Agentur für Arbeit, Kreishandwerkerschaft und IHK ziehen Bilanz

Ausbildungsmarkt 2021: Mehr Lehrstellen aber weniger Bewerber

Jugendlicher Auszubildender an einer Maschine - Foto zum Thema: Ausbildung zum Metallbauer
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Die Ausbildung zum Metallbauer bietet interessante Aufgaben. Heimische Firmen bieten weiter viele Lehrstellen an, doch die Zahl der Bewerber geht auch in Waldeck-Frankenberg zurück. Das zeigt die Bilanz für den Ausbildungsmarkt 2021.

Ausbilden würden viele heimische Betriebe gerne – nur wird es für sie immer schwieriger, Lehrlinge zu finden. Das wurde deutlich, als der Leiter der Agentur für Arbeit, Uwe Kemper, mit Vertretern der Kreishandwerkerschaft und der Industrie- und Handelskammer eine Bilanz fürs Ausbildungsjahr 2020/21 zog.

Waldeck-Frankenberg – In Waldeck-Frankenberg stieg die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen bis Ende September gegenüber dem Vorjahr um 12 auf 1241, ein Plus von einem Prozent. Bei der Agentur für Arbeit meldeten sich aber nur 900 Bewerber, 153 oder 14,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor.

113 offenen Ausbildungsstellen standen Ende September 58 unversorgte Bewerber gegenüber – 2020 waren es 87 offene Stellen und 94 unversorgte Bewerber. Nicht gemeldete Stellen sind nicht erfasst.

Im Schnitt 2,26 freie Ausbildungsstellen pro Bewerber

Im Agenturbezirk mit den Kreisen Schwalm-Eder und Waldeck-Frankenberg waren bis Ende September 2266 Ausbildungsstellen gemeldet – das sind 55 oder 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr – aber 32 Plätze weniger als im Vor-Corona-Jahr 2019. Dem standen 1625 Bewerber für eine Berufsausbildung gegenüber, ein Rückgang um 404 oder 19,9 Prozent – mehr als im Bundesdurchschnitt. 2019 waren es noch 2141 Bewerber.

Ende September waren im Bezirk noch 219 Lehrstellen unbesetzt und 79 Bewerber unversorgt – im Vorjahr waren 148 Ausbildungsplätze nicht besetzt, es gab 159 unversorgte Bewerber. Rechnerisch kommen auf einen unversorgten Bewerber 2,26 freie Ausbildungsstellen.

Corona behindert Berufsorientierung

Für den Rückgang an Bewerbern macht Kemper die Corona-Pandemie mitverantwortlich: Die Zahl der Bewerber um eine Lehrstelle sei auch deshalb rückläufig, weil die Berufsorientierung über Messen für viele Schulabgänger wegen der vielen Beschränkungen bis hin zum Lockdown nicht möglich gewesen sei. Auch die Berufsberatung lief nur digital oder telefonisch. Außerdem konnten Jugendliche über Monate keine Praktika in Betrieben absolvieren.

Trend zur weiterführenden Schule und zum Studium

Dadurch habe sich ein seit Jahren erkennbarer Trend verstärkt: Jugendliche setzten auf einen „sicheren Hafen“ und besuchten weiterführende Schulen, statt eine Ausbildung zu beginnen. Auch viele „unversorgt“ gebliebene Bewerber hätten sich in diesem Jahr dafür entschieden, vorerst weiter die Schule zu besuchen, berichtet Kemper. Außerdem gebe es weiter den Drang zum klassischen Studium oder zu einem dualen Studiengang.

Hinzu kämen zwei weitere Effekte, berichtet Kemper: Die Gymnasien sind von der achtjährigen auf die neunjährige Schulzeit zurückgekehrt, dadurch entfällt ein Entlassjahrgang. Und dann macht sich der Bevölkerungswandel bemerkbar: Wegen geburtenschwacher Jahrgänge sinkt die Zahl der Schulabgänger. Eine Vorhersage der Kultusministerkonferenz rechne für 2022 im Agenturbezirk mit 2776 Absolventen, sagt Kemper – das seien 16 Prozent weniger als 2019.

Weiter viele Lehrstellen gemeldet

Bei den angebotenen Ausbildungsplätzen habe Corona kaum Spuren hinterlassen – Betriebe meldeten wieder mehr Stellen. Es gebe im Bezirk eine gute Firmenstruktur und eine hohe Ausbildungsbereitschaft über alle Berufsgruppen. Viele Firmen arbeiteten mittel- und langfristig orientiert und setzten dabei auf die Ausbildung – auch wenn es manche wegen ihrer Corona-Einbußen schwerer hätten, Lehrstellen anzubieten. 

Eines ist für Kemper klar: Die fehlenden Lehrlinge von heute seien die fehlenden Facharbeiter von morgen. Viele Firmen arbeiteten mittel- und langfristig orientiert und setzten dabei auf die Ausbildung – auch wenn es manche wegen ihrer Corona-Einbußen schwerer hätten, Lehrstellen anzubieten. 

Handwerk will bis Jahresende 400 Lehrstellen besetzen

Noch nicht zufrieden mit den bisherigen Ausbildungszahlen ist der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Gerhard Brühl. Zum 1. November waren kreisweit 364 Ausbildungsverträge im Handwerk registriert. Das ist zwar ein Plus von 1,7 Prozent gegenüber dem Corona-Jahr 2020, aber 2019 waren es noch 381 Verträge plus 15 in der Einstiegsqualifizierung.

Dabei ist die Lage in den Gewerken unterschiedlich. So gibt es mehr Verträge in Bauberufen wie Maurer, Zimmerer oder Dachdecker, Nachwuchssorgen haben Friseure, Bäcker und Fleischer.

Das Handwerk wolle und könne mehr ausbilden und habe auch den Bedarf an neuen Fachleuten, betont Brühl. Die Wirtschaftslage sei gut. Wegen der Pandemie sei die Berufsorientierung jenseits digitaler Angebote fast nicht möglich gewesen, ebenso wenig die Praktika, über die Betriebe sonst rund 80 Prozent ihrer Auszubildenden gewönnen.

Brühl hofft, dass es bis Jahresende noch Neueinstellungen gibt: Angestrebt sei, das Vor-Corona-Niveau mit 400 Lehrstellen im Ausbildungsjahr zu erreichen. Das sei das Minimum, um den Bedarf der Betriebe an Fachleuten zu decken.

Das Handwerk biete eine Palette an zukunftssicheren und klimarelevanten Berufen. „Die Arbeit wird uns nicht ausgehen.“ Und jeder Jugendliche könne eine Karriere im Handwerk anstreben und bekomme seine Chance.

Industrie- und Handelskammer setzt auf „Nachvermittlung“

Leicht rückläufige Zahlen bei der Ausbildung macht die Leiterin des Korbacher Servicezentrums der Industrie- und Handelskammer, Carolin Dobersch, aus. Zum 1. November waren 601 neue Verträge eingetragen – 633 waren es vor einem Jahr. Bei den gewerblich-technischen Berufen liege der Rückgang bei 8,7 Prozent, bei den kaufmännischen bei 2,4 Prozent.

Erfreulich stabil seien die kreisweiten Zahlen in der Gastronomie und Hotelerie, rückläufig seien sie bei Industriekaufleuten und Holzmechanikern. Bei Mediengestaltern und IT-Fachleuten sei die Bilanz positiv, berichtet Dobersch. Gerade kleinere Betriebe machten eine unsichere Geschäftslage aus, das wirke sich auf das Lehrstellen-Angebot aus: Es gab 153 Stellen weniger als 2020.

Die IHK habe versucht, Unternehmen und Schüler zu unterstützen und zum Beispiel an digitalen Berufsmessen teilgenommen. „Wir waren ganz erfolgreich.“ Auch Dobersch setzt noch auf die „Nachvermittlung“, um bis zum Jahresende weitere Lehrlinge zu gewinnen.

Sorge um Standorte der Berufsschulen

Weniger Schulabgänger, weniger Bewerber um Lehrstellen – der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Gerhard Brühl, macht sich Gedanken über die Auswirkungen dieser Trends auf die Berufsschul-Standorte auf dem Land. Denn werden die Fachklassen zu klein, besteht die Gefahr, dass sie wegen der Landesvorgaben geschlossen werden – Lehrlinge müssten dann weite Wege etwa bis Kassel in Kauf nehmen, um zur Schule zu kommen.

Brühl befürchtet, dass betroffene Berufe bei einer Schließung von Standorten für Schüler unattraktiver werden, Folge: Sie treten eine Ausbildung erst gar nicht an und suchen sich Alternativen. Gerade das Handwerk sei auf die Klassen vor Ort angewiesen, betont Brühl. „Wir müssen einen Kampf um die Schulstandorte führen.“

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