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An vielen Schulen im Landkreis gibt es nicht genug Lehrer

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Von: Stefanie Rösner

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Um alle Schüler konstant unterrichten zu können, bedarf es qualifizierter Lehrer.
Um alle Schüler konstant unterrichten zu können, bedarf es qualifizierter Lehrer. © Marcel Kusch/dpa

An vielen Schulen im Landkreis mangelt es an Lehrern. Immer mehr Schüler werden daher von Personal mit befristeten Verträgen und ohne Lehrerausbildung unterrichtet.

Waldeck-Frankenberg - Immer wieder müssen Schulstunden ausfallen und Nebenfächer werden vorübergehend vom Stundenplan gestrichen. Das bestätigen einige Schulleiter im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Die Lage ist ganz schwierig“, sagt Dr. Maurice Rüsseler, stellvertretender Schulleiter am Gustav-Stresemann-Gymnasium in Bad Wildungen. „Einen Vertrag an eine neue Lehrkraft zu vergeben ist fast aussichtslos. Vor allem auf dem Land ist das ein Kampf.“ Freie Stellen könnten oft nicht vergeben werden, da der Markt an ausgebildeten Lehrern leer sei.

So komme es durchaus vor, dass nicht nach Lehrplan unterrichtet werden könne. Um den Mangel zu kompensieren, würden auch schon mal einzelne Nebenfächer zeitweise ausgesetzt, um in anderen Fächern verstärkt unterrichten zu können, berichtet Maurice Rüsseler. Im Gustav-Stresemann Gymnasium konnten die Reihen durchaus geschlossen werden, sodass dies für seine Schule nicht gelte. Er könne sich durchaus vorstellen, dass andere Schulen als Notbehelf auf diese Möglichkeit zurückgreifen.  

Englischlehrer fürs Gymnasium fehlen

Das Problem spitze sich seit rund fünf Jahren zu, meint Katrin Lange, stellvertretende Schulleiterin der Alten Landesschule in Korbach. An dem Gymnasium könnten zwar alle Fächer unterrichtet werden, allerdings nur, weil es „diverse Lehraufträge“ ohne feste Anstellung gebe. Ihr zufolge komme auch Personal zum Einsatz, das noch nicht die Lehrerausbildung abgeschlossen habe. Zurzeit sei es fast unmöglich, Englischlehrer fürs Gymnasium zu finden.

„Die Situation ist sehr angespannt“, sagt Lange. „Ich muss auch künftig mit Ausfällen rechnen, da viele überlastet sind.“ Die Pandemie und die dadurch erschwerten Unterrichtsbedingungen hätten sogar manche dazu bewogen, früher in den Ruhestand zu gehen.

„Nicht immer sind es ausgebildete Lehrer, die unterrichten“, erklärt Barbara Pavlu, Leiterin der Uplandschule in Willingen – „besonders in Grundschulen“. Sie wünscht sich, dass mehr feste Stellen ausgeschrieben werden, auch für Stunden, die beispielsweise aufgrund von Krankheit wegfallen. Außerdem wäre es ihrer Ansicht nach dringend erforderlich, dass die Schulen mehr Stunden für die zusätzlichen Flüchtlingskinder zugewiesen bekommen.

Mehr Lehrer für Schüler ohne Deutschkenntnisse

Eine Grundschulklasse mit 29 Kindern plus vier ukrainische Kinder, die noch kein Deutsch sprechen: Das sei eine Situation, in der die Kinder nicht angemessen betreut und unterrichtet werden können, und doch stünden Lehrkräfte zum neuen Schuljahr vor solchen Herausforderungen.

Barbara Pavlu nennt dieses Beispiel, das zeigt, wie wichtig mehr Lehrpersonal wäre. „Wir bekommen zwar Stunden zugewiesen, diese reichen aber nicht aus“, sagt sie. In der Grundschule bekämen ukrainische Kinder 18 Stunden pro Woche Deutschunterricht, doch die verbleibenden Stunden würden sie in den Regelklassen beschult. Pavlu wünscht sich, dass zusätzliches Personal für alle Schulstunden der ukrainischen Kinder zur Verfügung stünde, um ihnen gerecht werden zu können.

Der Lehrermangel setze sich dauernd fort. Mehr Kinder, mehr Flüchtlinge, und Schulen, die händeringend Lehrer suchen. Auch wenn eine Schule mehr Stunden zugewiesen bekäme, hieße das nicht, dass diese gleich besetzt werden könnten. Zu wenige ausgebildete Lehrer gibt der Markt her. Besonders in Fächern wie Mathematik und Naturwissenschaften gebe es zu wenige Absolventen. Zudem sind nach Einschätzung von Barbara Pavlu weniger junge Lehrer bereit, auf dem Lande zu unterrichten als in städtischer Umgebung.

Befristete Verträge

Freie Unterrichtsstunden würden daher bei Bedarf über befristete Verträge abgedeckt. Schulleiter setzen zwangsläufig Personal ein, das keine vollständige Lehrerausbildung vorweisen kann, sondern zum Beispiel das erste Staatsexamen erreicht hat, ein Fach studiert hat oder erzieherische Ausbildung vorweisen kann.

Der Mangel an Lehrern geht meist zuerst zulasten der Nachmittags- und Zusatzangebote für Schüler. „Ich muss teilweise Stunden, die für den Ganztagsunterricht zugewiesen wurden, kürzen, um das Personal für Pflichtstunden einzusetzen“, erklärt Barbara Pavlu. Betreuungsangebote, AGs, Förderunterricht und sogar einzelne Stunden bei Nebenfächern wie Kunst und Musik müssten reduziert oder zeitweise gestrichen werden.

„Der Lehrerberuf könnte attraktiver gestaltet werden“, sagt Dr. Maurice Rüsseler von der Schulleitung des Gymnasiums in Bad Wildungen. Denn Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung einzustellen, sieht er kritisch.

Erschwerte Bedingungen wegen der Pandemie

Auch die Bedingungen an Schulen aufgrund der Pandemie haben nach Auffassung von Katrin Lange dazu beigetragen, dass weniger Lehrpersonal zur Verfügung stehe. Die stellvertretende Schulleiterin der ALS hat die Erfahrung gemacht, dass viele die Maßnahmen zum Schutz vor der Infektion oder auch das Risiko vor einer Ansteckung als Belastung empfunden haben.

Hinzu komme das Problem, dass es an dem Gymnasium aufgrund sinkender Schülerzahlen weniger Lehrerstellen gebe.

Bundesweit fehlen nach Angaben des Deutschen Lehrerverbands bis zu 40 000 Lehrerinnen und Lehrer. Die Situation ist aber von Schule zu Schule unterschiedlich.

„Die Schulen werden mit dem Problem alleine gelassen“, sagen mehrere Schulleiter im Gespräch mit unserer Zeitung. Marcel Himmelmann hingegen, Schulleiter der Burgwaldschule in Frankenberg, antwortet gelassen, dass an der Realschule alle Stellen besetzt werden konnten und man gut ins neue Schuljahr starten könne.

Ein regionales Problem

Der Lehrermangel ist auch ein regionales Problem, sagt Stephan Uhde, Leiter des Staatlichen Schulamtes in Fritzlar. Im Einzugsgebiet der Universitätsstädte Kassel und Marburg sei es leichter, Personal zu gewinnen als im ländlichen Raum an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Für die Grundschulen und insbesondere die Förderschulen gebe es deutlich weniger Bewerber als für weiterführende und Berufsschulen.

Für die Grund- und Förderschulen wurden in diesem Sommer im Schulamtsbereich (Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder-Kreis) 14 Lehrkräfte eingesetzt und 23 fest eingestellt. An weiterführenden Schulen bestehe großer Bedarf vor allem in Fächern wie Physik, Chemie, Informatik, Sport, Musik, evangelische Religion und Englisch.

Für das Lehramt an Grund- und Förderschulen sei die Bewerberzahl so gering, dass „sehr oft Vertretungsverträge nicht mit vollausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern besetzt werden können, an den Förderschulen ist dies in der Tat die Regel“, sagt Stephan Uhde. Die Schulleitungen und das Staatliche Schulamt bemühten sich, geeignete Personen zu finden, die durch Fortbildungsangebote unterstützt werden. Oft leisteten diese sehr gute Arbeit.

Planstellen würden manchmal nicht direkt mit verbeamteten Lehrkräften besetzt, sondern zunächst „aus verschiedensten Gründen“ mit Vertretungsverträgen.

487 ukrainische Schüler an den Schulen im Landkreis

In den vergangenen Jahren sei einiges getan worden, um die Unterrichtsversorgung auch längerfristig sicherzustellen. „So zum Beispiel die Weiterbildung zum Erwerb des Lehramts an Förderschulen und an Grundschulen für Lehrkräfte mit anderem Lehramt.“ Es gebe deutlich mehr Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst an den Studienseminaren, ebenso mehr Studienplätze.

Für diesen Schulamtsbezirk gebe es etwa 100 zu besetzende Stellen mehr als im Vorjahr. Denn es gebe mehr Schüler, aufgrund von erhöhten Zuweisungen, zum Beispiel im Bereich des Ganztags, und wegen mehr ukrainischer Schüler. Derzeit seien an den Schulen in Waldeck-Frankenberg 487 ukrainische Kinder und Jugendliche angemeldet. Für diese ist nach Angaben von Stephan Uhde von einem Bedarf an circa 20 zusätzlichen Stellen auszugehen.

Das Staatliche Schulamt konnte den Angaben zufolge bisher mehr als zehn ukrainische Lehrkräfte einstellen.

Uhde blickt in die Zukunft: „Die größte Herausforderung wird in den kommenden Jahren aber sicherlich die Versorgung der Förderschulen mit gut qualifiziertem Personal bleiben.“ (Stefanie Rösner)

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