Uwe Kemper legt Jahresbilanz der Korbacher Agentur für Arbeit vor

Corona-Pandemie wirkt sich 2020 deutlich auf dem heimischen Arbeitsmarkt aus

Bauhelme hängen auf einer Baustelle in Thüringen auf einem Holzbock von Dachdeckern. Themenbild zur Wirtschaftslage.
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Arbeitslose qualifizieren: Das wird für die Korbacher Agentur für Arbeit eine immer wichtigere Aufgabe. Immer mehr Hilfstätigkeiten fallen in Betrieben weg – aber Facharbeiter werden auch in der Corona-Krise gesucht.

Die Corona-Pandemie hat sich 2020 deutlich auf dem heimischen Arbeitsmarkt niedergeschlagen: Die Zahl der Arbeitslosen ist im Vergleich zu 2019 um mehr als ein Fünftel gestiegen. Die Zahl der offenen Stellen sank um fast ein Sechstel. Das berichtet der Leiter der Korbacher Agentur für Arbeit, Uwe Kemper, in seiner Jahresbilanz.

Waldeck-Frankenberg – Im Vergleich zu 2019 stieg die Zahl der Arbeitslosen in Waldeck-Frankenberg um 562, ein Plus von 18,8 Prozent. Durchschnittlich 3557 Menschen waren auf Arbeitssuche, 2019 waren es nur 2994. Die Arbeitslosenquote betrug 4,0 Prozent, 0,6 Punkte mehr als 2019.

Im Agenturbezirk mit den Kreisen in Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder waren 2020 im Schnitt 7452 Menschen ohne Beschäftigung gemeldet, 2019 waren es nur 6171. Das entspricht einem Plus von 1281 Betroffenen oder 20,8 Prozent. Die durchschnittliche Quote stieg von 3,3 auf 4,0 Prozent 2020. Sie liege aber deutlich unter den Werten in Südhessen, betont Kemper.

Dynamik auf dem Arbeitsmarkt

Trotz der Auswirkungen der Pandemie sei aber weiter eine Dynamik auf dem Arbeitsmarkt vorhanden, sagt er. „Da ist weiterhin Bewegung drin – wenn auch weniger als im Vorjahr.“ Zwei Zahlen verdeutlichen dies: 23 598 Menschen hätten sich im Verlauf des vorigen Jahres arbeitslos gemeldet, 22 561 hätten die Arbeitslosigkeit wieder verlassen – gerade die Verkehrslogistik, Fertigungsbetriebe und Zeitarbeitsfirmen hätten Leute eingestellt. Insgesamt seien 7752 Stellen neu gemeldet und 8082 Stellen abgemeldet worden.

Um Arbeitslose kümmern sich die Agentur und das vom Kreis und der Agentur betriebene Jobcenter in Waldeck-Frankenberg. Wie Kemper berichtet, geht der Anstieg der Arbeitslosigkeit mit einem Plus von 29,8 Prozent zum deutlich größeren Teil auf das Arbeitslosengeld I zurück, für das die Agentur zuständig ist. Bei den vom Jobcenter betreuten Beziehern der Grundsicherung habe die Arbeitslosenzahl 2020 um 12,5 Prozent zugenommen.

Wandel in der Wirtschaft

Mit einem Plus von 36 Prozent musste die Geschäftsstelle in Frankenberg im vorigen Jahr den stärksten Anstieg an Arbeitslosen hinnehmen – sie hatte lange die niedrigste Quote im gesamten Agenturbezirk. Zwei Gründe für den Anstieg nennt der Leiter der Korbacher Agentur für Arbeit, Uwe Kemper, in seiner Jahresbilanz: Viele Betriebe sind als Zulieferer vom Strukturwandel in manchen Branchen betroffen. Andere beliefern die wegen der Corona-Krise noch stärker schwankenden Weltmärkte.

Ohnehin finde mit der Diskussion um den Klimaschutz und durch Veränderungen auf den internationalen Märkten ein Wandel in der Wirtschaft statt, berichtet Kemper. Er sei schon im dritten Quartal 2019 erkennbar gewesen und habe sich durch Corona noch verstärkt: Unternehmen setzten zunehmend auf die Weiterbildung ihres Personals, einfache Helfertätigkeiten fallen weg.

Ausländer stark betroffen

Das traf gerade Ausländer. Mit einem Plus von 35,3 Prozent waren sie auf Agenturebene am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Arbeitslosenquote bei ihnen liegt bei 13,3 Prozent – insgesamt liegt sie bei vier Prozent. In Waldeck-Frankenberg lag der Anstieg bei 27,2 Prozent.

Hauptgrund: Viele Flüchtlinge hatten einfache Helfertätigkeiten angetreten, um schnell Geld zu verdienen. Viele dieser Jobs sind durch den Strukturwandel und durch wegbrechende Aufträge in der Corona-Krise weggefallen. Auch Zeitarbeitsfirmen haben Leute entlassen.

Auch für die Flüchtlinge gelte daher, sich weiterzuqualifizieren, betont Kemper. Denn Facharbeiter werden weiterhin gesucht. Teils gelte es auch, individuelle oder berufsspezifische Deutschkenntnisse zu verbessern.

Seit April angestiegen ist auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen. Bei den über 55-Jährigen wuchs die Arbeitslosigkeit um 22,2 Prozent. Auch da sind gerade gering Qualifizierte betroffen. Den geringsten Anstieg gab es im Kreis bei den 15- bis 20-Jährigen: Da lag das Plus lediglich bei 7,6 Prozent.

Weniger offene Stellen

Der Bestand offener Stellen ist im Jahresvergleich um 17,6 Prozent zurückgegangen: 2019 gab es im Agenturbezirk 3102 unbesetzte Stellen, 2020 nur noch 2555. Im Kreis sank der durchschnittliche Bestand um 17,8 Prozent – von 1732 Stellen 2019 auf 1424 Stellen 2020.

Mehr Leute qualifizieren

Ein großes Thema in diesem Jahr werde die Qualifizierung von Jobsuchenden, kündigt Kemper an. Auch sie litt 2020 wegen der Corona-Krise: Damit Leute schnell ihr Geld bekommen, hatte die Agentur auch aus der Arbeitsvermittlung Personal für die Bearbeitung der Kurzarbeits-Anträge abgestellt. Die Auszahlung habe Priorität gehabt.

Diese Mitarbeiter sollen dieses Jahr Schritt für Schritt in die Vermittlung zurückkehren, um Arbeitslose in Stellung oder in eine Qualifizierung zu bringen. Für die Kurzarbeitsanträge – und für die Fahndung nach Leistungsmissbrauch – werde neues Personal mit gezielten Programmen qualifiziert.

Corona-Auswirkungen auf die Ausbildung

Bei der Ausbildung seien die Auswirkungen der Corona-Krise deutlich zu sehen, sagt Kemper. Durch die Beschränkungen waren Angebote zur Berufsorientierung oder Berufsmessen 2020 nur digital möglich, deshalb seien weniger Jugendliche erreicht worden als üblich. „Die Folgen merken wir deutlich“: Weniger Bewerber seien in Ausbildung vermittelt worden.

Auch die Nachvermittlungsaktion von Oktober bis Jahresende sei weniger erfolgreich gewesen als in den Vorjahren, berichtet Kemper. So seien deutlich mehr unversorgte Bewerber auf dem Markt. Die Zahl der Lehrstellen erscheine aber – nach jetzigem Stand – stabil: Viele Betriebe hätten unbesetzte Stellen nicht storniert, sondern fürs neue Ausbildungsjahr im August 2021 umgeschrieben. (Schilling)

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