Waldeck-Frankenberg

Brauner Uferstreifen statt See-Idylle

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- Edersee / Diemelsee (resa/nv). Braune Steinklippen statt blauen Wassers: Selten sank der Wasserstand in Eder- und Diemelsee schon im Sommer so dramatisch wie in diesem Jahr. Während sich vor allem Wassersportler darüber ärgern, werben Tourismusverbände mit den schönen Seiten der Seenregion.

Mit großem Gepäck und seinem Segelboot reiste Jürgen Pflug in der vergangenen Woche an den Edersee. Mehr als drei Stunden war er unterwegs, legte fast 230 Kilometer von Koblenz bis Waldeck zurück. „Und dann standen wir vor einem leeren Loch, wo wir eigentlich den See erwartet hatten“, erzählt Jürgen Pflug. Nicht zum ersten Mal wollte der Koblenzer Urlaub am Edersee machen. „Wir sind oft im Sommer hier gewesen, aber so wenig Wasser haben wir noch nie erlebt“, sagt er, „zu wenig, um zu segeln“. Also erkundete er einen Wanderweg, besichtigte Kirchen und Museum und Korbach und entschied dann enttäuscht, den Heimweg anzutreten. „Wir wollten Wassersport treiben, konnten es aber nicht“, erzählt er, „also sind wir wieder abgereist“. Niemand würde an die Nordsee fahren, wenn es plötzlich keine Nordsee mehr gibt, beschwert er sich – „und das mitten in der Hochsaison“.

Manchem Urlauber wird es in diesen Tagen wie Jürgen Pflug gehen. Denn der Wasserstand im Edersee ist so niedrig wie selten zuvor im Sommer – als erstes haben das die Menschen in Herzhausen zu spüren bekommen. „Wir hatten einen extrem trockenen Frühling“, erklärt Jiri Cemus vom Wasser- und Schifffahrtsamt in Hann. Münden, „also mussten wir früher Wasser aus Diemel- und Edersee ablassen, um den Wasserstand der Weser zu sichern“. Mindestens sechs Kubikmeter in der Sekunde fließen täglich vom Edersee Richtung Weser. „Im Moment lassen wir neun Kubikmeter in der Sekunde ab“, sagt Cemus. Der Regen dieser Tage würde das unaufhaltsame allerdings nur hinauszögern. „Sobald es wieder etwas trockener wird, werden wieder 20 oder 22 Kubikmeter pro Sekunde abgelassen“, kündigt Jiri Cemus an.

Die Menschen am Edersee müssen sich also auf noch trockenere Zeiten einstellen. „Wir gehen davon aus, dass erst im November wieder mehr Wasser zu- als abfließt“, erklärt Cemus. 2007 allerdings habe es einen regnerischen Herbst gegeben, da sei die Edertalsperre bereits im September übergelaufen.

„Alle Urlauber, die wegen des Wassersports an den Edersee kommen, werden bis dahin herbe enttäuscht“, weiß Christian Gerlach, vom Hotel- und Gaststättenverband im Edertal. Die Angler kämen nur mühsam ans Wasser, Taucher müssten ihre schwere Ausrüstung lange Wege tragen und mancherorts müssten die Boote bereits aus dem Wasser genommen werden. Bürgermeister Jörg Feldmann aus Waldeck will nicht klagen, sondern verhandeln. „Die Situation ist allerdings dramatisch“, sagt er. So habe in diesem Sommer extrem wenig Segeltage gegeben. Und wenn die Wassersportler nicht mehr an den Edersee kämen, bedeute das für die Gastronomen einen herben Verlust. Künftig müsse sicher gestellt werden, dass wenigstens im Sommer der Wasserstand auf einem vertretbaren Stand gehalten werden. Es sei nicht hinnehmbar, wenn im Rehbach schon im Juli die Boote aus dem Wasser genommen werden müssten.

Ans Aufgeben denkt Feldmann aber nicht – trotz eines gelegentlichen Ohnmachtsgefühl. „Es kommt auf die Arbeit hinter den Kulissen an“, sagt er und wünscht sich vor allem ein Umdenken bei allen Betroffenen – auch an der Weser. „Wir dürfen die Regionen nicht gegeneinander ausspielen“, sagt Feldmann. Aber es müsse auch in Berlin ankommen, dass der Edersee wichtig ist. Wenn alle Beteiligten wollen, dann würde auch eine technische Lösung zur gerechten Wasserregulierung gefunden. „Wir fliegen schließlich zum Mond“, sagt Feldmann, „da werden wir doch wohl für Wasser im Edersee sorgen können“.

„Bei uns am Diemelsee ist die Lage deutlich besser als am Edersee“, betont Stefan Koch, Kapitän des Ausflugsschiffs „MS Muffert“. Nach Angaben des erfahrenen Seemanns fehlen „gut acht Meter bis zum Überlauf“. Der aktuelle Wasserstand entspreche den Werten, die im September die Regel seien, berichtet Koch. Der Fahrbetrieb sei dennoch nicht eingeschränkt, räumt der Kapitän ein. „Wir können auch bei Tiefststand fahren, allerdings werden die Wege bei wenig Wasser immer länger und die Optik leidet“, verweist er auf die kargen braunen Uferstreifen.

Dass mit dem Wasser auch die Attraktivität des Sees zurück geht, ist kein Geheimnis: Gäste des Jugendzeltplatzes zwischen Heringhausen und Giebringhausen sind gut beraten, Badeschuhe zu tragen, wenn sie das steile, steinige Ufer herunter müssen. Nicht selten trübt angespültes Strandgut – von Hölzern bis Abfällen – den Blick auf die idyllische Landschaft. Die Wasserrutsche am Strandbad Heringhausen führt nicht mehr direkt ins kühle Nass, sondern in ein mit Seewasser gefülltes Becken.

Da die Gemeinde weder Einfluss auf das Wetter noch auf die Bewirtschaftung des Wasser- und Schifffahrtsamts hat, setzt Bürgermeister Volker Becker auf zwei Strategien:  Steigerung der Attraktivität des Sees: 2010 soll beispielsweise in die Infrastruktur des Strandbads investiert werden. Stege für die Badegäste, die sich dem Wasserstand anpassen, hatten die Diemelseer bereits vor einigen Jahren angeschafft. Und der  Ausbau von Alternativen zum Wassertourismus: Gemeinde und Naturpark Diemelsee wollen ihr Engagement für den Wander- und Radtourismus verstärken.

Mehr lesen Sie in der WLZ-FZ vom Samstag,16. Juli

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