Ausbilder Christian Gerlach: „Die Grenze ist da, wo man sich persönlich verletzt fühlt“

Auch Männer werden angefasst

Tiefe Ausschnitte und volle Biergläser: Diese Kombination sorgt auf Volksfesten, aber auch in Kneipen oft zu unpassenden Andeutungen und Berührungen gegenüber den Kellnerinnen. Wer in der Gastronomie arbeitet, lernt, damit umzugehen.

Waldeck - Frankenberg - Während ganz Deutschland darüber spricht, ob ein Politiker einer Journalistin sagen darf, dass sie „ein Dirndl gut ausfüllen würde“, hören andere Frauen solche Sprüche jeden Tag. Dazu gehören Krankenschwestern oder Mitarbeiterinnen der Gastronomie.

Eine fröhliche Runde in der Bar, der Alkohol zeigt Auswirkungen, und der ein oder andere Gast wird frech: Solche Situationen kommen vor, wenn der Alkoholpegel steigt und die Hemmschwelle sinkt. Das weiß auch Christian Gerlach (Nieder-Werbe), der im Prüfungsausschuss für Hotelkaufleute sitzt und selbst ein Hotel betreibt. Dennoch sei das Thema in Gastronomenkreisen kein großes. „Zumindest nicht bisher“, sagt Gerlach, „vielleicht ändert sich das jetzt“. Wie häufig sexistische Anspielungen vorkommen, sei abhängig vom Klientel - in seinem Haus habe er keine Probleme, in Gaststätten, in denen bis in den Morgen gefeiert werde, könne das aber anders aussehen.

Am Anfang der Ausbildung könnten junge Menschen sehen, ob sie mit solchen Situationen umgehen und darüber stehen könnten oder nicht. „Dafür ist die Probezeit da“, sagt Gerlach. Jedenfalls sei der Umgang mit alkoholisierten Gästen bisher kein festgeschriebenes Thema in der Ausbildung gewesen. Es gebe keine Regelung, wo „ein Flirt aufhört und eine blöde Anmache anfängt“ - auch nicht zwischen Gast und Servicekraft. „Die Grenze ist da, wo man sich persönlich verletzt fühlt.“

Jeder junge Mitarbeiter entwickele eigene Abwehrmechanismen, wenn Gäste frech oder aufdringlich würden. Entscheidend sei, dass der Chef dann Rückendeckung gibt: „Auf keinen Fall darf man sagen ‚das gehört dazu‘“, betont Christian Gerlach.

Unangebrachte Bemerkungen, Berührungen und plumpe Anmachen seien nicht nur ein Thema, unter dem Frauen leiden, sagt Werner Steuber (Neuludwigsdorf), Vorsitzender des Frankenberger HOGA-Kreisverbandes. „Bei fröhlichen Damenkränzchen kommt es auch mal vor, dass einem jungen, männlichen Kellner zwischen die Beine gefasst wird“, stellt der Gastwirt klar. „Das ist zwar nicht die Regel, aber es passiert.“ Das bestätigt auch Christian Gerlach. „Allerdings ist es als Mann oft leichter, auf eine Anmache zu reagieren“.

Hintergrund

Laut Duden ist Sexismus eine Haltung und Grundeinstellung, die darin besteht, einen Menschen allein aufgrund seines Geschlechtes zu benachteiligen. Insbesondere geht es dabei um diskriminierendes Verhalten gegenüber Frauen. (apa)

Die Sexismus-Debatte ist in der WLZ-FZ-Freitagsausgabe das "Thema des Tages".

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