Dr. Harald Schacht

Battenberger Arzt absolvierte Hilfseinsatz auf philippinischer Insel

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Der frühere Battenberger Hausarzt Dr. Harald Schacht ist von einem sechswöchigen Hlfseinsatz auf die Philippinen zurückgekehrt. Hier zeigt er ein Foto, das die Lebensumstände auf der Insel Mindoro dokumentiert.  

„Es war eine Mischung aus Neugier und dem festen Willen, Menschen in armen Ländern zu helfen.“ So begründet der frühere Battenberger Hausarzt Dr. Harald Schacht (66) seine Entscheidung für einen sechswöchigen Hilfseinsatz auf der philippinischen Insel Mindoro, von dem er nun zurückgekehrt ist.

„Ich hatte schon Bauchschmerzen“, gibt Harald Schacht offen zu. Zwar sei er von der Hilfsorganisation „German Doctors“ intensiv auf seinen Einsatz vorbereitet worden. „Aber letztlich war ich sechs Wochen lang bei allen Entscheidungen auf mich allein gestellt.“

Oft waren es Entscheidungen über Leben und Tod. Über 1500 Patienten hat Dr. Schacht in dieser Zeit behandelt. Auf der etwa 110 mal 80 Kilometer großen Insel Mindoro leben acht Stämme der Mangyan. „Ein kleinwüchsiges Volk mit vielen Traditionen, überaus freundlich und friedlich“, erzählt Dr. Schacht. Die Mangyan lebten sehr einfach, bauten Bananen und Kokospalmen sowie eine Pflanze ähnlich unserem Kohlrabi an, berichtet der frühere Battenberger Hausarzt. Nach seinen Worten haben sich die oft bekämpften und ausgebeuteten Mangyan in den Urwald zurückgezogen. „Dort hat sie der philippinische Staat vergessen und sie ihrem Schicksal überlassen.“

Mit drei einheimischen Krankenschwestern und einem Fahrer ist Dr. Schacht jeden Morgen gegen 7 Uhr mit einem Landrover in die Berge aufgebrochen. „Die erste halbe Stunde auf asphaltierten Straßen, dann eine bis zwei Stunden auf schwer befahrbaren Schotterpisten. Stetig bergauf, durch Flüsse und Geröll.“

Bambushaus als Untersuchungsraum: Hier wird eine Hütte auf Mindoro/Philippinen für die Sprechstunde vorbereitet. Mit dabei: Eine der drei einheimischen Krankenschwestern. 

Gegen 8.30 Uhr war dann eines von etwa 20 Dörfern der Mangyan erreicht. Für die „Sprechstunde“ wurde eine Bambushütte notdürftig mit Planen bedeckt. „Viele unserer Patienten waren über zwei Stunden unterwegs zu uns, haben ihre kranken Kinder in Kiepen auf dem Rücken oder Schwerstkranke an einer aus Bambusstangen gebauten Trage zu uns gebracht“, berichtet Schacht. „Etwa 70 Prozent meiner Patienten waren Säuglinge oder Kinder.“ Nach der ersten Untersuchung war für ihn oft klar: „Entweder kommt dieses Kind sofort in ein Krankenhaus, oder es ist in drei bis vier Tagen tot.“ Der Weg in ein Krankenhaus war selten möglich, das nächste Hospital 50 Kilometer entfernt und für die Mangyan allenfalls mit einem Moped zu erreichen. „Die Männer faulenzen. Die Mütter, die oft mit 14 oder 15 zum ersten Mal schwanger werden, können die kranken Kinder nicht begleiten, weil sie sich um deren Geschwister kümmern müssen.“

Fast alle Kinder, die Dr. Schacht untersuchte, waren unterernährt. Lebensbedrohlich hohes Fieber, Durchfall, Lungenentzündungen, Tuberkulose sowie Wurm- und schwere Hauterkrankungen waren an der Tagesordnung. Mit Medikamenten aus dem Geländewagen konnte der „German Doctor“ vielen Kindern helfen – doch längst nicht allen. „Ich hatte nicht viel mehr als meine fünf Sinne, ein kleines chirurgisches Besteck und mein Stethos-kop“, berichtet Dr. Schacht.

Einem Kind musste er einen „fürchterlichen Abszess“ am Hals eröffnen – ohne Anästhesie. „Das Kind hat geschrien. Die Gefahr war sehr groß, dass ich Blutgefäße verletze und das Kind verblutet wäre“, erinnert sich der Battenberger Arzt. Der Eingriff glückte.

Doch es gab viele Fälle, in denen Dr. Schacht nicht helfen konnte. „Das hatte ich so nicht erwartet. Das hat mich schwer belastet“, sagt der Battenberger Arzt, der selbst vier erwachsene Kinder hat.

Viele Frauen sterben bei der Geburt

Natürlich gab es auch positive Erfahrungen. Gegen eine hochfiebrige Lungenentzündung hilft ein Antibiotikum aus der „Rolling Clinic“ – spricht: von der Ladefläche des Landrovers – und das relativ schnell. „Ja, ich habe auch lachende Kinder und fröhliche Menschen erlebt. Freundlich waren sowieso alle“, erinnert sich Dr. Schacht. „Ich habe mich niemals unwohl oder ängstlich gefühlt. Aber es bedrückt, Mütter im Alter von 19 Jahren zu sehen, die schon drei Kinder haben. Die Zähne rot gefärbt vom Betelnuss-Kauen, mit apathischem Gesichtsausdruck.“ 

Die Früchte der Betelnusspalme wirken wie eine Droge. „15 bis 20 Prozent dieser Frauen sterben bei der Geburt. Die Babys werden oft gleich mitbeerdigt, wenn es keine Angehörigen gibt, die die Kinder zu sich nehmen. Mädchen im Alter von sechs bis acht Jahren werden oft verkauft – sicher aus einer puren Notsituation heraus. Kinderprostitution spielt ja leider nicht nur auf den Philippinen, sondern weltweit eine zunehmende Rolle.“ „Wertungen habe ich mir abgewöhnt“, sagt der Battenberger Hausarzt rückblickend auf seinen Aufenthalt. „Bei uns war die Situation vor 200 Jahren ja auch nicht grundlegend anders.“ 

60 bis 100 überwiegend schwer kranke Patienten am Tag, Tagestemperaturen um die 35 Grad bei über 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, einfache Ernährung und allenfalls eine kalte Dusche mit Brunnenwasser am Abend: Es waren schon harte Bedingungen für den deutschen Arzt auf der philippinischen Insel. Doch Dr. Schacht sagt überzeugt: „Ich mach’s wieder.“ Im Herbst 2020 wird er wieder für sechs Wochen als „German Doctor“ in die Slums von Bangladesch oder Kalkutta reisen. Auf eigene Kosten, ohne jedes Honorar. „Ich habe 31 Jahre als Landarzt praktiziert und dabei gut verdient“, winkt Dr. Harald Schacht ab. „Schreiben Sie lieber über die jungen Ärzte, die für ihren sechswöchigen Hilfseinsatz ihren Jahresurlaub opfern. Vor denen habe ich wirklich Respekt.“

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