Buchungen storniert, Perspektive ungewiss, Regelungen ändern sich laufend

Corona-Krise stellt auch Waldeck-Frankenberger Reisebüros vor große Probleme

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Touristikunternehmen und Reisebüros aus der Region, aber auch aus Südniedersachsen und Nordrhein-Westfalen haben auf dem Kasseler Opernplatz erneut auf ihre Existenzbedrohung durch die Coronakrise hingewiesen, einen schnellen Rettungsfonds und weitere Hilfen gefordert. Kamen zur ersten Kundgebung – vor den jüngsten Corona-Lockerungen – noch rund 60 Demonstranten, so waren es nun mehr als 120. 

Waldeck-Frankenberg – In Deutschland leidet die Wirtschaft aufgrund der Corona-Krise. Auch die Reisebranche ist von der Pandemie hart getroffen.

Quasi alle Buchungen wurden storniert, die Perspektive ist ungewiss, Regelungen ändern sich laufend. Diese schwierige Situation bereitet auch den Reisebüros im Kreis Waldeck-Frankenberg große Probleme. Einige davon haben wir befragt.

Mitarbeiter des Reisebüros Bierhoff TUI Travel Star in Bad Arolsen haben mit Kolleginnen aus Warburg bereits an der Demo auf dem Flughafen Paderborn Ende April teilgenommen. Die Zielrichtung ist die Gleiche gewesen wie bei den bundesweiten Demos jetzt: Die Forderung eines staatlichen Rettungsfonds, der die Rückzahlung an Kunden abgesagter Reisen und die Absicherung der Provisionen für Mitarbeiter der Reisebüros garantiert. Schließlich sind Gutscheine von Veranstaltern nicht bei Insolvenz gesichert. Und: Für die Provisionen haben die Reisebüros schon Dienstleistungen erbracht.

Die Mitarbeiterinnen des Arolser Reisebüros sind momentan in Kurzarbeit und eher mit der Abwicklung abgesagter Reise befasst: Da geht es um Gutscheine oder Rückzahlungsforderungen der Kunden, um Umbuchungen zu einem späteren Termin, um die Meldung von Reiseabsagen durch die Veranstalter und nur in sehr wenigen Fällen um konkrete Neubuchungen.

„Viele Kunden sind unsicher, wissen nicht, ob sie ins Ausland reisen sollen, ohne dort oder nach der Rückkehr nach Deutschland in Quarantäne gehen müssen“, sagt Faye Nolte. Schließlich ändern sich die Regelungen laufend.

Einige Kunden hätten schon Anfragen zu Reisen in Deutschland gestellt. Bei solchen Gesprächen gehe es auch um Fragen, ob Buffets angeboten werden oder Mundschutz am Strand vorgeschrieben sei. Aufgefallen seien ihr schon „gesalzene Preise“ für Angebote in Deutschland.

Anna-Lena Figge vom Reisebüro Figge in Ernsthausen arbeitet derzeit ausschließlich Stornierungen der gebuchten Urlaubsreisen ab. Die meisten Kunden hätten sich Gutscheine ausstellen oder den bereits entrichteten Preis zurückzahlen lassen. Einige wenige hätten Umbuchungen vorgenommen.

Neue Buchungen habe sie bislang nicht vornehmen können: „Die Kunden sind sehr vorsichtig.“ Zumal die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes bis mindestens Mitte Juni gilt. Das aktuelle Kundenverhalten hänge letztlich davon ab, ob diese Warnung verlängert wird.

Anna-Lena Figge geht daher derzeit davon aus, „dass in den nächsten Monaten bei Auslandsfernreisen nicht sehr viel passieren wird. Vielleicht ziehen hier irgendwann Buchungen für den Spätherbst und den Winter merklich an. Aber das ist jetzt Spekulation.“ Sie habe aber die leise Hoffnung, dass sich ab Ende Juni etwas bei Buchungen für Reiseziele innerhalb Deutschlands, Österreichs oder den Niederlanden bewegen könnte.

Dennoch sei sie grundsätzlich deprimiert, „denn unsere Branche ist die von der Corona-Pandemie mit am meisten betroffene. Ich hoffe, durchhalten zu können.“

Vom Abbau von rund 8000 Arbeitsplätzen bei dem ReisegigantenTUI sei ihr Reisebüro nicht betroffen. Anna-Lena Figge: „Ich bin eigenständig und somit diesbezüglich nicht von der TUI abhängig.“

Ähnlich gelassen ist man imTUI-Reisecenter Frankenberg. Inhaber Michael Heydasch: „Die Streichungen bei TUI haben konzerninterne Auswirkungen. Dem Reisebüro selbst passiert nichts.“

Aber: 50 Prozent der Kunden hätten sich bei ihm für die gestrichenen Reisen Gutscheine ausstellen oder den entrichteten Preis auszahlen lassen. Die anderen 50 Prozent hätten für 2021 umgebucht. Über neue Buchungen kann auch Heydasch nicht berichten.

Nach seiner Einschätzung sind nach der derzeitigen Lage Fernreisen auf längere Sicht ausgeschlossen. Nicht nur wegen der Infektionsproblematik in den verschiedenen Reiseländern, sondern auch wegen der schwierigen Situation bei den Fluggesellschaften.

Heydasch setzt seine Hoffnung auf behutsam ansteigenden Tourismus innerhalb Deutschlands – aber auch im angrenzenden Ausland: „Nach Österreich zum Beispiel kann man vielleicht schon Ende Juni reisen. Dies mit dem Auto oder Zug. Dafür ist kein Flugzeug nötig.“

Bei der Betrachtung der nahen Zukunft sei auch in der Reisebranche vieles derzeit Spekulation. Eines aber weiß Michael Heydasch genau: „Das Virus wird weltweit so schnell nicht mehr verschwinden. Urlaube werden auf längere Sicht anders verlaufen, als wir es bislang gewohnt waren.“

Wolfgang Mehring, Vertriebsleiter bei Reiseland, sagt: „Wir warten darauf, dass der Markt wieder anspringt.“ Das Reisebüro dieser Kette in Korbach würde sofort wieder für den Kundenverkehr öffnen, wenn die Nachfrage da wäre. Bislang seien die Mitarbeiter nur damit beschäftigt, gebuchte Reisen für Mai und Juni zu stornieren oder umzubuchen. „Viele Kunden verschieben ihren Urlaub bereits auf das nächste Jahr“, berichtet Mehring.

Die Reiseveranstalter würden gerne Umbuchungen anbieten, um liquide zu bleiben. Möchte der Kunde aber seine Anzahlung zurück, ist der Reiseveranstalter, der die Reise storniert, verpflichtet, das Geld auszuzahlen. „Reiseveranstalter dürfen die Beträge nicht zurückhalten, wenn der Kunde sie einfordert“, erklärt Mehring.

Mit Blick auf die Sommersaison erwartet er ein großes Interesse an Urlaub innerhalb Deutschlands. Dafür werden seiner Ansicht nach aber die Kapazitäten nicht ausreichen. Wegen der Hygiene- und Abstandsregeln würden Hotels nicht voll ausgelastet sein. Die Kapazitäten seien knapp – die Nachfrage werde daher das Angebot an freien Betten übersteigen.

Dies sieht Michael Heydasch vom TUI-Reisecenter Frankenberg ebenso: „Da könnten große Schwierigkeiten entstehen. Ich befürchte ein erhebliches Konfliktpotenzial.“

VON ARMIN HAß, KLAUS JUNGHEIM UND STEFANIE RÖSNER

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