„So eine Pflege hat keiner verdient“

Betreuer berichtet über Pflegefehler in Altenheimen im Frankenberger Land

+
Entsetzt über Pflegefehler: Der Römershäuser Tino Prang, selbst Krankenpfleger, hat es Schwarz auf Weiß. Ein Gutachten des Medizinschen Dienstes stellte Pflegefehler eines Seniorenheimes im Frankenberger Land fest. Der vom ihm betreute Dieter Werner zog sich schwerste Druckgeschwüre zu. 

Frankenberger Land. Fehlendes Fachpersonal in der Altenpflege: Das ist nicht nur eine besorgniserregende Entwicklung, sondern sie kann für Menschen, die in Seniorenheimen betreut werden, lebensbedrohlich sein. Das hat der Römershäuser Tino Prang erfahren.

Der Vorfall liegt jetzt zwei Jahre zurück. Den Römershäuser (Kreis Waldeck-Frankenberg) Tino Prang beschäftigen die Ereignisse bis heute. Am 11. Februar 2017 starb der von ihm betreute Dieter Werner mit 74 Jahren – an indirekten Folgen von Druckgeschwüren an den Fersen (Dekubitus), wie Prang sagt. Ein Gutachten bestätigt Pflegefehler des Seniorenheimes, in dem Werner in Kurzzeitpflege war.

Der heute 55-jährige Prang, der selbst examinierter Krankenpfleger ist und in der Klinik für forensische Psychiatrie in Haina arbeitet, schildert  unsererdiesen und weitere Pflegefehler in anderen Heimen.

Pflegesituation

Dieter Werner lebte bei der Familie Prang, die 1995 sein Haus in Römershausen erworben hatte. Er behielt eine eigene Wohnung. Als Werner 2013/14 eine Demenz entwickelte und auf Hilfe angewiesen war, beschlossen Prang und seine Ehefrau Andrea, sich um den Rentner zu kümmern. Tino Prang wurde auf Wunsch von Werner vom Amtsgericht als Betreuer bestellt. „Ich kümmerte mich um die körperliche und medizinische Pflege, meine Frau um die Wohnung und Wäsche und unsere Nachbarin Luise Stuhlmann kochte das Mittagessen für Dieter“, sagt Prang. Schwierigkeiten habe es mehrfach gegeben, wenn Werner vorübergehend in Pflegeeinrichtungen war.

Nierenversagen

Im Mai 2015 hatte Familie Prang für ihren sechstägigen Urlaub Dieter Werner zur Kurzzeitpflege in einer Senioreneinrichtung im Frankenberger Land untergebracht. Einen Tag früher als vereinbart wollte Prang den Mann wieder abholen und war geschockt über dessen Zustand. „Er saß zusammengesunken auf einem Sessel, die Brille auf die Nasenspitze gerutscht, und war nicht mehr ansprechbar.“ Er vermutete einen Schlaganfall. Im Kreiskrankenhaus Frankenberg wurde ein akutes Nierenversagen festgestellt.

Erster Dekubitus

Ebenfalls 2015 zog sich Dieter Werner in Römershausen einen Oberschenkelhalsbruch zu. „Er wurde im Kreiskrankenhaus Frankenberg gut versorgt. Dann kam er in eine Reha-Einrichtung in einem Nachbarlandkreis. Zu Hause stellten wir offene Stellen an den Fersen fest“, berichtet Prang. „Zusammen mit dem Wundmanagement der Kreisklinik haben wir das wieder hinbekommen.“

Zweiter Dekubitus

Im November 2016 erlitt Werner erneut einen Oberschenkelhalsbruch. Das Kreiskrankenhaus übernahm die Behandlung, in der neuen geriatrischen Station erfolgte eine Reha. Da Werner für das Gehen am Rollator noch nicht fit genug war, kam er erneut zur Kurzzeitpflege in das Seniorenheim, wo er vor Ort Krankengymnastik erhalten konnte. Am 4. Januar 2017 bemerkte Tino Prang zwei Verbände an Werners Fersen. Alarmiert durch den Dekubitus im Vorjahr und der Tatsache, dass Werner als Diabetiker besonders anfällig war, fragte er beim Pflegepersonal nach. „Kein Grund zur Sorge“, habe man ihm gesagt.

Prang forderte, dass er vor dem nächsten Verbandwechsel informiert werde, damit er sich selbst ein Bild machen könne. Als dies nicht geschah, bestand er einige Tage später darauf, dass die Verbände vor seinen Augen geöffnet wurden. Was er sah, habe ihn erschüttert: Eine Ferse war komplett mit schwarzem abgestorbenen Gewebe überzogen. Auch an der anderen Ferse gab es einen Dekubitus, aber weniger weit fortgeschritten.

Tod

Dieter Werner kam wieder ins Frankenberger Krankenhaus. Die Ärzte versuchten laut Prang, das abgestorbene Gewebe zu entfernen. „Aber es war bis in den Knochen gedrungen. Da war nichts mehr zu machen“, schildert er. „Man hätte das Bein unterhalb des Knies amputieren müssen, aber Dieters Zustand war zu schwach für eine Vollnarkose. Hinzu kam die Vorschädigung der Nieren.“ Außerdem habe Werner in einer Patientenverfügung festgelegt, dass auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet werden sollte.

Dieter Werner verstarb am 11. Februar 2017 im Krankenhaus – „nicht direkt am Dekubitus, aber indirekt an den Folgen“, sagt Prang. „Der Dekubitus hätte vermieden oder bei entsprechender Behandlung versorgt werden können. Ich bin auch mit zwei Jahren Abstand noch empört. So eine Pflege hat keiner verdient“, sagt Prang.

Das sagt das  Seniorenheim

Das Seniorenheim, das Dieter Werner vor seinem Tod betreute, weist den Vorwurf eines Pflegefehlers zurück. „Der Fersendekubitus steht in keiner Weise in Zusammenhang mit dem Tod des Patienten. Dies wurde so auch im abschließenden Bericht von dem behandelnden Krankenhaus festgehalten“, heißt es in der Stellungnahme. Den einzigen Fehler, den das Heim sieht, sei eine nicht ausreichend schriftliche Dokumentation aller unternommenen vorbeugenden Maßnahmen und eines dem Behandlungserfolg zuwider laufenden Verhaltens von Dieter Werner.

Werner habe sich, trotz mehrfacher Belehrung, nicht an die Vorgaben gehalten und sich beispielsweise im Liegen immer wieder selbst „entlagert“. So habe sich dennoch ein Fersendekubitus entwickelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion