Systemrelevant, aber wirtschaftlich prekär

Corona-Krise trifft Physiotherapeuten, Logopäden und Kollegen hart

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Nicht nur wirtschaftliche Einbrüche zieht die Corona-Krise für Heilmittelerbringer nach sich: Auch bei der Therapie suchen sie teils neue Wege. Kevin De Bruyn beschäftigt sich etwa stark mit Teletherapie.

Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten waren zwar lange systemrelevant, aber nicht im Schutzschirm. Mittlerweile gibt es Hoffnung, Probleme bleiben.

Nachdem sie zum Beginn der Corona-Krise zwar als systemrelevant galten, aber trotz Umsatzeinbrüchen von teils 90 Prozent nicht in den Schutzschirm kamen, reagieren Vertreter der Heilmittelberufe erleichtert: Auch für Berufe wie Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden hat der Bund Hilfen angekündigt.

Details sind weiterhin in Arbeit, aber im Kern erhalten die Heilmittelerbringer eine Ausgleichszahlung von 40 Prozent ihrer im vierten Quartal 2019 abgerechneten Leistungen. Andere Hilfen und das Kurzarbeitergeld werden nicht angerechnet.

„Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, dass wir überhaupt Gehör gefunden haben“, sagt Sabine Baumeister vom Therapiezentrum Battenberg-Gemünden, das Logopädie und Ergotherapie anbietet. Es sei eine faire Lösung für große und kleine Betriebe – und mehr, als manch andere Selbstständige bekommen. Sie hoffe, dass so viele Praxen gerettet werden können. Wegen der hohen Fallzahlen in Battenberg war die Praxis in den ersten Wochen der Krise mal nur zu zehn Prozent ausgelastet: „Viele sagen von sich aus, dass sie nicht kommen.“ Das sei auch verständlich gewesen.

Physiotherapeutin Susanne Pape aus Korbach berichtet, dass sie ein Drittel ihrer Patienten gleich verloren habe, weil sie in Pflegeheimen leben oder anderweitig zu Risikogruppen gehören. Zudem gebe es weniger Operationen, nach denen Therapie nötig wäre; auch die Ärzte verordnen sie zuletzt seltener. Die Einmalzahlung sei je nach Dauer der Krise ein gutes Mittel, erklärt die Therapeutin. Sie ist krisenerfahren – in den 1990er-Jahren habe die Gesetzgebung oft dazu geführt, dass von heute auf morgen nichts mehr verschrieben wurde: „Ich habe die 90er überlebt, ich werde auch das hier schaffen.“

Nah dran geht es bei der Physiotherapie - derzeit ein Problem.

„Es ist prinzipiell super, das es eine Lösung gibt, aber noch ist das nicht richtig ausgeklügelt“, sagt Kevin De Bruyn, Physiotherapeut aus Korbach, der noch 60 Prozent Auslastung vermeldet. So werden Privatpatienten nicht berücksichtigt – bei ihm machen sie einen hohen Anteil aus. Auch die Bemessung wirft Fragen auf: Werden Zahlungseingänge oder Rechnungsausgänge des Quartal gezählt? Leistungen aus dem Dezember werden wegen des Jahreswechsels oft im Januar abgerechnet. Probleme kriege auch, wer nur zweimal im Jahr abrechne, oder gerade neu gegründet hat. Es seien also Einzelfallentscheidungen nötig.

Die befragten Praxen haben Kurzarbeit angemeldet. „Eine bittere Pille“, sagt Sabine Baumeister. Susanne Pape hebt hervor: Dadurch ließen sich alle Mitarbeiter halten – wichtig auch angesichts des Personalmangels im Bereich. Kredite als Instrument kommen schlechter weg: „Die Frage ist: Lohnt sich das überhaupt?“, so De Bruyn. Nach langer finanzieller Durststrecke gab es erst vergangenes Jahr wieder Fortschritte, sagt Baumeister – Geld beiseite zu legen bleibe schwierig.

 

Verantwortung für Mitarbeiter und Patienten

Die Arbeit hinter der Atemschutzmaske sei anstrengend: „Aber wir tun, was wir tun können“, sagt Susanne Pape. Es liegt in der Natur der Heilmittelberufe, Patienten sehr nahe zu kommen, also werden alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen: Beim kleinsten Anzeichen einer Erkrankung bleiben die Mitarbeiter weg: „Das gleiche erwarten wir von den Patienten.“ Dafür, dass Patienten Masken genäht haben, ist sie dankbar, denn sie seien kaum zu bekommen. 

Auch in der Logopädie sei es nicht möglich, Distanz zu wahren, erklärt Sabine Baumeister: Bei Kindern, Patienten mit MS, ALS oder Schluckstörungen gehe das nicht. Die Verantwortung, die Patienten zu versorgen und die Vorsorgepflicht für die Mitarbeiter einzuhalten, wiege schwer: „Wir wären im Extremfall ein unheimlicher Multiplikator“. Ein spezielles Problem: Der Patient in der Logopädie muss den Mund seines Therapeuten sehen – Kunststoff-Visiere aus dem 3D-Drucker zählen deshalb zu den wichtigen Hilfen, die Menschen aus der Umgebung zur Verfügung stellen. Von FFP3-Masken könne sie nur träumen, Schutzkleidung im Allgemeinen sei schwierig zu bekommen, einiges wurde selbst genäht: „Ich habe keine Tischdecken und Bettwäsche mehr zuhause.“ 

Kevin De Bruyn hatte Glück: Er bestellte noch Desinfektionsmittel, direkt bevor das Angebot sich verknappte. Einige Wochen sollten seine Vorräte noch reichen, aber auch die letzten Quellen für Materialien versiegen. Um überhaupt etwas zu erschwinglichen Preisen zu bekommen, täten sich Therapeuten zusammen, um beispielsweise 10 000 Masken auf einmal zu kaufen. Unterstützung gebe es nicht. 

Schwierig wird es, wenn Corona-Patienten dringende Therapien brauchen: Kevin De Bruyn hält das etwa nach Unfällen oder bei Lymphdrainagen für möglich. Für absolute Notfälle hat er FFP3-Masken und einen separaten Eingang. Im Therapiezentrum Battenberg-Gemünden gab es solche Fälle schon, es betreffe besonders Patienten mit Schluckstörung. „Dann versuchen wir, mit massivem Schutz aufzulaufen“, erklärt Baumeister. Im „normalen“ Betrieb gilt es sonst, zu desinfizieren, gleichzeitig flexibel und vorsichtig zu sein.

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