Wie sieht es aktuell in den Partnerstädten aus? WLZ blickt nach Frankreich und in die USA

Corona-Krise: Verständnis, aber auch Wut in Mouchard

+
Da war ein gemeinsames Frühstück noch möglich: Das Bil d entstand 2019 beim Besuch einer Delegation aus Vöhl in Mouchard. Zu sehen sind (von links): Karl-Heinz Stadtler, Madeleine und Michel Rochet, Michel und Jaqueline Genet und Suzanne Flottmann. 

Wie wirkt sich die Corona-Krise in den Partnerstädten unserer Waldecker Kommunen aus? Wir fragten im französischen Mouchard und in Hermann (USA) nach.

„Mouchard ist ein totes Dorf. Niemand ist auf der Straße, alle Arbeiten werden eingestellt, Geschäfte sind geschlossen. Geöffnet haben nur das Gesundheitshaus, Apotheken, Tabakläden, Bäckereien und Supermärkte“, berichtet der dortige Bürgermeister Michel Rochet in einem Schreiben an Harald Plünnecke, Vorsitzender der Partnerschaftsvereinigung Vöhl-Mouchard.

Studenten aus ganz Frankreich seien bereits seit Freitag, 13. März, zu ihren Familien zurückgekehrt. Schulen seien seit 16. März geschlossen und Kindertagesstätten stünden nur denjenigen Kindern offen, deren Eltern in Gesundheitsberufen oder als Feuerwehrleute tätig seien.

„Ich habe alle öffentlichen Plätze, Turnhallen, das Stadion und Spielplätze geschlossen. Das Rathaus ist nur zwei Stunden am Tag nach Vereinbarung geöffnet. Die Post ist geschlossen“, schildert der Bürgermeister die Situation im französischen Dorf. Drei seiner Mitarbeiter müssten zu Hause bleiben, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Ein Arzt und eine Krankenschwester aus dem Gesundheitsheim in Mouchard seien mit dem Coronavirus infiziert, auch sie müssten daheim bleiben. „Ich hatte den Arzt am Telefon. Er sagte mir, es sei schwierig, er ist sehr müde“, berichtet Rochet.

Wer mit dem Auto unterwegs sei, müsse eine Ausgangsgenehmigung bei sich haben. In dieser müsse stehen, wo man an dem jeweiligen Tag und zu welcher Uhrzeit hin wolle. Gegenseitige Hilfen und Solidarität würden in Mouchard zwischen Nachbarn und für gefährdete Menschen organisiert.

„Wir vergleichen unsere Situation auch mit der in anderen Ländern – zum Beispiel in Deutschland und Italien“, sagt der Bürgermeister. Deutschland sei man dankbar, weil es Franzosen in seinen Krankenhäusern aufnehme. „Das ist eine schöne Solidarität“, so Rochet.

Der Bürgermeister wird wegen der Corona-Krise noch etwas länger im Amt bleiben als geplant. „Vor zwei Wochen fand die Kommunalwahl statt. Es gab Schutzmaßnahmen“, berichtet neben Michel Rochet auch Dominique Chalumeau, der auf französischer Seite Vorsitzender der Partnerschaftsvereinigung Vöhl-Mouchard ist. Im Wahllokal habe der Abstand zwischen der ersten und zweiten Person entsprechend groß sein müssen. „In der Woche danach sollten sich eigentlich die neuen Gemeinderatsmitglieder treffen, um über die Nachfolge im Amt des Bürgermeisters abzustimmen“, sagt Chalumeau. Dies sei verschoben worden, so dass Michel Rochet und der Gemeinderat einige Wochen länger im Amt bleiben.

Der Vorsitzende berichtet, dass die Lehrer wegen der Schulschließungen von daheim aus arbeiten und den Schülern Unterrichtsmaterial online zur Verfügung stellen. „Die Schüler schicken die Arbeiten dann zurück. Manchmal gibt es auch Termine für Unterricht über Video, aber nicht für die Grundschulen, sondern nur für Gymnasium und Universitäten.

„Einerseits verstehen viele Leute die Ausgangsbeschränkungen und Maßnahmen. Viele sind aber auch wütend, weil es an Masken und Desinfektionsmitteln fehlt“, sagt Chalumeau. Die Journalisten würden die Lage oft mit der in Deutschland, Italien und Spanien vergleichen. „Viele Franzosen verstehen nicht, warum hier so wenige Leute getestet werden. In Deutschland werde viel mehr getestet und viel weniger Leute würden sterben“, sagt der Vorsitzende. Die Menschen verstünden auch nicht, warum es in Frankreich so wenige Reanimationsbetten im Vergleich zu Deutschland gebe.

„Meine 100 Jahre alte Mutter darf ich nicht besuchen“

Ähnlich wie in Deutschland ist durch die Ausbreitung des Coronavirus auch das öffentliche Leben in den USA weitgehend zum Erliegen gekommen. Hermann, die Partnerstadt von Bad Arolsen liegt im Bundessstaat Missouri, etwa auf halbem Wege zwischen St. Louis und Kansas City, unmittelbar am Missouri-Fluss. 

Hermann, die Partnerstadt von Bad Arolsen, liegt im Bundessstaat Missouri, etwa auf halbem Wege zwischen St. Louis und Kansas City, unmittelbar am Missouri-Fluss.

Von hier berichtet Nancy Fagerness, freie Mitarbeiterin der Lokalzeitung Advertiser Courier: „In unserer Stadt und im ganzen Landkreis Gasconade County gibt es bis heute (28. März) keine bestätigten Corona-Fälle. Dennoch sind auch hier die Schulen bis 24. April geschlossen. Wahrscheinlich müssen auch die Schüler der Abschlussklassen auf ihre Feiern verzichten. Es erscheint heute unwahrscheinlich, dass der große Abschlussball stattfindet.“ 

Im Artikel schreibt sie weiter, dass Menschenansammlungen von mehr als fünf Personen verboten seien. „Wir sind angehalten, möglichst großen Sicherheitsabstand zu anderen einzuhalten. Geöffnet haben nur noch die Supermärkte, Tankstellen, Apotheken, die Post-Station und Friseursalons. Wir sind zwar angehalten, so wenig wie möglich vor die Tür zu gehen, aber das wird nicht so streng kontrolliert wie in den größeren Städten. In New York, wo Verwandte von mir wohnen, haben die Menschen mehr Probleme.“ Aber auch in den Kirchen von Hermann werden – so geht es aus dem Bericht hervor – keine Sonntagsgottesdienste mehr gefeiert. 

Manche Pfarrer übertrügen ihre Predigten vor leeren Kirchen im Internet. Auch die meisten Freizeitaktivitäten seien gestrichen. „Unsere Sporthalle wurde ebenfalls geschlossen. Deshalb kann ich mein Fitness-Training nicht mehr wahrnehmen. Wie andere verfolge ich die Trainingseinheiten auf YouTube“, schreibt Nancy Fagerness. „All diese Einschränkungen waren zu ertragen, so lange es draußen kühl und regnerisch war, aber jetzt wird das Wetter besser und es fühlt sich mehr wie Frühling an. Mit einer Freundin treffe ich mich zu Spaziergängen. Wir treffen dabei auch andere Menschen im Park. Dabei halten wir natürlich den gebührenden Sicherheitsabstand. Bewegung an der frischen Luft ist ja so wichtig.“ 

Die Restaurants dürften nur noch außer Haus liefern. Auch die Senioreneinrichtungen würden Essen ausliefern. Der Besuch im Seniorenheim sei stark eingeschränkt worden. „Ich glaube, die meisten Menschen vermissen die sozialen Kontakte mehr als alles andere. Meine 100 Jahre alte Mutter darf ich nicht mehr im Seniorenheim besuchen. Ich stehe manchmal vor ihrem Fenster und winke ihr zu. Dabei darf sie noch nicht einmal ihr Fenster öffnen. Wir nutzen E-Mail und Facetime, um miteinander zu sprechen.“ Die Stadt Hermann sei eine Touristenattraktion. 

Nancy Fagerness ist freie Mitarbeiterin der Lokalzeitung "Advertiser Courier" in Hermann (USA). Wegen Corona darf sie ihre 100 Jahre alte Mutter derzeit nicht im Seniorenheim besuchen.

Deshalb würden jetzt Hotels, Pensionen und Zimmervermieter leiden, weil keine Gäste mehr kommen dürfen. „Gerade kam die Nachricht, dass unser berühmtes Wurstfest ausfällt. Auch das Maifest wird gestrichen. Beide Großveranstaltungen locken jedes Jahr zigtausende Besucher aus St. Louis an. Diese Einnahmen werden dieses Jahr fehlen“, schreibt Nancy Fagerness. Es sei auch schade, dass alle Austauschbegegnungen von Schülern und Erwachsenen-Gruppen ausgesetzt würden. „Wir hoffen, dass die Reisebeschränkungen nicht allzu lange dauern und dass bald alles wieder normal läuft. Wir vermissen die Besuche unserer Freunde aus Deutschland.“ (Aus dem Englischen übersetzt von Elmar Schulten)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare