Unser Redakteur und seine Familie haben es versucht. Ein Erfahrungsbericht  

Plastikfasten: Ist ein Leben ohne Kunststoffmüll möglich?

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Schön getrennt, aber noch schöner wäre weniger davon: Plastikmüll in Gelben Säcken. Beim Plastikfasten testet Redakteur Gerhard Menkel, ob sich Verpackungen aus Kunststoff vermeiden lassen.

Im Februar rief  der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zum Plastikfasten auf. Unser Redakteur Gerhard Menkel und seine Familie haben mitgemacht.  So gut es ging.  Es ging nicht immer gut, schreibt der WLZ-Mann im ersten Teil seines Erfahrungsberichts.

Nach vier Wochen Plastikfasten stellt sich ein Heißhunger auf Süßes ein. Keks, Bonbons, Schokolade – alles hatten wir uns versagt, weil in den Supermärkten das Süßzeug konsequent von Plastik oder Alufolie umhüllt ist. Nicht das Schlechteste, auf Zuckerhaltiges zu verzichten. Kollateralnutzen. Aber der Körper hat Bedürfnisse. Im Bioladen fällt eine Papiertüte mit Lutschbonbons ins Auge. Der Kauf wird am Ende zum Fastenverstoß, das Papier ist innen foliert.

Plastik ist überall. Es türmt sich im Einkaufswagen, steht Flasche an Flasche in Bad und Küche, kreist in riesigen Müllstrudeln im Meer, füllt Mägen von Fischen und Vögeln, es lagert sich auf Äckern ab und kommt mit dem Biokompost zurück ins Haus. Was tun wir da, um Gottes Willen?

Wir trennen Müll und sammeln Plastik. Weil wir glauben, es werde wiederverwertet. Doch das ist ein Schwindel. Nicht einmal 20 Prozent der Plastikverpackungen werden in Deutschland recycelt, das hat gerade die „Zeit“ herausgefunden.

Der eigene Wille genügt nicht beim Plastikfasten

Vermeidung ist das Gebot. Aber geht das überhaupt? Anders als Süßem, Zigaretten, Alkohol oder Fastfood zu entsagen, unterliegt Plastikfasten nicht bloß dem eigenen Willen. Man muss die eigene Bequemlichkeit überwinden und Gewohnheiten infrage stellen, gewiss – aber auch ganz grundsätzlich die Art und Weise des modernen Konsums, ohne Plastik generell zu verteufeln. Zwecklos? Tatsächlich geht mehr als man glaubt.

Ich hatte mir drei einfache Bedingungen fürs Plastikfasten gestellt: weiter in der Gegend einkaufen, in der ich lebe und arbeite (Raum Bad Arolsen, Korbach, Wolfhagen); Onlineeinkauf als Ausnahme; zusätzliche Fahrten unterlassen. Die Verpackungs-Hierarchie: erst Vermeidung, dann Mehrwegglas, Einwegglas, Papier, Weißblechdose.

Loses Obst und Gemüse einzukaufen, ist leicht - nur nicht im Supermarkt

Beim Start am Aschermittwoch passiert gleich ein Fauxpas: Der Brotaufstrich fürs Brötchen in der Mittagspause steckt natürlich in einem Kunststoffdöschen mit Aludeckel. Zu spät. Man muss erst ein Bewusstsein ausbilden. Nicht, dass mir bisher das Thema schnurz gewesen wäre. Getränke kauft die Familie in Pfandflaschen aus Glas, auch der Joghurt steht im Mehrwegglas im Kühlschrank, Gemüse und Obst landen grundsätzlich unverpackt im Einkaufskorb, Plastiktüten sind tabu. Trotzdem beulen sich gleichbleibend die Gelben Säcke mit Verpackungsmüll Monat für Monat der Abholung entgegen.

WLZ-Redakteur Gerhard Menkel.

Obst und Gemüse unverpackt einzukaufen, ist leicht – auf dem Wochenmarkt oder im Bioladen. Da liegen sie lose rum. Supermärkte, die konventionell und biologisch angebaute Agrarprodukte nebeneinander verkaufen, müssen sie dagegen unterscheidbar anbieten. Verpackt sind meist Biogemüse und -obst, die eingeschweißte Gurke ist zum Negativsymbol dieser Praxis geworden.

Man kann das richtig finden: Weil deutlich mehr konventionell angebaute Gurken verkauft werden als Bio-Gurken, ist es sinnvoller, die kleinere Zahl einzuschweißen. Es gäbe kreativere Lösungen.

Gurken aus regionalem Anbau sind die Alternative. Sie haben kurze Transportwege und müssen schon deshalb nicht in Folie gehüllt werden. Überhaupt: Regionale Lebensmittel sind meine erste Wahl. Wenn ich nicht gerade Lust auf Avocado, Mango, Paprika oder Ananas habe.

Frischhaltefolie in der Grünen Kiste - muss das sein?

Aber selbst die Grüne Kiste, die wir aus dem Nachbarort beziehen, kommt mitunter nicht ohne Plastik aus. Ein Kompromiss. Manchmal ist da ein halber Rotkrautkopf drin und die Schnittfläche wird selbstverständlich mit Frischhaltefolie abgedeckt. Ich rege beim Lieferanten Verzicht an. Er schreibt zurück, er überlege längst, wie er möglichst wenig Verpackung einsetzen könne, ohne die Qualität der Produkte zu verschlechtern. „Uns ist das Problem bewusst und wir arbeiten daran.“

Dritter Tag beim Plastikfasten. Ich rufe die Kundentelefone bei tegut, Edeka und Herkules an (ausdrücklich als Verbraucher, nicht als Journalist): Bieten Bedientheken der Märkte in der Region Käse, Fleisch oder Wurst unverpackt zum Mitnehmen im eigenen Behälter an? Ich hatte erwartet, unter Hinweis auf Vorschriften zur Lebensmittelhygiene höflich abgebürstet zu werden. Passiert aber nicht. Das Thema werde diskutiert, heißt es beim Herkules-Hessenring, vielleicht gebe es eine Entscheidung im ersten Halbjahr.

Bei Edeka verweist die Sprecherin auf die Autonomie der jeweiligen Markbetreiber. Ich soll beim Markt vor Ort nachfragen. Also Anrufe in weiteren Supermärkten in der Gegend (nicht repräsentativ): neben Edeka auch Rewe und Kaufland. Die Mitarbeiter, soweit sie Auskunft geben können, bescheiden mich abschlägig.

Unverpackt an der Frischetheke

Am weitesten ist man bei Tegut. Das Unternehmen habe in verschiedenen Märkten eine Testphase zum Unverpackt-Verkauf an der Bedientheke gestartet; der Markt in der Nähe ist leider nicht dabei. Ende April dann meldet das Unternehmen die Umsetzung: verpackungsfreies Einkaufen an der Frischetheke wird möglich. Der Kniff: Der Kunde stellt seine Box zum Befüllen auf Tablets, die über die Theke gereicht werden.

Das Lebensmittelrecht lässt zu, dass Verbraucher Käse oder Schinken in der eigenen Tupperdose nach Hause tragen. Die Ladenbetreiber müssen nur sicherstellen, „dass die Ware durch eigene Behälter der Kunden nicht hygienisch beeinträchtigt wird“, so das Bundesverbraucherministerium.

Diese Vorschrift lässt Spielraum – für Lösungen, aber auch für Kontrolleure. In den Biomärkten in Arolsen und Korbach ist man aufgeschlossen für Unverpackt-Konzepte, doch an der Theke regieren derzeit Vorsicht und Papier. Ich habe Verständnis.

Verkäuferinnen und Verkäufer meckern auch bei Stress nicht

Leichtes Spiel dann auf dem Wochenmarkt: Die Marktfrau in Arolsen packt den Käse umstandslos in meine Box, die halbe Wurst drückt sie mir in die Hand. Unverhüllt. Auf den Märkten in Korbach oder Kassel erfüllt man meinen Wunsch ebenfalls. In Metzgereien habe ich nicht getestet. Das hat auch damit zu tun, dass der eine Teil der Familie vegetarisch isst und der andere selten Fleisch.

Gute Erfahrungen dafür am Fischwagen: Der frische Fisch wandert verpackungslos in die mitgebrachte Box. Beim Bäcker oder an der Backtheke packt das Personal auf meine Bitte Brot, Brötchen und Co. ohne Aufhebens in den mitgebrachten Stoffbeutel.

Überhaupt sind Verkäuferinnen und Verkäufer aufgeschlossen für die Unverpackt-Idee. Nie meckern sie, wenn ich Äpfel, Birnen oder Möhren lose zur Kasse trage, auch nicht im größten Stress.

FdH ist auch schon ein Erfolg

Mein Plastikfrei-Projekt läuft jetzt drei Wochen. Von strengem Fasten kann keine Rede sein, aber FdH „(Friss die Hälfte“) ist auch schon was.

Der jüngste Sohn ist unfroh. Wir kaufen Brotaufstriche nur noch im Glas. Den Aufstrich, den er gern isst, gibt’s aber nur mit Plastikdeckel. Könnten wir doch im Supermarkt lassen. Der Müll entsteht dann aber trotzdem. Ja, sagt er, aber wenn das viele machen, müssten sich die Betreiber der Märkte was einfallen lassen. Oder die Produzenten.

Wir Kunden müssten uns dem Verpackungs-Wahnsinn häufiger verweigern. Aber wir sind widersprüchliche Wesen. Ein kleines Beispiel. Im Buchladen frage ich mich, warum müssen Bücher eingeschweißt sein. Nur: Würde ich ein neues Buch mit leicht abgestoßenen Kanten, Fingerabdrücken oder leichtem Schmutz auf dem Umschlag kaufen? Eben.

Oder dieses Verhalten im Supermarkt, als ich eilig eine Wurst ordere. Sie steckt in einer Kunststoffpelle. Die Verkäuferin schlägt zusätzlich foliertes Papier drum und steckt alles noch in eine Tüte. Vorschrift? Überflüssig. Ich schweige trotzdem feige.

Vielleicht war es bei ihr ein bloßer Automatismus. Ich hätte was sagen sollen. Abweichendes Einkaufsverhalten muss man trainieren.

Im zweiten Teil des Erfahrungsberichts zum Plastikfasten beschreibt WLZ-Redakteur Gerhard Menkel, wie sich auch im Bad Verpackungen aus Plastik einsparen lassen.

Zur neuen WLZ-Serie "Wir sind dran!"

"Wir sind dran!“ – unter diesem Titel wollen wir in unregelmäßiger Folge diejenigen vorstellen, die vor Ort bewusst anders handeln zugunsten von Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz. Entweder gemeinsam mit vielen anderen – in der Landwirtschaft etwa, beim Einkauf oder der Ernährung – oder auf einem Trampelpfad, der den meisten von uns noch unbekannt ist. Das können Beispiele sein, die jeder (der will), leicht nachmachen kann – Stichwort Müllvermeidung –, aber auch solche, die eher selten sind wie die eigene Geschäftsidee. 

„Wir sind dran“ ist auch der Titel eines Buches über den Zustand der Erde auf Grundlage des aktuellen Berichts des Club of Rome (Gütersloher Verlagshaus 2017). Wir möchten informieren, Mut machen und Möglichkeiten aufzeigen für viele kleine Schritte, die letztlich Veränderungen in Gang setzen. Und wir werden Selbstversuche starten und darüber berichten. 

Kontakt: Wir laden Sie, liebe Leserinnen und Leser, dazu ein, Ideen und Beispiele beizutragen und sich an Diskussionen rund um diese Themen zu beteiligen. Mit Leserzuschriften oder auf der WLZ-Facebook-Seite. Rufen Sie uns an, schreiben Sie uns, sprechen Sie uns an: Waldeckische Landeszeitung, Lengefelder Straße 6, 34497 Korbach, Mail: wirsinddran@wlz-online.de, Telefon: 05631/560150. (du)

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