Sucht ist keine Frage des Alters

Alkohol und Tabletten: Viele Menschen sind im Alter süchtig - oft aus Einsamkeit

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Symbolbild: In dieser nachgestellten Szene sitzt eine ältere Frau allein in ihrer Wohnung und trinkt ein Glas Likör.

Waldeck-Frankenberg. Sucht ist keine Frage des Alters. Die Zahl älterer Menschen, die zu viel Alkohol, Tabak oder Medikamente konsumieren, geht in die Millionen.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat ermittelt, dass in der Bundesrepublik 440.000 bis 890.000 der über 60-Jährigen alkoholsüchtig sind und bis zu 2,8 Millionen Ältere zu viele Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel nehmen.

Nach Schätzungen von Experten konsumieren 18,5 Prozent der Frauen und sogar 27 Prozent der Männer ab 65 Jahre Alkohol „in riskanter Menge“. Beim Eintritt in ein Pflegeheim sind zwischen 7,5 und 25 Prozent der Männer sowie fünf Prozent der Frauen alkohol- oder medikamentenabhängig, schätzt das Pflegepersonal. 

54 Frauen und Männer, die älter als 55 Jahre waren, sind im Jahr 2018 in die Beratungsstelle oder Ambulante Reha des Diakonischen Werkes Waldeck-Frankenberg gekommen, berichtet Kerstin Londenberg, stellvertretende Leiterin der Suchtberatung des Diakonischen Werkes. Ihr ist wie allen Fachleuten klar, dass dies nur „die Spitze des Eisberges“ ist. 

Einsamkeit spielt eine Rolle 

Die tatsächliche Suchtgefahr ist viel größer. „Aber entweder wird die Erkrankung nicht erkannt oder es besteht kein Veränderungswunsch bei den Betroffenen oder Angehörigen“, sagt Kerstin Londenberg. Eine Alkoholabhängigkeit lasse sich häufig leichter erkennen als eine Medikamentenabhängigkeit.

„Ein Grund für vermehrten Konsum von Alkohol und Medikamenten im Alter ist sicherlich Einsamkeit“, sagt Kerstin Londenberg. Durch den Eintritt ins Rentenalter fielen soziale Kontakte weg. „Die Menschen müssen sich neu orientieren, eine neue Aufgabe finden, die viele Freizeit füllen, auf die man sich so gefreut hat, und eventuell neue soziale Kontakte aufbauen.“

Gesundheitliche Probleme, schwere Erkrankungen sowie der Tod des Partners oder eines engen Freundes oder Verwandten nennt Londenberg als weitere Faktoren. 

Gesundheitsamt rät: maximal 24 Gramm Alkohol täglich

„Im Alter reagiert der Körper anders auf Alkohol“, warnt Dr. Katrin Müller, Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel. Für Männer gelte eine Höchstmenge von 24 Gramm Alkohol täglich, für Frauen von 12 Gramm. 

Zur Orientierung: Wer eine Flasche Bier trinkt, habe bereits 12,7 Gramm Alkohol intus. Ein Glas Rotwein (0,2 Liter) enthalte 17,6 Gramm Alkohol. Selbst wer unter den empfohlenen Mengen bleibe, solle zumindest zwei Tage pro Woche ganz auf Alkohol verzichten, empfiehlt der Freundeskreis Battenberg.

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