Corona und das Gastgewerbe

Gastgeber und Wirte befürworten Einschränkungen, machen sich aber Sorgen um die Zukunft

+
Verwaiste Fußgängerzone: Delil Akg öl und seine Mitarbeiterin vom Eiscafé Delizia räumen Tische hin, obwohl kaum Kundschaft kommt.

Gesundheit geht vor, sagen Vertreter des Waldeck-Frankenberger Tourismus nach Verkündung der Maßnahmen wegen des Coronavirus. Wenn sie lange andauern, gebe es aber Probleme.

 „Jetzt gilt erst mal, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Die wirtschaftlichen Perspektiven klären wir im zweiten Schritt“, sagt Andreas Schöneweiß. Mit diesem Standpunkt ist der Ferienhaus-Vermieter aus Harbshausen nicht allein: vom Vorsitzenden des Hotel- und Gaststättenverbands in Waldeck-Frankenberg über den Willinger Bürgermeister bis zum Usselner Hüttenwirt – alle erklären, dass die Prioritäten klar verteilt seien.

Tatsache ist aber auch, dass die von Bund und Ländern verabredeten Maßnahmen gegen das Coronavirus eine Belastung für das Hotel- und Gaststättengewerbe sind. „Ich denke, dass viele kleinere Betriebe sich am Existenzminimum bewegen“, sagte Dehoga-Vorsitzender Jürgen Figge angesichts eingebrochener Umsätze, schon bevor touristische Übernachtungen verboten, Bars geschlossen und Restaurants auf einen Betrieb von 6 bis 18 Uhr beschränkt wurden.

„Ein leer stehendes Bett bekommt der Gastgeber nicht ausgeglichen – er kann es nachher ja nicht doppelt verkaufen“, erklärt Jürgen Figge. Er hoffe auf die von der Regierung zugesagten Hilfen: erleichterten Zugang zur Kurzarbeit, Kredite über die KfW, Stundung der Umsatzsteuer. Ob das reiche, müsse die Zeit zeigen.

Hotels im Waldecker Land schließen wegen Corona

Auch wenn nur touristische Übernachtungen ausdrücklich untersagt sind: Die meisten Beherbergungsbetriebe schließen ganz. Das Tagungsgeschäft sei zuerst eingebrochen, erklärt Marion Arens, Marketing-Leiterin der in Willingen, Bad Wildungen und Diemelsee vertretenen Göbel-Hotelgruppe. Alle Standorte schließen – nur vier sind noch für Geschäftsreisende geöffnet, darunter der Quellenhof in Bad Wildungen. Aber auch das werde sich wohl übers Wochenende erledigen.

Bei einer Betriebsversammlung mit den Mitarbeitern wurde das weitere Vorgehen besprochen: Zuerst sollen Überstunden abgebaut, dann Resturlaubstage genommen werden, bevor Kurzarbeit beantragt wird. Die Hoffnung sei, zwei oder drei Wochen überbrücken zu können.

Auch der Harbshäuser Ferienhaus-Vermieter Andreas Schöneweiß hat komplett geschlossen und informiert seine verhinderten Gäste nun über Umbuchungen und Stornierungen. Nach dem Winter sei das eine bittere Pille. „Nach Corona geht es natürlich weiter“, sagt er – aber der Weg dahin sei voller Unbekannten. Und wie lang er ist, wisse niemand.

Er wolle sich auf die Worte der Minister Altmeier und Scholz verlassen: „Die Politik hat angekündigt, dass sie die Betriebe nicht hängen lassen will.“ Ob Kredite für jeden die Lösung seien, sei fraglich: Um die später zurückzahlen zu können, müsse ein Betrieb schon sehr gut aufgestellt sein. „Aber ein Patentrezept gibt es nicht“, sagt er.

Auf die Hilfen hofft auch Willingens Bürgermeister Thomas Trachte: „Ich glaube, dass die Wirtschaft aus eigener Kraft nicht lange durchhalten kann.“ Das hätte gravierende Konsequenzen für die Gemeinde. Die Maßnahmen gegen das Virus seien derweil nötig: „Alle anderen Fragen werden geklärt, wenn das wichtigste geschafft ist: dass die Menschen gesund sind.“

Corona: Fast leere Gaststätten in Korbach und Willingen

Trotz des frühlingshaften Wetters: In der Korbacher Fußgängerzone bleiben die Plätze an der Eisdiele leer. Zum Schutz vor Ansteckung tragen alle Mitarbeiter im Eiscafé Delizia Handschuhe, aber es kommen viel weniger Kunden. Delil Akgöl berichtet, dass er demnächst mit seinem Steuerberater besprechen werde, inwieweit die Eisdiele den Betrieb aufrecht erhalten kann. 

Im Upland sieht es ähnlich aus: „In Willingen gibt es nicht einen Betrieb, der noch rund läuft“, sagt Arndt Brüne. Beim Verein „Aktives Willingen“ ist er Vorsitzender für Gastronomie und selbst Wirt der Graf-Stolberg-Hütte bei Usseln. Diese hat als Restaurant geöffnet – nach Rücksprache mit Gemeinde und Ärzten. Die meisten Gäste kämen kurz, während sie frische Luft schnappten – was Virologen ja auch empfehlen. „Für uns sind das keine lukrativen Umsätze“, sagt er. Restaurant-Öffnungen findet er dennoch wichtig: „Die Gesellschaft ist zum Teil nicht in der Lage, sich selbst zu bekochen.“ Auch wenn die Tische weit auseinanderstehen und sich niemand zusammensetzt: Andere Menschen zu sehen biete ein Stück Normalität, für das viele dankbar seien. Die Arbeit sei gerade ganz anders: „Mit Tourismus hat das nichts mehr zu tun.“ 

Schon vor der Einigung am Montagabend schlossen verschiedene große Willinger Gastronomien – das Risiko sei nicht tragbar, erklärt Brüne. Am Wochenende hatten die Lokale derweil teils noch geöffnet, wie eine besorgte Willingerin beklagt. Am Samstag erging die Verordnung des Landes, dass Veranstaltungen ab 100 Teilnehmern zu verbieten sind. Der reine Betrieb einer Gastronomie war hingegen erlaubt, erklärt der Landkreis, der für die Umsetzung des Infektionsschutzgesetzes zuständig ist. „Warum Gastronomie und Veranstaltungen nicht von Anfang an einheitlich in der Verordnung behandelt wurden, müsste das Land Hessen als Verordnungsgeber erklären.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare