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Ausbildungsmarkt in Waldeck-Frankenberg: mehr Lehrstellen - immer weniger Bewerber

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Symbolbild zur Bilanz fürs Ausbildungsjahr 2021/22:  „Zukunftsgestalter“: In der Kfz-Lehrwerkstatt des Korbacher Berufsbildungszentrums steht die Elektromobilität längst auf dem Lehrplan. Hier der Auszubildende Christian Kleinschmidt beim Check des Hochleistungs-Akkus. Links: der Auszubildende Sam Wehowsky, am Auto stehen links der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Gerhard Brühl, und rechts der Werkstattleiter und Ausbilder Bernd Pieper.
„Zukunftsgestalter“: In der Kfz-Lehrwerkstatt des Korbacher Berufsbildungszentrums steht die Elektromobilität längst auf dem Lehrplan. Hier der Auszubildende Christian Kleinschmidt beim Check des Hochleistungs-Akkus. Links: der Auszubildende Sam Wechowsky, am Auto stehen der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Gerhard Brühl, und der Werkstattleiter und Ausbilder Bernd Pieper. © Karl Schilling

Ein Trend prägt auch das Ausbildungsjahr 2021/22 in Waldeck-Frankenberg: Unternehmen melden immer mehr Lehrstellen, doch es gibt immer weniger Bewerber.

Waldeck-Frankenberg – Das wurde am Montag deutlich bei der gemeinsamen Bilanz der Korbacher Agentur für Arbeit, der Kreishandwerkerschaft und des Korbacher Servicezentrums der Industrie- und Handelskammer, kurz IHK.

Die Schere zwischen den Ausbildungsplätzen und den Bewerbern sei im Vergleich zu den Vorjahren weiter auseinandergegangen, erklärt der Leiter der Korbacher Agentur für Arbeit, Uwe Kemper. Für Bewerber biete der Ausbildungsmarkt im Kreis somit gute Chancen – für viele Arbeitgeber bleibe es aber eine Herausforderung, ihre Lehrstellen zu besetzen.

Ausbildungsmarkt in Zahlen

In Waldeck-Frankenberg stieg die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen bis Herbst diesen Jahres um 142 auf 1405, ein Plus von 11,2 Prozent. Ähnlich hoch lag sie mit 1422 vor fünf Jahren.

Es gab 808 Bewerber, 92 oder 10,2 Prozent weniger als im Ausbildungsjahr zuvor und sogar 245 weniger als 2019/20.

Ende September standen 170 offenen Ausbildungsstellen 61 unversorgte Bewerber gegenüber. Im Vorjahr waren es 113 offene Stellen gegenüber 58 unversorgten Bewerbern.

Bei den Betrieben gebe es weiter eine hohe Bereitschaft auszubilden, betonen Kemper, der IHK-Teamleiter der Bildungsberater, Enrico Gaede, und der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Gerhard Brühl. Für die Betriebe geht es darum, sich die Facharbeiter von morgen zu sichern. Und da sei die Ausbildung weiter „das Instrument der Wahl“, sagt Kemper.

Der Bedarf wächst auch wegen des Bevölkerungswandels: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen Zug um Zug in Rente, aber es kommen weniger junge Leute nach.

Weniger Schulabgänger - verändertes Bildungsverhalten

Die gesunkenen Bewerberzahlen führt Kemper auf weniger Schulabgänger und auf ein verändertes Bildungsverhalten zurück: 2276 Schulabgänger seien es im Bezirk des Fritzlarer Schulamtes in diesem Sommer gewesen – 186 Jugendliche weniger als 2021 und sogar 495 weniger als 2020. „Diese Schüler fehlen uns auf dem Ausbildungsmarkt.“
Und der Trend zum Besuch weitergehender Schulen und zum Studium hält an.  – für manche sei die Schule ein „sicherer Hafen“ in unsicheren Zeiten. Und nach dem Abitur folge oft statt einer Ausbildung das Studium.

Außerdem wirke sich immer noch die Corona-Pandemie aus, deshalb hätten die Berufsberater der Agentur Schüler mit ihren Angeboten zur Berufsorientierung nicht so gut erreichen können wie vor Corona.

Auch die Betriebe konnten Jugendliche und Eltern schlechter ansprechen, weil es weniger Praktika oder Berufsmessen als vor Corona gab. Agentur und Wirtschaft setzten verstärkt auf digitale Informationsformate, um Jugendlichen Berufe vorzustellen – gerade neuere Berufsbilder seien kaum bekannt, berichtet Gaede. Brühl fordert ein Umdenken bei Jugendlichen und Eltern: die praktischen Berufe müssten wieder mehr Wertschätzung erhalten.

Aufgaben für die Agentur

Als Aufgaben für die Agentur nannte Kemper:

Kemper appellierte an unversorgte Schulabgänger, sich intensiv mit einer dualen Ausbildung auseinanderzusetzen. Jeder könne sich an die Berufsberatung der Agentur wenden, um sich über Chancen und Perspektiven zu informieren. „Die Fachleute wissen auch, wo noch Ausbildungsplätze frei sind und ein kurzfristiger Einstieg möglich ist.“

Kontakt zur Berufsberatung über die Hotline 05631/957-158 oder per Mail an Korbach.berufsberatung@arbeitsagentur.de. Filme über Ausbildungsberufe und Studiengänge bietet die Agentur mit ihrem Berufe-TV .

Umdenken: Ausbildung statt Studium

Ein Umdenken bei Jugendlichen und Eltern wollen Gerhard Brühl und Enrico Gaede erreichen: Es gelte, den Trend zu Abitur und Studium zu brechen und den hohen Wert einer dualen Ausbildung in den Köpfen zu verankern.

„Die Berufsausbildung ist seit Jahrzehnten eine ausgezeichnete Basis für die Berufskarriere – dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern“, betont Gaede. „Die Karrierechancen mit einer dualen Ausbildung sind heute besser denn je.“ Umso mehr gelte es, Schulabgängern die vielfältigen Aufstiegsmöglichkeiten über das duale System zu verdeutlichen – auch als „konkurrenzfähige Alternative zum Studium“.

Die Ausbildung biete jungen Menschen gerade in diesen ungewissen und bewegten Zeiten zukunftssichere und anspruchsvolle Berufe mit hervorragenden Fortbildungs- und Karrieremöglichkeiten, erklärt Brühl. Bei Klimakonferenzen wie derzeit in Ägypten werde über die Theorie beraten – „im Handwerk wird es umgesetzt.“ Ob Klimaschutz, Energiewende, E-Mobilität oder Nachhaltigkeit: Handwerksbetriebe seien „der Zukunftsgestalter“.

Zu denken gibt Brühl die hohe Quote der Studienabbrecher: Manche Jugendliche wären in einer Ausbildung vielleicht besser aufgehoben. Und nach einer Lehre stünden Absolventen alle Wege offen - auch ein Studium.

Bundesweit laufen bereits Imagekampagnen für die duale Ausbildung.

Weniger Lehrlinge im Handwerk

Zum Stichtag 30. September haben 355 junge Leute eine Ausbildung im Handwerk begonnen – das seien neun oder 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr, berichtet Gerhard Brühl. Im Bezirk der Kasseler Handwerkskammer liege das Minus bei 3,9 Prozent.

Ob Corona-Beschränkungen oder Krisen: Die Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt seien vielfältig. Daher seien die Bemühungen „leider nicht ganz aufgegangen, die Zahlen des Vorjahres zu halten“. So sei bei den Metallberufen die Zahl der neuen Verträge von einst 20 bis 30 auf fünf gesunken. Viele Lehrlinge in Handwerksbetrieben wie die Bürokaufleute seien zudem bei der IHK registriert – die Zahlen müssten zusammen gesehen werden.

Positiv sei das Interesse an Formaten zur Berufsinformation, auch wenn sich dies noch nicht in der Zahl der Verträge niedergeschlagen habe. Der Bildungsmarkt habe sich völlig gedreht, das sei noch nicht allen klar: Betriebe müssten um Schulabgänger werben.

Mehr Wertschätzung

Die Ausbildung und das Handwerk müssten mehr Wertschätzung erhalten, mahnt Brühl. In der Pandemie habe sich gezeigt, welch wichtigen Beitrag das Handwerk zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur leiste. Das Handwerk biete wie kaum eine andere Branche krisenfeste, zukunftssichere und attraktive Jobs.

„Die Ausbildungsbereitschaft unserer Betriebe ist weiterhin hoch. Es mangelt an ausbildungsfähigen und ausbildungswilligen Bewerbern.“ Bei der Lehrstellenbörse der Kammer seien derzeit noch mehr als 275 unbesetzte Ausbildungsplätze sowie 450 Praktikumsstellen eingestellt.

Wer eine Karriere im Handwerk anstrebe, solle diese Möglichkeit bekommen, sagt Brühl: „Wir geben niemanden verloren – wir brauchen den Nachwuchs“: die Fachleute von morgen.

Informationen zu Ausbildung und Karriere gibt es auf www.handwerk.de. Die Plattform www.komminsteamhandwerk.de ist ein Begegnungsraum für Interessenten und Unternehmen. Die Ausbildungsberatung der Kreishandwerkerschaft für Jugendliche und Eltern ist unter Telefon 05631/9535-100 erreichbar.

Industrie- und Handelskammer verzeichnet Plus

Mehr Lehrlinge hat die Industrie- und Handelskammer im Bezirk Kassel-Marburg: Zum Stichtag 30. September habe die IHK für Waldeck-Frankenberg 678 neue Ausbildungsverträge eingetragen, berichtet der Teamleiter Enrico Gaede. Das sei im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 71 Verträgen oder 11,7 Prozent.

In den kaufmännischen Berufen seien es 397 Verträge – 37 mehr. Bei technisch-gewerblichen Berufen seien es 281 Verträge mehr, ein Plus von 34. Zuwächse habe es in nahezu in fast allen Branchen der IHK gegeben.

Eine deutliche Steigerung verzeichne das Hotel- und Gaststättengewerbe, berichtete Bildungsberater Björn Duen: Das Plus liege bei rund 16 Prozent. Auch bei den Industriemechanikern, den Fachinformatikern und in der Papiertechnologie seien deutlich mehr Verträge zustande gekommen. Ein Rückgang gebe es aber bei den kaufmännischen Berufen, besonders im Einzelhandel.

Auch den IHK-Betrieben sei es nicht gelungen, alle Lehrstellen zu besetzen, berichtete Gaede. Trotz einer nie dagewesenen Fülle an berufsspezifischen Informationen gebe es nach wie vor viele Ausbildungsberufe, für die es trotz guter Perspektiven keine oder kaum Nachfrage gebe.

Mehr Seminare und neue Formate in Sozialen Netzwerken

Die IHK stelle sich dieser Problematik. So gebe es für Betriebe Seminare und Angebote zur Zusammenarbeit, die Nachfrage solle durch neue Formate in Sozialen Netzwerken und ein umfassendes Beratungsangebot gesteigert werden.

Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sei hoch, schon um den Bedarf an Fachleuten zu decken. Wer noch eine Ausbildung beginnen wolle, könne trotz des Nachholbedarfs beim Lernstoff noch starten, betont Gaede, „die Angebote gibt es.“

Mehr Infos zu den Angeboten rund ums Thema Ausbildung gibt es auf der IHK-Homepage. -sg-

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