wirtschaftliche Jugendhilfe“ im Kreishaus hat sich noch nicht vollständig aufgelöst.

„Wir haben die Probleme in den Griff bekommen“, stellte Landrat Dr. Reinhard Kubat am Mittwoch in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses fest. Die durch die schleppende Bearbeitung der Fälle bislang nicht korrekt verbuchten Einnahmen seien dem Kreis nicht verloren gegangen, sondern würden nachträglich gutgeschrieben. Ein Millionenschaden, vor dem die Rechnungsprüfer aufgrund einer Stichprobe in ihrem Bericht gewarnt hatten, sei nach dem aktuellen Stand der Dinge nicht zu erwarten.

Infolge von Personalnot war es in der Abteilung zu Arbeitsrückständen und damit verbundenen Einnahmeausfällen gekommen. Ein Revisionsbericht machte im Sommer 2013 auf die Misere aufmerksam. Die Wirtschaftliche Jugendhilfe umfasst finanzielle Leistungen nach den gesetzlichen Maßgaben der Jugendhilfe, die im Sozialgesetzbuch (SGB VIII), früher Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), geregelt sind. Hierzu gehören etwa die Kostenübernahme für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen oder anderen betreuten Wohnformen, für ambulante und teilstationäre Hilfen oder die Zahlung von Pflegegeld bei Erziehung in Familienpflege.

Wie Fachdienstleiter Ralf Enderlein im Jugendhilfeausschuss erläuterte, seien die fast 600 unbearbeiteten Posteingänge, die sich im Februar 2013 „in schwarzen Mappen tummelten, fast vollständig abgearbeitet worden“. Allerdings befanden sich darunter auch Fälle, bei denen die vierjährige Verjährungsfrist inzwischen verstrichen sei. Derzeit werde geprüft, so der Fachdienstleiter, ob und inwieweit diese finanziellen Schäden von der entsprechenden Versicherung des Kreises übernommen werden.

Anwärter und Azubis

Das seit Herbst 2013 durch „erfahrene Kräfte“ aufgestockte Personal in den beiden Dienststellen in Korbach und Frankenberg wurde bis vor kurzem durch einen Inspektoren-Anwärter unterstützt. Inzwischen kämen verstärkt Auszubildende zum Einsatz. Allerdings falle eine versierte Sachgebietsleiterin krankheitsbedingt für mehrere Monate aus, sagte Enderlein. Eine bereits fertiggestelltes Konzept, das Personaleinsatz, Vertretungen und Aufgabenverteilung besser regeln soll, könne aus diesem Grund erst frühestens im Oktober umgesetzt werden. Bis dahin besteht die Gefahr, dass der Aktenstau womöglich wieder wächst. „Wir haben die Hoffnung, dass wir es am Laufen halten können. Aber ich habe Zweifel, dass dies gelingt“, räumte der Fachdienstleiter ein.

Nachdem die Aktenschränke nun gründlich durchforstet wurden, stehe das Ergebnis fest: Aktuell umfasse der Bestand unerledigter Vorgänge noch rund 190 Fälle, bei denen es hauptsächlich um die Gewährung stationärer Hilfen gehe, berichtete Enderlein. Ein ganzer Teil davon sei in Bearbeitung. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass in diesem Stapel „noch etwas schlummert“, was finanzielle Schäden verursachen könne.

„So schlimm habe ich es mir nicht vorgestellt“, kommentierte Ausschussmitglied Dagmar Deutschendorf (Bündnis 90/Die Grünen) den Sachstandsbericht. Ebenso wie Doris Meuser (FWG) regte sie an, die Situation durch personelle oder organisatorische Verbesserungen zu lösen. Die vorgeschlagene Zusammenlegung der beiden Standorte in der Kreisstadt würde eventuell Vorteile für die Verwaltung bringen, sich aber eher zu lasten der im ganzen Landkreis betreuten Personen auswirken, betonte Enderlein.

Vielmehr sollen Planungsinstrumente und Computerprogramme helfen, künftig derart eklatante Akten-Rückstände zu vermeiden. Eine entsprechende Software werde zum 1. Oktober beschafft, um die Mitarbeiter zu entlasten und die laut Enderlein „nicht mehr zeitgemäße“ Verfahrensweise zu ändern. Neue Erkenntnisse für eine verbesserte Arbeitsorganisation erhofft er sich zudem von einer vergleichende Prüfung des hessischen Rechnungshofes. (tk)

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