Coronavirus im Kreis Waldeck-Frankenberg

Zu Zeiten von Corona - Interview mit Zahnarzt: „Die Krise wird alle Zahnarztpraxen belasten“

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Arbeit unmittelbar am Patienten: Zahnärzte sind in der Corona-Krise besonders gefährdet, weil sie sich leicht infizieren können. Schutzmaßnahmen stellen derzeit den Praxis-Alltag auf den Kopf. 

Von der Coronakrise sind laut Interviewpartner Dr. Volker Ladda aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg gerade Zahnärzte besonders betroffen.

Sie behandeln Patienten dicht über deren Mund und Nase: Zahnärzte sind in der Corona-Krise einer besonderen Infektionsgefahr ausgesetzt. Im Interview mit unserer Zeitung berichtet der Willinger Zahnarzt Dr. Volker Ladda von seinem derzeit nicht ganz einfachen Berufsalltag in der Praxis.

Die unmittelbare Nähe zum Patienten ist für Zahnärzte notwendig, um ihrer Arbeit nachgehen zu können. In der Corona-Krise sind die Mediziner dadurch einer hohen Gefahr ausgesetzt. Das Risiko, sich mit dem Virus anzustecken, steigt wegen zunehmender Covid-19-Fälle immer weiter an.

Corona in Waldeck-Frankenberg: Interview mit Zahnarzt aus Willingen

„Zahnärztliche Tätigkeiten erlauben nie einen Sicherheitsabstand von 150 Zentimetern“, macht daher auch Dr. Volker Ladda aus Willingen deutlich. Unsere Zeitung hat mit dem Zahnarzt, der zugleich stellvertretender Vorsitzender in der zahnärztlichen Kreisstelle Waldeck ist, gesprochen.

Herr Dr. Ladda, warum sind Sie als Zahnarzt aktuell besonders gefährdet?

Medizinische Behandlungen dicht über Mund und Nase eines Menschen sind mit einem unmittelbaren Kontakt der Behandelnden mit der feuchten, ausgeatmeten Luft verbunden, durchsetzt mit extrem vielen Keimen. Bei Behandlungen werden durch in den Mund gesprühtes Wasser viele weitere Keime aus dem Mund und dem Rachen herausgewirbelt. Zahnärzte und Assistenzen sind immer einem Nebel sehr hoher Infektionsgefahr ausgesetzt.

Und in der Corona-Krise nimmt die Gefahr noch einmal deutlich zu?

Ja. Wenn eine zunehmende Zahl von Menschen noch mit einem besonders gefährlichen Keim durchseucht ist, steigt das gesundheitliche Risiko für zahnärztliche Teams viel stärker an als für Menschen, die in der Öffentlichkeit nur dicht bei einander stehen. Wir sind auch deutlich gefährdeter als medizinisches Personal, das lediglich in Sekunden einen Rachenabstrich mit einem Wattestäbchen vornehmen muss.

Wie schützen Sie sich vor Infektionen?

Üblicherweise mit möglichst großen Brillen, dicht anliegenden Mund-Nasen-Masken und Einmal-Handschuhen. Wenn ein Patient gefährlich infektiös ist, reichen diese Schutzmaßnahmen aber nicht aus. Besonders dichte Atemmasken, Schutzschilde für das gesamte Gesicht, besser für den gesamten Kopf und Hals sowie langärmlige Einmal-Schutzkittel sind erforderlich. Die werden aber in einer ambulanten Zahnarztpraxis nicht vorgehalten.

Wie lösen Sie dieses Problem?

Die Bundes-Zahnärztekammer hat sich in der vergangenen Woche mit dem Bundesgesundheitsminister über die Notwendigkeit geeinigt, die nötigen Schutzmittel bundesweit zu beschaffen und zur Verfügung zu stellen. Das wird aber nicht innerhalb von Tagen möglich sein. Zumindest für die Übergangszeit sollen gut ausgestattete zahnmedizinische Kliniken, wie beispielsweise die Fachkliniken der Universitäten, die an Covid-19 erkrankten Patienten mit Zahnschmerzen behandeln. Sowohl die große Menge an besonderer Schutzkleidung, als auch die Benennung zuständiger Fachkliniken, werden allerdings nicht schon in den nächsten Tagen zur Verfügung stehen. Daran wird noch gearbeitet.

Zahnarztpraxen bleiben also definitiv geöffnet?

Ja. Alle ambulanten Praxen von Haus-Zahnärztinnen und Haus-Zahnärzten bleiben geöffnet und übernehmen weiter die Behandlung von Schmerzfällen, soweit das im Einzelfall möglich ist. Dabei ist der Schutz der zahnärztlichen Teams ebenso wichtig, wie die Behandlung von akuten Schmerzzuständen oder auch Verletzungsfolgen. Die Entscheidungen der behandelnden Zahnärzte werden in vielen Fällen sehr schwierig zu treffen sein. Die Bevölkerung scheint aber inzwischen leidlich informiert und verständnisvoll zu sein.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Es wird auch beim Versorgungsangebot der Zahnärzte aktuell Einschränkungen geben?

Damit wir in ambulanten Praxen den derzeitigen Aufgaben mit gerade noch erträglichen Kompromissen nachkommen können, haben wir einen großen Teil der zwar geplanten, aber nicht akut erforderlich Behandlungen aufgeschoben. Dazu gehören etwa reine Vorsorgemaßnahmen, die sogenannte Prophylaxe, wie beispielsweise die professionelle Zahnreinigungen.

Inwieweit hat sich bei Ihnen in der Praxis der Alltag geändert – gerade auch im Hinblick auf die Vermeidung von Infektionen?

Die Schutzmaßnahmen unserer Praxen beginnen unmittelbar vor der Eingangstür. Viele dieser Türen sind verschlossen. Patienten werden erst zum Eintritt aufgefordert, wenn sie eine Reihe von Informationen gelesen haben. Darin wird knapp die Gefahrenlage beschrieben, es wird nach kurz zurück liegenden Reisen in Risikogebiete gefragt und nach möglichen Kontakten zu anderen Menschen, die in diesen Risikogebieten waren oder eine Corona-Diagnose haben. Wenn sich unter anderem durch die Beantwortung der Fragen ein deutlicher Verdacht für eine Corona-Infektion ergibt, ist eine Diagnose nötig. Erst wenn klar ist, dass keine Infektion vorliegt, kann eine zahnärztliche Behandlung erfolgen.

Erwarten Sie auch wirtschaftliche Einbußen, wenn Patienten fernbleiben (müssen) und Behandlungen deshalb ausfallen?

Wir alle sind zurzeit einem äußerst hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Das hat in der Tat für manche Praxen auch Existenz bedrohende Einnahmeverluste zur Folge. Die tägliche Umsetzung aller geforderten Hygienemaßnahmen und das breite Angebot an zeitgemäßen und von deutschen Patienten erwarteten Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten sind mit sehr hohen Kosten verbunden. Die momentane Krise wird alle Zahnarztpraxen auch mit einem starken Missverhältnis von laufenden Kosten und Einnahmen belasten.

Wer hilft Ihnen in dieser schwierigen Lage?

Wir bekommen Hilfe von unseren Zahnärztekammern sowie von den Kassenärztlichen Vereinigungen auf Landes- und Bundesebene. Sie unterstützen uns mit wichtigen Recherchen, bei Verhandlungen mit den Landes- und Bundesgesundheitsministerien sowie mit den Krankenkassen. Sie erarbeiten derzeit Krisenkonzepte und erwirken die dafür notwendigen Finanzierungen durch die Krankenkassen oder Behörden.

Ist das ausreichend?

Unsere Zahnarztpraxen sind in der Regel kleine Betriebe und keine Einrichtungen für Intensiv- oder Katastrophenmedizin. Wir werden wegen der notwendigen Ausgangsbeschränkungen auch einen Teil unserer Mitarbeiterinnen für unbestimmte Zeit nach Hause schicken müssen. Home office ist für uns überhaupt keine Lösung. Eine Unterstützung werden wir voraussichtlich von den Arbeitsämtern mit Blick auf Kurzarbeit-Regelungen erhalten. Dennoch hat jede Praxis, jede leitende Zahnärztin und jeder leitende Zahnarzt die hohe Infektionsgefahr, die Sorge um die Mitarbeiter und um die Wirtschaftlichkeit der Praxis selbst zu tragen. Das macht uns auch Angst. Dennoch sind wir von der Zweckmäßigkeit der Infektionsschutzmaßnahmen überzeugt und leisten unsere Beiträge.

Zur Person: Das ist Dr. Volker Ladda

Dr. Volker Ladda ist seit dem Jahr 1983 Inhaber einer Zahnarztpraxis in Willingen, seit 1989 führt er diese zusammen mit seiner Frau und Kollegin Annett Ladda.

Dr. Volker Ladda

„Wir sind beide schon seit dem Studium begeistert von den Möglichkeiten der medizinischen Prävention, bei uns in der Zahnmedizin meist Prophylaxe genannt. Erkrankungen zu verhindern ist erheblich smarter, als sie spät zu behandeln“, sagt Dr. Volker Ladda. Zur Praxis im Upland gehören zudem acht teils langjährige Mitarbeiterinnen. Der Zahnarzt aus Willingen ist darüber hinaus stellvertretender Vorsitzender in der zahnärztlichen Kreisstelle Waldeck.

Von Philipp Daum

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