„In Lagern – Schicksale deutscher Zivilisten im östlichen Europa von 1941 bis 1955“

Ausstellung im Korbacher Kreishaus über deutsche Zwangsarbeiter eröffnet

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Bei der Ausstellungseröffnung im Kreishaus – von links: der Erste Kreisbeigeordnete Karl-Friedrich Frese, Manfred Kreuzer und Dr. Herfried Stingl vom Bund der Vertriebenen, der Bad Arolser Geschichtslehrer Erich Müller, Hartmut Gottschling  vom Bund der Vertriebenen und der pensionierte Oberst Jürgen Damm.

Korbach - „In Lagern – Schicksale deutscher Zivilisten im östlichen Europa von 1941 bis 1955“ heißt die neue Ausstellung der Berliner Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen, die der Kreisverband des Bundes der Vertriebenen nach Korbach geholt hat.

Hunger, Kälte, Krankheiten, Dreck, schwere Arbeit, Schläge der Ausseher, sexuelle Übergriffe auf Frauen bis hin zu Vergewaltigungen, immer neue Tote – so sah der Alltag aus in sowjetischen Lagern, in denen verschleppte Deutsche in der Nachkriegszeit jahrelang schuften mussten. „Ein Sklavenleben.“ So hat es ein Überlebender zusammengefasst. 

Die neue Ausstellung dokumentiert das harte und grausame Leben, nachzulesen sind viele erschütternde Berichte von ehemaligen Insassen. Die Ausstellungsmacher analysieren auch, warum die Sowjets so erbarmungslos mit den Deportierten umgegangen sind. Als einen Grund nennt das Zentrum, die Verschleppung sei auch als Reaktion auf die Verbrechen der Nationalsozialisten veranlasst worden. 

Im Zweiten Weltkrieg hätten die Deutschen auch durch ihre "Vernichtungs- und Rassepolitik" zwölf bis 14 Millionen Sowjets umgebracht, die toten Soldaten der Roten Armee nicht mitgerechnet. Außerdem wurden etwa zwölf Millionen Menschen als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert, darunter viele Sowjets. 

Nach ihrem Sieg 1945 drehten sie den Spieß um, sie deportierten Deutsche, um sie als Zwangsarbeiter auszubeuten. Außerdem verschleppten sie Facharbeiter und Ingenieure, die beim Aufbau der sowjetischen Industrie mithelfen mussten - ein Beispiel: Raketentechniker. 

Erbarmen kannte der brutale und chronisch misstrauische Diktator Josef Stalin nicht, Menschenleben zählten für ihn nicht. Er ließ skrupellos ganze Völker umsiedeln und steckte Millionen sowjetische Bürger in sibirische Lager, wo sie sich zu Tode arbeiteten - das GULAG-System ist berüchtigt. Nun traf es eben auch die besiegten Deutschen.

Bis zum 27. September geöffnet

Am Dienstag wurde die Ausstellung im Foyer des Korbacher Kreishauses eröffnet, noch bis zum 27. September ist sie dort auf zwei Ebenen zu sehen.

Die Tragödie der Vertreibung von zwölf bis 14 Millionen Deutschen nach 1945 sei im kollektiven Gedächtnis fest verankert, sagte Manfred Kreuzer vom BdV-Kreisverband. Weniger bekannt sei das Schicksal von mehr als einer Million Deutscher, die in und nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion deportiert worden waren, um dort unter elenden Bedingungen Zwangsarbeit zu leisten. 

Mehr als 50 Tafeln und interaktive Elemente

Ihr Schicksal werde auf mehr als 50 Tafeln und mit interaktiven Elementen dargestellt. „Wir laden die Kreisbevölkerung und besonders Schulen ein, die interessante Ausstellung zu besuchen.“ Sie biete „aktiven Geschichtsunterricht“. Kreuzer freute sich, dass auch sie im Kreishaus gezeigt wird – wie die vier vorherigen Ausstellungen des Zentrums, die der Kreisverband ebenfalls geordert hatte - als einziger in Hessen. 

„Wir sind gern Gastgeber“, sagte der Erste Kreisbeigeordnete Karl-Friedrich Frese. „Wir bitten um Interesse an dieser informativen und sehr emotionsgeladenen Ausstellung.“ Er lobte das Engagement des Kreisverbandes, die Ausstellungen brächten den Menschen deutsche Geschichte ein Stück weit näher. Das sei auch erforderlich.

Einsatz für Frieden und Humanität gefragt

Frese erinnerte an die gegenwärtige Verrohung der Sprache, an Gewalt und Morde wie den an Dr. Walter Lübcke, der Wert der Aufrichtigkeit gerate in den Hintergrund. „In diesen politischen Zeiten“ sei der Einsatz aller für Frieden und Humanität gefragt. „Krieg als Mittel der Gewalt führt nicht zu gesellschaftlichen Fortschritt.“ 

Die Demokratie sei vielen heute selbstverständlich geworden, viele kritisierten nur, statt sich einzubringen. Wohin das führen könne, sei an den Tafeln der Ausstellung zu sehen: zu unendlichem Leid, Elend und tausendfachen Tod. 

"Teil eines großen Vertreibungsgeschehens"

Die grausame Verschleppung der Deutschen sei "Teil eines großen Vertreibungsgeschehens", erläuterte Dr. Herfried Stingl aus Groß-Gerau in seiner Einführungsrede. 1985 hat der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ für die Deutschen bezeichnet. Für die mehr als eine Million verschleppter Deutscher sei es kein Tag der Befreiung gewesen, betonte Singl. „Stalins harte Faust“ habe sie umklammert. 

Schon nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Sommer 1941 habe Stalin die überwiegend an der Wolga beheimateten Russlanddeutschen hinter den Ural deportieren lassen, sagte er - sie galten wegen ihrer Herkunft als unzuverlässig, in den neuen Gebieten, etwa in Kasachstan, wurden sie oft angefeindet.

 Viele Frauen und Kinder betroffen

Nach dem Krieg seien Deutsche aus den Ostgebieten, aus der sowjetischen Besatzungszone, aus der Tschechoslowakei, Rumänien oder Ungarn in sowjetische Elendslager verschleppt worden, berichtete Dr. Stingl. Sie mussten unter harten Umständen Zwangsarbeit leisten.

 Da viele Männer gefallen oder noch in Gefangenschaft waren, habe es gerade Frauen getroffen – sogar Kinder und Jugendliche.

Stingl bemängelte, dass sogar Historiker gern über das Thema Vertreibungen hinwegsähen, die nach dem Völkerrecht ein Verbrechen sind.  Auch in Schulbüchern kämen sie nur begrenzt oder verzerrt vor. Von daher hofft er auf viele Besucher der Ausstellung. „Ich wünsche mir, dass sich viele Schüler und Studenten mit diesem Thema beschäftigen.“ (-sg-)

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