Kitas und Grundschulen: Erste Bilanz nach Öffnung des eingeschränkten Regelbetriebs

Corona-Begrüßung mit dem Fuß

Neues Ritual: Kita-Leiterin Marion Fichtenau stupst Ida zur Begrüßung mit dem Fuß an.

Seit Dienstag haben die Kitas und Grundschulen in Waldeck-Frankenberg ihren eingeschränkten Regelbetrieb geöffnet. Die WLZ schaute sich in zwei Einrichtungen um und sprach auch mit einem Vorsitzenden eines Elternbeirates.  

Vöhl– Das Corona-Begrüßungsritual haben die Kinder in der Kita Vöhl schon verinnerlicht – sehr zur Freude von Marion Fichtenau. „Wir stupsen uns mit dem Fuß an. Dadurch wird auch noch die Motorik gestärkt“, sagt die Kindergarten-Leiterin, die trotz der Beschränkungen und Auflagen der Corona-Krise etwas Positives abgewinnen kann.

Im Vergleich zum normalen Kita-Alltag hat sich in der Einrichtung in Vöhl viel verändert. Die Eltern dürfen den Kindergarten nicht mehr betreten. Am Eingang werden die Kinder von den Erzieherinnen in Empfang genommen. Mit Hilfe eines Infrarot-Thermometers wird bei den Kleinen die Temperatur gemessen. Bei 38 Grad müssen die Eltern ihre Kinder direkt wieder mitnehmen – oder abholen, schließlich werden die Messungen im Laufe des Tages stündlich wiederholt.

Abstand halten: Das ist für Kinder nicht leicht, doch an diesem Tisch befolgen Rico, Daria und Greta (von links) die Regeln. An den Toiletten weisen Schilder darauf hin, wer sie benutzen darf. Die linke darf nur von den Kindern der Regenbogengruppe, die rechte nur von denen der Super-Heldengruppe betreten werden. Fotos: philipp Daum

Aktuell darf die Kita nur halb so viele Kinder aufnehmen wie sonst. Einen Nachmittagsbetrieb mit Mittagessen gibt es momentan nicht. Anspruch auf Betreuung haben derzeit Familien, in denen Eltern in „systemrelevanten Berufen“ tätig sind – sofern auch der zweite Elternteil beschäftigt ist. Ebenso werden Kinder berufstätiger und studierender Alleinerziehender betreut sowie auch diejenigen, deren Betreuung in einer Kita wegen einer Entscheidung des Jugendamts zur Sicherung des Kindeswohls erforderlich ist. Auch Kinder mit Behinderung können die Betreuung vorrangig nutzen. 

Wer die weiteren Plätze erhält, entscheiden die jeweiligen Träger nach einer festgelegten Rangfolge – in diesem Fall ist das die Gemeinde Vöhl. „Wir alle wissen, dass das für die Eltern gerade nicht leicht ist. Aber wir müssen uns an die Regeln halten, die ich im Übrigen richtig und wichtig finde. Wir handeln schließlich alle im Sinne der Gesundheit von Kindern und Erzieherinnen“, betont Marion Fichtenau, die aber auch keinen Hehl daraus macht, dass ihr die Gespräche mit verzweifelten Eltern in den vergangenen Tagen stark zugesetzt haben.

Das oberste Gebot in der Kita lautet derweil: Eine Durchmischung ist verboten. Pro Gruppe werden daher immer die gleichen Kinder betreut – sowohl in den Kita-Räumen, als auch im Außenbereich. „Falls es zu einem Corona-Fall kommt, müssen die Kontakte nachvollziehbar sein“, erklärt Marion Fichtenau.

Nach jedem Kita-Tag muss das Spielzeug gereinigt und desinfiziert werden, was zur Folge hat, dass der Kindergarten nur noch einen gewissen Teil des ansonsten recht üppigen Angebots für die Kinder bereitstellt. Der Turnraum dient als Lager für Spielzeug, das aktuell nicht genutzt wird. „Das ist schade für die Kinder, doch die ziehen trotzdem voll mit“, freut sich die Leiterin.

Spielzeug, das aktuell nicht genutzt werden kann, lagert im Turnraum. 

Sie berichtet auch von Erlebnissen, die deutlich machten, wie sensibel die Kleinen auf die Veränderungen reagierten. „Wenn ein Kind auf dem Weg in die falsche Gruppe ist, rufen ihm andere Kinder zu, dass dies nicht erlaubt sei“, berichtet die Kita-Leiterin. Auch eine Begebenheit am Wickeltisch habe sie beeindruckt. „Alle Erzieherinnen sind aufgefordert, beim Wickeln einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Als eine Kollegin diesen nicht sofort aufgesetzt hatte, sagte das zweijährige Kind auf dem Wickeltisch zu ihr: Du musst aber eine Maske tragen.“

An den Toiletten weisen Schilder darauf hin, wer sie benutzen darf. Die linke Toilette darf nur von den Kindern der Regenbogengruppe, die rechte nur von denen der Super-Heldengruppe betreten werden.

Im Zuge der weiteren Öffnung der Kita kehrte auch das Personal vollständig zurück – allerdings dürfen nicht alle Erzieherinnen wieder im Bereich der Kinderbetreuung tätig sein. „Ich gehöre zur Risikogruppe, daher muss ich schweren Herzens noch warten“, sagt Erzieherin Monika Hennig, die im Moment jedoch andere Arbeiten erledigen kann, für sie sonst keine Zeit wäre. „Ich katalogisiere unseren Buchbestand. Das ist zwar nicht dasselbe wie die Arbeit mit Kindern, macht mir aber trotzdem Freude“, sagt die Vöhlerin. Nach etlichen Wochen der Untätigkeit im Zuge der Kita-Schließung sei sie einfach nur glücklich, wieder arbeiten zu können.

„Familienbonus ersetzt keine Betreuung“

„Eigentlich läuft nichts“, ärgert sich dagegen Christoph Schäfer, der auch Vorsitzender des Elternbeirates der Kita Kunterbunt in Korbach ist. Sein Unmut richtet sich gar nicht so sehr an die Träger der Kindertagesstätten, sondern an die politischen Entscheidungsträger. „Wir Familien kommen zum Schluss. Da hilft auch der beschlossene Familienbonus nicht. Geld ersetzt keine Betreuung.“ 

„Die Kommunen sollen nach dem Willen des Landes die Kita-Öffnungen selbst organisieren. Wir haben im Landkreis seit Wochen niedrige Infektionszahlen. Eltern gehen auf dem Zahnfleisch, weil sie eigentlich arbeiten müssten, ihre Kinder aber daheim betreuen müssen. Den Kindern fehlen soziale Kontakte im Kindergarten, das sorgt daheim für Spannungen“, so Schäfer, der selbst Vater dreier Kinder ist, von denen zwei in die Kita gehen. 

Christoph Schäfer vom Elternbeirat der Kita Kunterbunt.

„Wir sind noch in einer glücklichen Situation, weil meine Frau in Elternzeit ist. Es gibt aber viele Familien, die es schwerer haben. Ich plädiere daher für eine weitere Öffnung des eingeschränkten Regelbetriebs, wie es in NRW ab Montag der Fall ist“, sagt der Korbacher. Dort sollen unter strengen Hygiene-Auflagen wieder alle Kinder in die Kita gehen – wenngleich die Betreuungszeit verkürzt wird. 

Dass nun eine Corona-Studie an 60 Kitas in Hessen startet, in der die Rolle der Kinder bei der Übertragung des Coronavirus untersucht wird, hält Schäfer für sinnvoll. „Allerdings hätte man damit schon vor 13 Wochen beginnen können. Es gab ja Kinder in der Notbetreuung.“

Kein normaler Unterricht an der Grundschule Neuer Garten in Arolsen

So kurz vor den Sommerferien von Schülern zu hören, dass sie sich wieder auf die Schule freuen, das ist eine erfreuliche Nebenwirkung der Corona-Pandemie. „Die Kinder sind heilfroh, dass sie hier wieder mit ihren Mitschülern sein dürfen“, berichtet Petra Mies, die Leiterin der Grundschule Neuer Garten in Bad Arolsen. Die WLZ besuchte die Grundschule bereits zur Wiedereröffnung unter strengen Hygieneregeln und erfuhr nun, wie wichtig die gesammelten Erfahrungen für die schrittweise weitere Öffnung der Unterrichtstätte sind. 

„Die Kinder gehen gut mit dem Thema Corona und den Beschränkungen um, die an der Schule eine andere Art von Unterricht erfordern“, stellt Mies fest. Das ist bei 80 Jungen und Mädchen aus den Klassen 3 und 4 auch wichtig. Sie bekommen seit 14 Tagen im Schichtsystem und in deutlich verkleinerten Lerngruppen mit elf Kindern pro Raum Unterricht. Dadurch gibt es zweimal so viel Klassen in der Grundschule. Schließlich soll die Gefahr einer Ausbreitung des Corona-Virus eingedämmt werden. Und seit Donnerstag kommen zusätzlich 20 Kinder der 1/2-Klassen: „Ich bin gespannt, wie die mit der neuen Situation umgehen“, sagt die Rektorin. Um den Neubeginn zu ermöglichen, seien personelle wie räumliche Probleme zu lösen gewesen. Alle Lehrer geben wieder Unterricht, auch die Angehörigen von Risikogruppen. Sie haben sich ärztlich beraten lassen und gewährleisten nun den Präsenzunterricht. 

Unterricht im Corona-Modus: Viertklässler in der Grundschule Neuer Garten in Bad Arolsen. Foto: Armin Hass

Wenn eine Kollegin fehlen sollte, dann gerate das System jedoch ins Wanken. Die Mund-Nase-Schutzmaske gehört für die Kollegen und für Schüler gerade zur Grundausstattung, besonders im Bereich der Verwaltungsräume. Und beim Besuch des WLZ-Reporters wurde bei Begegnungen im Schulgebäude freundlich auf Distanz geachtet. Die Schüler sind durch Eltern und Schule schon vor der Wiederaufnahme des Unterrichtes über die Abstandsregelungen und die übrigen Hygieneregeln informiert worden. 

Und sie beherzigen die Vorschriften. Die Kinder lernen dabei, dass sie mit ihrem Verhalten auch Verantwortung für die Gesundheit ihrer Angehörigen und Freunde übernehmen. Gute Arbeit bei der Vorbereitung auf den Neubeginn an der Schule geleistet zu haben, bescheinigt die Schulleiterin besonders den Eltern. Wie Erwachsene mit den Kindern über die Auswirkungen der Covid 19-Pandemie reden, dazu habe auch die Schulpsychologin gute Anleitungen geben können. Die Gespräche zeigten, dass sich die Kinder über den Neuanfang an der Grundschule freuten. Sportlehrer haben für die Pausen genug Bewegungsspiele vorbereitet, sodass auch ein Ausgleich zum Unterricht möglich ist. Der Unterricht ist ganz anders als sonst. Teamarbeit ist gegenwärtig gar nicht angesagt, doch lernen alle, dass sie an einem Strang ziehen müssen, damit die Schule nicht wegen einer Corona-Infektion eines Schülers oder eines Kollegen geschlossen werden muss. 

Die Schulleiterin ist gespannt, aber auch zuversichtlich: Wenn alles ohne Zwischenfälle abläuft, dann darf man am ersten Sommerferientag einen Sekt trinken. „An der Schule muss Corona ein Thema sein“, ist Petra Mies überzeugt. Die kreative Ader der Kinder bringt Tagebücher und Bilder hervor, mit denen sie ihre Eindrücke über die Corona-Krise beschreiben. Am Ende könnten diese Arbeiten für eine kleine Ausstellung gesammelt werden.

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